Abkehr von Bushs Plänen: Die Hinweise verdichten sich, dass die neue US-Regierung vom Bau der Raketenabwehr in Osteuropa abrückt - auch wenn Polen das noch bestreitet.
Das Weiße Haus in Washington will laut dem Bericht einer Warschauer Zeitung den Bau eines Raketenschildes in Polen und Tschechien nicht weiterverfolgen. Die linksliberale Gazeta Wyborcza berichtete am Donnerstag auf ihrer Titelseite, die Entscheidung für den Verzicht sei "praktisch schon gefallen".
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In der Bevölkerung von Polen und Tschechien gibt es Widerstand gegen den Raketenabwehrschild. (© Foto: Reuters)
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Der US-Korrespondent des Blattes beruft sich dabei auf Informationen aus der amerikanischen Rüstungsindustrie. Der polnische Verteidigungsminister Bogdan Klich sagte hingegen, Warschau habe bislang keinerlei Anlass für die Annahme, dass Washington seine vertraglichen Verpflichtungen nicht einhalten werde. Ein Regierungssprecher in Washington nannte den Zeitungsbericht "unzutreffend".
Beide Seiten hatten im vergangenen Sommer einen Vertrag über den Bau von Stellungen für Abwehrraketen unweit der pommerschen Kreisstadt Stolp (Slupsk) geschlossen. In Tschechien soll das Leitradar für das System gebaut werden, das nach der offiziellen amerikanischen Darstellung Raketen aus "Schurkenstaaten", vor allem aus Iran, abfangen soll. Moskau hat wiederholt vehement gegen das Projekt protestiert.
Hauptquelle für den Bericht der Gazeta Wyborcza ist der amerikanische Rüstungslobbyist Riki Ellison, Vorsitzender der Missile Defense Advocacy Alliance, einer mehrere tausend Mitglieder zählenden Gruppe zur Unterstützung der Raketenabwehr. Ellison hat nach eigenen Worten in der vergangenen Woche an einer Konferenz über den Raketenschild in Huntsville im US-Bundesstaat Alabama teilgenommen.
Aus den Aussagen von hohen Vertretern des amerikanischen Verteidigungsministeriums und der US-Streitkräfte könne nur geschlossen werden, dass Washington sich von dem Projekt mit den Stützpunkten in Polen und Tschechien verabschiedet habe, sagt er. Die Gazeta Wyborcza zitiert Ellison: "Die ausgesendeten Signale der Generäle des Pentagons sind absolut klar: Diese US-Regierung sucht in der Frage der Raketenabwehr andere Lösungen."
Nach seinen Worten erwähnten die Regierungsvertreter weder Polen noch Tschechien auch nur ein einziges Mal. Laut US-Medien arbeitet die Rüstungssparte von Boeing an einem mobilen Raketenschild, der feste Silos überflüssig machen würde, wie sie in Polen geplant sind.
Der Kommentator des Warschauer Blattes sieht in den Informationen aus Washington einen weiteren Beleg dafür, dass derzeit die Beziehungen zwischen den USA und Polen so schlecht wie nie seit der Wende von 1989 seien. Polen spiele in den strategischen Überlegungen von US-Präsident Barack Obama keine Rolle, doch dürfe es Warschau nicht hinnehmen, dass die Interessen der ehemaligen Ostblockstaaten, die nun der Nato angehören, zu wenig Berücksichtigung finden.
Es könne kein Zweifel daran bestehen, dass Obama Rücksicht auf Moskau nehme. Dieselbe Vermutung äußerte Ellison. Die Spezialisten Obamas für das Projekt setzten sich nach Ellisons Worten dafür ein, dass die Abfangraketen auf Schiffen sowie in Israel, der Türkei und auf dem Balkan aufgestellt werden.
In Polen war der geplante Raketenschild zunächst sehr umstritten gewesen. Bei Umfragen sprachen sich bis zu zwei Drittel dagegen aus. Hingegen forcierten Staatspräsident Lech Kaczynski und sein Zwillingsbruder Jaroslaw, der von 2006 bis 2007 die Regierung führte, das Projekt, das sie noch aus der Regierungszeit der postkommunistischen Sozialdemokraten geerbt hatten.
Nach der Wahl des Liberalkonservativen Donald Tusk zum Premierminister im Herbst 2007 gerieten die Verhandlungen indes ins Stocken. Das Kabinett Tusk setzte offenbar darauf, eine endgültige Entscheidung bis nach den Präsidentenwahlen in den USA im November 2008 hinauszuzögern.
Doch mit dem russischen Einmarsch in Georgien im vergangenen August kippte die Stimmung in Polen: Vertreter fast aller Parteien sowie die meisten Medien sprachen sich nun für einen raschen Vertrag über die Stationierung des Raketenschildes aus. Das Hauptargument lautete, durch die Stationierung von Amerikanern in Polen würde die Sicherheitslage des Landes erheblich verbessert.
Kritiker wenden ein, dass Polen durch eine Stationierung der US-Abwehrraketen selbst Ziel terroristischer Attacken werden könne. Auch würde Russland Mittelstreckenraketen im Bezirk Kaliningrad (Königsberg) aufstellen, unmittelbar hinter der Nordgrenze Polens.
Die US-Botschaft in Warschau wollte zum Bericht der Gazeta Wyborcza keine Stellung beziehen. Obama hatte nach Regierungsantritt im Januar eine Überprüfung des Projekts angekündigt, das sich das Weiße Haus nach Meinung von Experten auch wegen der immensen Kosten derzeit nicht leisten möchte.
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(SZ vom 28.08.2009/bavo)
Szene München
Jetzt sind die Pläne vom Tisch, praktisch alle Zeitungen melden das Aus der osteuropäischen Raketenabwehr.
Ich habe in dem Kommentaren zu diesem Artikel auf die Brisanz hingewiesen. Auch in der aktuellen Berichterstattung kommt das Thema, was die USA anstelle machen werden, vollkommen zu kurz. Nach wie vor, lohnt es sich, die entsprechenden Statements zu lesen und journalistisch aufzuarbeiten...
mehr als sagen kann man es nicht...
MbG
Lieber K.,
der Rüstungslobbyist sieht das Ganze nicht wirklich positiv. Der Mann ist für Missile Defence in jeder Ausführung.
Es gibt offizielle Aussagen der Amerikaner, es gab nur keine Aussage der US-Botschaft in Polen. Bei solchen Konferenzen sind die Aussagen der US-Regierungsvertreter, sei es in Reden, Präsentationen oder Interviews immer offiziell.
Ihre Definition von "umwerfend neue Aspekte" ist etwas unklar, gerade aber in der Gesamtheit der Veröffentlichungen der letzten Wochen gibt es sehr wohl viele neue "Punkte".
Definitiv klar ist, bzw. wird immer betont, dass eine eventuelle Abkehr von den bisherigen Plänen nichts mit der russischen Position zu tun hat. Russland hat eben bei diesen Plänen kein Veto-Recht. (wobei das politische Argument "Beziehung zu Russland natürlich existent ist).
Natürlich ist eine öffentliche Debatte mit einer Vielzahl von Meinungen verbunden, nicht zuletzt kommentieren Sie (und ich) Artikel in einem Internet-Forum. Ist diese Kakophonie nicht elementarer Bestandteil unserer Demokratie? Haben wir dazu nicht eine freie Presse? Ohne eine solche Debatte bleibt die Öffentlichkeit sehr schlecht informiert (vgl. umwerfend neue Aspekte).
Das die iranische Situation beobachtet werden muss, ist unter allen Fachleuten (auch außerhalb der USA) unbestritten, erinnern Sie sich an den Satellitenstart der Iraner. Gerade offizielle amerikanische Aussagen, bestätigten gerade dieser Tage, dass die Bedrohung aktuell nicht dem entspricht, was die Amerikaner vor einigen Jahren prognostiziert haben.
Ist es definitiv falsch, dass jetzt andere Bedrohungsquellen diskutiert werden bzw. welche weggefallen sind.
Mag ja sein das ein amerikanischer Rüstungslobbyist das ganze etwas positiver sieht als der Rest der Umwelt. Viel interessanter finde ich da ehrlich, dass es keine offiziele Äusserung der amerikanischen Regierung gibt.
Wüsste auch nicht welche umwerfend neuen Aspekte hinzugekommen wären.
Ausser eben der Winzigkeit das Russland diese besondere Art der Osterweiterung
nicht dulden wird. Prüfung hin oder her, der russische Bär ist aufgewacht und sein Brüllen war klar vernehmlich.
Deutschland? Europa? Eine Meinung? Dazu bedarf es wohl keiner Debatte um aufzuzeigen, dass dieses zu einer Kakophonie der Meinungen führen wird.
Dazu bedarf es auch keiner weiteren EU - Erweiterung.
Möchte aber trotzdem wissen warum die Presse diesen Quatsch der Amerikaner glaubt, dass wir vor iranischen Raketen geschützt werden müssten. ...
Am Anfang der Debatte wurden durch die Amerikaner auch noch nordkoreanische Raketen genannt. Jetzt sind nur noch die Mullahs die Auslöser.... Ist da etwas jemanden der etwas kürzere Weg in die U.S.A aufgefallen...der nicht über Europa führt ? *G
I am still not convinced....
Zu meinem vorigen Kommentar möchte ich noch ein Zitat von eben jenem erwähnten Rüstungslobbyisten hier erwähnen. Somit erklären sich auch die amerikanischen Dementis zu den polnischen Berichten. Die Roadmap ist klar und die Pläne werden in unterschiedlichen Berichten innerhalb der nächsten Monate bearbeitet und neu bewertet. Aus heutiger offizieller Sicht ist das ergebnisoffen.
Wenn Europa bzw. Deutschland gehört werden will, dann ist eine öffentliche Debatte notwendig! Sorry, ein "I am not convinced" allein, hat schon einmal versagt!
"Within the next six months three major reports will come forward for the Administration that will solidify the statements that were reflected this week and they include the Ballistic Missile Defense Posture Review, the Space Posture Review and the Quadrennial Defense Review."
...Machtsphäre einkreisen und Polen stärker an die U.S.A anbinden ist meines Erachtens auch eher die Zielsetzung der Bushregierung gewesen.
Den jetzigen Rückzug sehe ich - ob der doch recht klaren Drohgebärden der letzten Monate aus Russland - als mehr als vernünftig an.
Die Begründung zum Atomschild im Schutz Europas!!!, vor iranischen und vielleicht nordkoreanischen Raketen zu sehen, finde ich doch sehr albern.
I´m not convinced!
Interessant, das dies in der Presse so gar nicht angezweifelt wird. Wenn Iran oder Nordkorea Raketen feuern sind wohl eher Israel ( aus dem Iran ), oder bei genügend Reichweite die U.S.A. ( aus Nordkorea ), das Ziel.
Das diese Länder ob eines atomaren Gegenschlages der U.S.A eine atomare Wüste wären macht dieses Szenario noch unwahrscheinlicher.
Was mich auch brennend interessieren würde: Was passiert mit einer abgefangenen - z.B. über Polen - Atomrakete? Wird da nicht ein atomarer Fallout frei?
Also ich hätte den Schild nicht gerne im Lande...
I´m really not convinced!
Paging