Ein Kommentar von Stefan Kornelius

Einige Republikaner werfen Obama vor, er habe nichts Brauchbares gewonnen auf seiner Europa-Reise. Sie irren. Er hat erreicht, was die USA benötigen: Glaubwürdigkeit und Vertrauen.

"Going soft" ist so ziemlich der schärfste Vorwurf, den man einem amerikanischen Präsidenten machen kann. Wenn der Präsident zu dem mutiert, was man im Deutschen abfällig ein "Weichei" nennt, dann verrät er die Nation, die Interessen Amerikas. Dann ist er gutgläubig oder gar naiv, lässt sich über den Tisch ziehen und beschädigt so auch Amerikas Stärke. Nein, so führe man keine Supermacht, heißt es dann.

Obama, AFP

Barack Obama in Prag: Er pumpt sich nicht zum Weltpolitiker auf, sondern pflegt eine klare, direkte Sprache, die kein Problem ausspart und nicht für alle Probleme eine Lösung vorzugeben behauptet. (© Foto: AFP)

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George W. Bush jedenfalls hätte sich nicht einlullen lassen von ein paar jubelnden Schulkindern. Was also habe Präsident Obama gewonnen in Europa, fragen manche in Amerika: Mehr Truppen für Afghanistan? Mehr Geld gegen die Rezession? Nichts davon. Ein paar hartgesottene Republikaner machen nun Barack Obama genau diese Vorwürfe. Sie vertreten die alte Schule.

Und so denkt die neue Schule aus dem neuen Obama-Washington: Der Präsident hat das Wertvollste überhaupt nach Hause gebracht, das die Supermacht in diesen Tagen dringend benötigt - Glaubwürdigkeit und Vertrauen. Denn am Ende seiner Europa-Woche kann der Präsident zwar kaum neue Soldaten oder Investitionspakete präsentieren. Aber er hat einen neuen Stil und einen angenehmen Ton in die Welt getragen. So etwas wird mit einer Währung zurückgezahlt, die Amerika zur Zeit sehr gut gebrauchen kann: Gefolgschaft.

Eine neue Bescheidenheit klingt aus Obamas Worten heraus, manchmal fast schon Demut. Obama setzt den Stil seines Wahlkampfes auch in der Außenpolitik fort. Er pumpt sich nicht zum Weltpolitiker auf, sondern pflegt eine klare, direkte Sprache, die kein Problem ausspart und nicht für alle Probleme eine Lösung vorzugeben behauptet ("wir haben nicht immer die beste Antwort"). Obama reduziert Amerikas Aufgeblasenheit, um dem Land zu neuer Größe zu verhelfen.

Wer überzeugt, der führt auch, und so erledigt sich der Weichei-Vorwurf von allein. Der Bruch mit George Bush ist vollzogen, aber Amerika büßt deswegen seine Führungskraft nicht ein. Im Gegenteil. Obamas Lektionen über Partnerschaft und Bündnispflichten müssen die europäischen Staatenlenker schmerzen.

Wer jahrelang jammert und Respekt einfordert, wer gehört werden möchte und auch etwas zu sagen haben will, der kann sich jetzt nicht hinter dem neuen Präsidenten verstecken. In Obamas Worten: "Wir können nicht so tun, als ob nun plötzlich alles o.k. ist, nur weil Barack Hussein Obama gewählt wurde". Plötzlich stecken die Europäer in der Glaubwürdigkeits-Falle. Sie müssen handeln.

Obamas intellektuelle Redlichkeit ist besonders wohltuend nach den Jahren mit den Bush-Ideologen. Sie zwingt auch die Europäer dazu, sich zu bekennen: Wofür wollen sie eigentlich die Nato? Wie viele Soldaten können sie in die Welt schicken, und wohin? Warum kann Deutschland nur 20.000 seiner 250.000 Soldaten entsenden, und warum ist der Nation ein Kampfeinsatz gegen die Taliban nicht zuzumuten, den Kanadiern hingegen schon? Barack Obama trägt eine seltene Gabe in sich: Er kann die Nationen der Welt mit ihren Schwächen konfrontieren, ohne die natürlichen Abwehrreflexe auszulösen.

Dies funktioniert, weil er sein eigenes Land und seine eigenen Argumente einer harten Selbstprüfung unterzieht. Obama geht in Vorleistung (bei der nuklearen Abrüstung etwa), um an anderer Stelle die Dividende zu kassieren (Geschlossenheit gegenüber Iran und den Raketenfreunden aus Nordkorea). Dieser Glaubwürdigkeitstest ist die härteste Prüfung für einen Demokraten.

Es gibt einige, die haben die neuen Regeln des Spiels in der westlichen Allianz noch nicht begriffen. Der türkische Premierminster Erdogan etwa, der mit plumper Erpressung den Nato-Gipfel ferngesteuert hat. Ihm ging es um eine Machtdemonstration der alten Schule. Man wird es ihm nicht vergessen, vor allem in Europa nicht. Den Weg in die EU wird Erdogan so nicht finden.

Der wirkliche Glaubwürdigkeitstest für die Nato und auch für Obama aber heißt Afghanistan. Die Weltgemeinschaft hat sich verpflichtet, ein gefallenes Land wieder aufzurichten und es vom Terror zu befreien. Zuerst hat die Weltgemeinschaft sechs Jahre lang ihr Versprechen ignoriert. Dann entstand so etwas wie ein Konsens, dass Afghanistan noch eine Chance gegeben werden müsse. Im staubigen Kabul und in seinen Provinzen steht nun erneut die Prüfung der Glaubwürdigkeit an.

Obama erweckt manchmal den Anschein, als wolle er in Afghanistan im Blitztempo Armee und Polizei aufbauen, um danach möglichst schnell das Land verlassen zu können. Dazu schickt er noch mal 20.000 Soldaten zusätzlich ins Land. Die übrigen Nato-Staaten haben diese neuerliche Amerikanisierung des Einsatzes akzeptiert, weil sie allemal keine Luft mehr haben, den Befriedungswettlauf mitzugehen.

In Afghanistan wird sich nun entscheiden, was Obama wirklich will: Geht es ihm nur um eine schnelle Abzugsmöglichkeit oder um den Aufbau eines dauerhaft stabilen Staates? "Going soft" - das wäre der schnelle, einfache Abzug. Obamas Härtegrad wird sich also an seiner Politik gegenüber Afghanistan messen lassen.

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(SZ vom 06.04.2009)