Merkels Antrittsbesuch in den USA soll aus Sicht der Amerikaner der Neubeginn einer wunderbaren Freundschaft sein.
Den roten Teppich haben sie im Weißen Haus schon ausgerollt für Angela Merkel, noch ehe der Bundeswehr-Airbus an diesem Donnerstag zu ihrem Antrittsbesuch in Washington landen wird.
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So viel roter Teppich ist es, dass manchen Beobachtern schon die Sorge umtreibt, die Amerikaner könnten am Ende enttäuscht sein. Das dürfte nicht der Fall sein. Denn die Visite soll aus Sicht der Amerikaner vor allem zweierlei dienen: Sie soll unterstreichen, wie gut die Atmosphäre zwischen den alten transatlantischen Freunden wieder ist.
Und Präsident George W. Bush will versuchen, rasch ein persönliches Vertrauensverhältnis zur ersten deutschen Kanzlerin aufzubauen. Bush sei dazu mehr als bereit, sagen Leute mit Zugang zum Umfeld des Präsidenten. Ihn habe Merkels Lebensgeschichte beeindruckt, ihre Herkunft aus dem kommunistischen Osten Deutschlands, ihr steiler Aufstieg im Westen. Und deshalb kann der Empfang eigentlich nicht freundlich genug sein.
Gute Stimmung trotz Guantanamo-Kritik
Auch die kritischen Äußerungen Merkels zu Guantanamo haben der guten Stimmung keinen Abbruch getan. Man weiß in Washington, dass sie zu allererst auf das deutsche Publikum gemünzt sind und nicht als Schulmeisterei der Amerikaner gemeint waren.
"Sie will als Freund auftreten, nicht als Lakai", sagt der Europa-Experte John Hulsman von der konservativen Heritage-Foundation, einem Think Tank, der über enge Verbindungen zum Regierungsapparat verfügt.
Merkels Feststellung, dass sich die USA ein Internierungslager auf Dauer nicht leisten können, wird durchaus auch von Republikanern geteilt.
"Sie müssen ihr etwas geben"
Und schließlich sind ihre Worte nach Einschätzung von Jackson Janes, dem Direktor des American Institute for Contemporary German Studies, ein Hinweis an das Weiße Haus, dass die neue Freundlichkeit eine zweigleisige Angelegenheit ist: "Sie müssen ihr etwas geben."
Mit größter Aufmerksamkeit hatten sie im Weißen Haus und im State Department registriert, dass Merkel in ihrer Regierungserklärung mehr Mut zur Freiheit von ihren Landsleuten verlangt hat, fast so als habe sie eine versteckte Anspielung machen wollen auf Bushs Inaugurationsrede, in der er von Amerikas Verpflichtung zur Förderung der Freiheit in aller Welt gesprochen hatte.
"Bush glaubt, dass sie ein größeres Gespür hat für das, was er meint, wenn er von Freiheit spricht", sagt Bill Drodziak, der Präsident des American Council on Germany. Es ist den Amerikanern keineswegs entgangen, dass in der Koalitionsvereinbarung ausdrücklich von der Verbesserung des transatlantischen Verhältnisses die Rede ist.
Der Antrittsbesuch von Außenminister Frank-Walter Steinmeier Ende November in Washington hat anfängliche Befürchtungen zerstreut, dass nun ein Sachwalter des alten Kanzlers einen kühleren Tonfall ins Berliner Außenamt bringen wird.
Und gern hört man die Schalmeienklänge von Karsten Voigt, dem alten Sozialdemokraten, der vom Merkel-Effekt auf die transatlantischen Beziehungen schwärmt. "Es ist hauptsächlich ein Wandel im Stil und in der politischen Rhetorik, nicht einmal so sehr in der Sache", sagt Karen Donfried, eine ehemalige Mitarbeiterin des State Department, die nun im German Marschall Fund tätig ist.
Bush wird sich hüten, die neue Freundschaft mit übertriebenen Erwartungen zu strapazieren. Natürlich wissen sie im Weißen Haus, dass auch eine Kanzlerin Merkel nie deutsche Soldaten in den Irak schicken wird.
Aber es wird als bedeutende Geste verstanden, wenn Berlin sich noch mehr in der Ausbildung von Irakern in den Golfemiraten und beim Aufbau politischer Strukturen im Land selbst engagieren will. Bush wird es auch nicht schwer fallen das größere Engagement der Deutschen in Afghanistan zu loben.
"Deutschland ist wieder wichtig"
Natürlich wissen sie im Weißen Haus auch, dass es im transatlantischen Großstreit um die Agrarsubventionen keine rasche Lösung geben wird und Berlin es sich deswegen nicht mit Paris verscherzen will.
Aber mit Genugtuung hat man notiert, dass aus dem Berliner Kanzleramt nun wieder eine Absage an allfällige Pariser Vorstöße zur Aufhebung des EU-Waffenembargos gegen China zu hören ist.
Und ohnehin hat man den Eindruck, dass es keine Gedankenspiele der Deutschen mehr geben wird, die EU als strategische Alternative zur Nato aufzubauen - so hatten sie es mitunter in den vergangenen Jahren in Washington wahrgenommen. Vielmehr hoffen sie darauf, in Berlins Kanzleramt wieder den Partner zu haben, den man als Ersten anrufen kann, wenn es um die EU oder um Südost- und Osteuropa geht.
Sie werden viel über Iran reden, über das Verhältnis zu Russland (die nüchterne Annäherung Merkels an Moskau wird als sehr positiv empfunden) und die Frage der Energiesicherheit. Aber es dürfte keine gemeinsame Erklärung geben. "Wir haben jetzt begrenzte Ziele", sagt Hulsman von der Heritage Foundation, "aber Deutschland ist für uns wieder wichtig."
(SZ vom 12.1.2006)
Documenta-Leiterin Carolyn Christov-Bakargiev