US-Präsident und Social Media Obama nutzt die Nische

Mitten im Konfetti-Regen der Republikaner lässt sich Barack Obama von den Usern eines Online-Netzwerks löchern. Beispiele: Welche Farbe hat die Zahnbürste des mächtigsten Manns der Welt? Und mag er eigentlich Katzen? Antworten gibt er jedoch nur auf ausgewählte Fragen.

Von Matthias Kohlmaier

Wollte nicht erklären, welche Farbe seine Zahnbürste hat: US-Präsident Barack Obama.

(Foto: AFP)

Das gleich vorweg: Welche Farbe seine Zahnbürste hat, hat Barack Obama nicht geantwortet. Auch nicht, ob er seinen Vizepräsidenten Joe Biden bei einer Partie Basketball besiegen würde. Und auch die Frage "Lieber Waffeln oder Pfannkuchen zum Frühstück?", fand keine Beachtung. Eine halbe Stunde lang stand der Präsident den Nutzern von Reddit.com in einem AMA (Ask Me Anything) Rede und Antwort. Also zumindest theoretisch. Praktisch beantwortete Obama gerade mal zehn von mehreren hundert Fragen. Am Ende waren trotzdem beide Seiten recht zufrieden.

Die Funktionsweise von Reddit.com, einer im Vergleich mit Facebook und Twitter eher unbekannten Social-Media-Seite, ist relativ einfach. User können Kommentare, Bilder oder Links einstellen, diese werden von anderen Mitgliedern bewertet. Je mehr positive Stimmen ein Post erhält, desto weiter oben wird er auf der Internetseite platziert (und desto mehr Nutzer nehmen natürlich davon Notiz). Die Webseite ist sehr schlicht gestaltet, die Nutzerzahlen überschaubar. So twitterten nach dem Obama-AMA die Reddit-Verantwortlichen, die Seite sei phasenweise durch 200.000 Nutzer völlig überlastet gewesen.

Aber warum begibt sich der US-Präsident mitten im Wahlkampf in die Niederungen eines Nischenmediums? Warum opfert er seine knappe Zeit für eine digitale Plauderrunde, bei der ohnehin größtenteils völlig abseitige Fragen gestellt werden? Die Antwort: Weil er momentan neben der umfangreichen Berichterstattung vom Nominierungsparteitag der Republikaner in den Medien kaum zum Zuge kommt.

Denn während sich Konkurrent Mitt Romney und die neue republikanische Hoffnung Paul Ryan beim zig Millionen US-Dollar teuren Parteitag in Tampa in Szene setzen können, erfährt der amtierende Präsident dieser Tage nur wenig mediale Beachtung. Also ab ins Internet und flugs ein paar Fragen besorgter und weniger besorgter Bürger beantworten. Und schon wird zumindest ein bisschen - dieses Blog ist nur einer von vielen Beweisen - über den Mann aus dem Weißen Haus berichtet.

Ein bisschen öffentliche Aufmerksamkeit

Gegenüber dem Republikaner-Parteitag hat Obamas Auftritt bei Reddit.com auch einen willkommenen Vorteil: die Kosten für diese Form des Wahlkampfs tendieren gegen null. Beim Sammeln von Wahlkampfspenden hinkt Obama schließlich gegenüber Romney deutlich hinterher. So zeigt sich der Präsident im World Wide Web als krasser Gegensatz zum als Turbo-Kapitalist verschrienen Multi-Millionär Mitt Romney und seiner beinahe sündhaft teuren Inthronisation in Tampa. Obama zeigt: Ich bin der Mann des Volkes. Und besagtes Volk stimmt ein, wenn ein User auf Reddit.com über Obama schreibt: "ONE OF US. ONE OF US." Ein anderer spricht gar vom "coolsten Präsidenten aller Zeiten".

Schon die Teilnahme des Präsidenten an der Befragung begeistert die User, auf die Antworten kommt es kaum an. Aber immerhin erfährt der geneigte Leser nun: Obama versucht trotz stressigem Job immer, wenn er in Washington D.C. ist, mit der Familie um 18.30 Uhr zu Abend zu essen. Die schwierigste Entscheidung seiner ersten Amtszeit war es, "unsere mutigen Männer und Frauen" nach Afghanistan zu schicken. Und nach der Präsidentschaftswahl Anfang November wird er zuallererst all denen danken, die an seiner Kampagne mitgearbeitet haben - egal, ob er Präsident bleiben oder abgewählt werden sollte.

Da ist nichts substanziell Neues und schon gar nichts Unerwartetes dabei. Obamas Wahlkampfmanager dürften aber trotzdem hochzufrieden sein, denn der Präsident hat sich wieder mal als bürgernaher Politiker und jugendlicher Web-Wahlkämpfer präsentiert. Also als das exakte Gegenteil von Romney, dem selbst in der eigenen Partei nachgesagt wird, er habe quasi den Charme eines Eiswürfels.

Die letzte Frage stellt sich Obama am Ende übrigens sicherheitshalber selbst - und beantwortet sie auch. "Falls ihr euch fragt, was ich über diese Reddit-Erfahrung denke - nicht schlecht!" Im Klartext: Euch allen ist doch spätestens jetzt klar, wo ihr am 6. November Euer Kreuzchen machen müsst, gell?!

Linktipp: Die Internetseite mashable.com hat die 20 seltsamsten Fragen aus dem AMA mit Präsident Obama gesammelt. Ein Großteil des Materials wurde mittlerweile aus dem Originalthread bei Reddit.com getilgt. Der Favorit des Autors: "Do you think you could beat Abraham Lincoln in a knife fight?"