Knockout vor Millionenpublikum

US-Präsidentschaftsdebatten /
Von Johannes Kuhn
/ Veröffentlicht am , im US-Wahlblog

Es gibt eine Szene in der White-House-Fernsehserie "The West Wing", die das Herz aller politischen Idealisten höher schlagen lässt: Darin stehen sich die beiden Präsidentschaftskandidaten Santos und Vinick in einer TV-Debatte gegenüber und beschließen gleich zu Beginn, einfach zu diskutieren. Keine steifen Regeln, keine Zeitmessung, keine Moderatoren. Nur zwei Männer, die das Volk von ihren Argumenten überzeugen wollen.

Nun ist "The West Wing" für die schwärmerische Schilderung des Politikbetriebs bekannt. In der Realität erinnern Debatten eher an das Duell zweier Job-Bewerber, die viel übereinander, aber selten miteinander reden. Was das Aufeinandertreffen der Kandidaten so faszinierend macht, ist ihre Funktion als Klimax des Wahlkampfes, ihre Stilisierung zum entscheidenden Showdown der Kandidaten, der alles verändern kann.

Doch stimmt diese Annahme überhaupt? Ein Blick in die Historie zeigt, dass Fernsehdebatten nur selten Wahlen entschieden haben, häufig aber Stärken und Schwächen der Kandidaten genau zum Vorschein brachten. Einige Beispiele:

Die erste TV-Diskussion zweier Kandidaten überhaupt zwischen Richard Nixon und John F. Kennedy 1960. Der gesundheitlich angeschlagene Nixon schwitzte, wirkte erschöpft, nervös und geradezu verstört. Ihm gegenüber: ein entspannter, gleichwohl konzentrierter Kennedy. Aus dem Duell entstand der Mythos, dieser Auftritt Nixons sei für den Wahlausgang (Kennedy siegte) entscheidend gewesen.

Längst aber haben Medienforscher nachgewiesen, dass diese Einschätzung zumindest teilweise ein Mythos ist: Eine Umfrage, wonach Radiohörer Nixon überzeugender als die Fernsehzuschauer fanden, ist längst diskreditiert - sie war weder repräsentativ, noch hatte sie genügend Teilnehmer. Auch wurde immer wieder darauf hingewiesen, dass es gerade die kritische Nachberichterstattung war, die den Eindruck des überforderten Richard Nixon verstärkte.

Eindeutiger war die Lage bei der zweiten Debatte von 1980 zwischen Ronald Reagan und Amtsinhaber Jimmy Carter. Reagan, der gelernte Schauspieler, wirkte dabei weltgewandt, kompetent, humorvoll und zielstrebig; Carter hingegen fand sich ständig unter Rechtfertigungszwang. Das bekannte "Here we go again", mit dem Reagan die Argumente seines Gegenübers entwertete, gilt als ultimativer rhetorischer Trick. Republikanische Politiker verwenden ihn auch heute noch gerne in leicht veränderter Form, zuletzt Sarah Palin bei der Debatte mit Joe Biden 2008 (erfolglos). Nur wenigen gelingt es jedoch wie Reagan, vernichtende Kritik mit einem Hauch von Arroganz zu verbinden und dennoch seriös zu wirken.

Reagans Sieg bei der Debatte war vor allem deshalb entscheidend, weil das TV-Duell nur wenige Tage vor der Wahl stattfand und beide Kandidaten - entgegen des Mythos, wonach Carter fast uneinholbar in Führung lag - zu diesem Zeitpunkt in den meisten Umfragen gleichauf lagen. Die steigenden Beliebtheitswerte nach seinem Auftritt konnte Reagan also fast direkt in Wählerstimmen ummünzen. Der späte Termin für die zweite Präsidentschaftsdebatte gilt bis heute als einer der größten Fehler in Carters Wahlkampfstrategie.

"Wenn Kitty Dukakis vergewaltigt und ermordet werden würde, wären Sie für die Todesstrafe für den Mörder?" Diese Frage eines CNN-Moderatoren an den Demokraten Michael Dukakis aus dem Jahr 1988 ist in die PR-Lehrbücher für Politiker eingegangen. Statt als Ehemann Emotionen zu zeigen, legte Dukakis ohne jede Gefühlsregung seine Argumente gegen die Todesstrafe dar.

Ob diese Momente für die Wahl George H.W. Bushs entscheidend war, ist aber zweifelhaft. Dukakis schaffte es während des gesamten Wahlkampfs nicht, den Vorwurf Bushs zu entkräften, ein unpatriotischer Ultra-Liberaler zu sein. Seine Antwort auf die äußerst unfaire Frage zeigt allerdings seine größte Schwäche: Den Mangel an fernsehfreundlich verwertbaren Emotionen.

Was ist ein Patzer? Al Gore leistete sich während der ersten Präsidentschaftsdebatte mit George W. Bush im Jahr 2000 keine inhaltlichen Fehltritte oder Blackouts. Was ihm viele - vor allem Bushs Berater - ankreideten, war sein Auftreten, das später als "streberhaft" und unhöflich beschrieben wurde. Immer wieder unterbrach er seinen Kontrahenten, fragte bei Moderator Jim Lehrer nach Extra-Redezeit und seufzte hörbar, wenn ihm Bushs Argumente nicht passten. Das zusammengeschnittene Video gibt allerdings ein etwas überzeichnetes Bild von der Atmosphäre des Abends.

Verlor Gore mit diesem Auftritt die Wahl? Wohl kaum. Vielmehr fand er als damaliger Vize-Präsident, der sich von der umstrittenen wie beliebten Clinton-Regierung distanzieren wollte, während des gesamten Wahlkampfs seine Rolle nicht. Der TV-Auftritt wurde erst später zum Symbol für die Niederlage Gores. Wie sich Obama und Romney in den anstehenden Fernsehduellen präsentieren, wird also womöglich erst im Nachhinein als symptomatisch für ihr späteres Wahlschicksal interpretiert werden.

Lesetipp: Weitere Hintergründe zum TV-Duell von Christian Wernicke.

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