US-Republikaner Der Preis für Sarah Palin

Die Republikaner gehen mit ihrer Vizepräsidentschaftskandidatin ein hohes Risiko ein. Die Amerikaner starren auf eine Frau, die vor einer Woche noch völlig unbekannt war.

Ein Kommentar von Christian Wernicke

Diese Woche sollte John McCain gehören. Ihm allein, ganz und gar. Am Fernsehschirm sollte die Nation Augenzeuge sein, wie der weißhaarige US-Senator seine arg ramponierte Partei zu einem Jungbrunnen und in eine neue, gleichsam Bush-freie Ära führen würde. Plötzlich aber funktioniert das mit der Zeitenwende nicht mehr so richtig.

McCain und die Frau, die ihm noch viele Probleme bereiten könnte: Sarah Palin

(Foto: Foto: AFP)

Erst verhagelte der Hurrikan Gustav die republikanische Inszenierung. Und jetzt starrt das Volk - halb fasziniert, halb verstört - nur noch auf Sarah Palin, McCains designierte Vizepräsidentin. Deren farbenfrohe Biographie, deren buntes Familienleben überstrahlt alles - und wirft Schatten auf McCains vermeintliche Stärken.

Der Präsidentschaftskandidat der Republikaner baute bisher darauf, seinem Volk einen Wechsel ohne Risiko feilzubieten. Er verkörperte den Aufbruch zu einer neuen Reise samt "Rundum-Sorglos-Paket". In einem Jahr, da vier von fünf US-Wählern glauben, ihre Nation dümpele in eine falsche Richtung, müssen auch die Konservativen einen Neuanfang versprechen - aber eben einen, der das Land auf sichere Gleise führt.

Deshalb erschien McCain der Partei als idealer Kandidat: Dieser konservative Freigeist hat dem bisherigen Präsidenten wiederholt die Stirn geboten und dabei doch stets Seriosität und Sicherheit ausgestrahlt. Der Kern von McCains Kampagne ist der stete Verweis auf seinen Dienst am Vaterland, auf seine heldenhaften fünfeinhalb Jahre im nordvietnamesischen Kerker. "Das Land zuerst," diesen Slogan würde niemand mehr dem aktuellen Bewohner des Weißen Hauses abkaufen. McCain, dem ritterlichen Patrioten, schien diese Parole wie eine Rüstung auf den Leib geschneidert.

Doch diesen Nimbus droht Sarah Palin zu zerstören. Die teils amüsanten, teils dramatischen Details, die das Volk an der potentiellen Vizepräsidentin entdeckt, sind für sich genommen kein Grund zur Panik. Im Gegenteil, viele Amerikaner hegen sehr wohl Sympathie für diese 44jährige Frau, die lebensfroh schießt und fischt, obendrein einen Bundesstaat regiert und nun eben früher als erwartet Großmutter wird. Schicksal! Fatal ist jedoch der nun gärende Eindruck, McCain habe dieses neue Gesicht allein aus wahltaktischem Kalkül und ohne angemessene Prüfung an seine rechte Seite geholt. Palins Kür wirkt unüberlegt, unseriös, ja gefährlich.

Diese Frage ist schon erlaubt: Ist die wackere Provinzpolitikerin, die erst vor einem Jahr einen US-Pass für ihre erste Auslandsreise (zum Besuch von Alaskas Truppen in Kuwait) beantragte, wirklich berufen und befähigt, im Ernstfall die globale Supermacht in Krisen und Kriegen zu führen? McCains Personalie offenbart einen trotzigen, fast verzweifelten Mut zum Risiko.

McCain hat sich mit seiner "Seelenverwandten" verspekuliert

Doch wer, etwa als parteiloser Wechselwähler, in diesem Jahr nach dermaßen viel "Change" für Amerika verlangt, der kann ab sofort gleich den Propheten von Wandel und Hoffnung wählen: also Barack Obama. Wer Zweifel hegte ob der Unerfahrenheit des schwarzen Jungsenators aus Chicago, der findet nun auch bei McCain und seiner erklärten "Seelenverwandten" Sarah Palin keinen Halt mehr. Nein, dieses republikanische Duo ergänzt sich nicht: Die Vize-Frau zersetzt nur McCains Verlässlichkeit.

Zudem hat sich John McCain verspekuliert: Denn jene Demokraten, die aus Enttäuschung über das Scheitern von Hillary Clinton vielleicht für den republikanischen Veteranen votiert hätten, vermag die erzkonservative Abtreibungsgegnerin kaum zu locken. Als Lohn winkt McCain nur, dass nun die evangelikale Basis sich mit neuem Furor hinter ihm schart. Das ist wichtig - aber nicht genug, um die Wahl im November zu gewinnen. Der Lohn der Angst, den diese Stellvertreterin auf der Rechten verspricht, ist weniger als der Preis für das Risiko, den McCain in der politischen Mitte bezahlen muss. Sarah Palin wird die Republikaner teuer zu stehen kommen.