US-Militärtribunal Guantánamo-Ankläger tritt ab

Die Praxis im US-Lager Guantánamo stößt nicht nur bei Menschenrechtsgruppen auf massive Kritik. Auch manche Insider äußern moralische Bedenken. Nun hat ein Militärstaatsanwalt seinen Posten aus Protest geräumt.

Ein Militärstaatsanwalt im US-Gefangenenlager Guantánamo Bay hat wegen ethischer Auseinandersetzungen mit seinen Vorgesetzten seinen Posten gekündigt. Wie cnn.com meldet, beschuldigt er seine Vorgesetzten, Beweise unterdrückt zu haben, die einen jungen Afghanen vom Vorwurf reinwaschen könnten, Kriegsverbrechen begangen zu haben.

Strafverfolger Darrel Vandeveld, Oberstleutnant der US Army, beschrieb demnach die Streitpunkte in einem Bericht, der die Forderung der Verteidigung unterstützt, die Anklage gegen Mohammed Jawad fallen zu lassen. "Möglicherweise entlastende Beweise wurden nicht zur Verfügung gestellt", schrieb Vandeveld cnn.com zufolge.

Die Enthüllung gibt Zweifeln an der Integrität des Militärtribunals neue Nahrung, dem schon zuvor von unterschiedlichen Seiten wiederholt moralische Verfehlungen und politische Einmischung vorgeworfen worden war, unter anderem auch von einem früheren Leitenden Staatsanwalt.

Tat unter Drogeneinfluss

Der jetzige Leitende Staatsanwalt Lawrence Morris, Oberst der US Army, bestritt laut Bericht, dass sein Büro Beweise zurückhalte. Er sagte, es gebe keine Grundlage für Vandevelds Bedenken. Vandeveld habe ihm gesagt, er verlasse seinen Posten aus "persönlichen Gründen". Vandeveld sei enttäuscht, weil seine Vorgesetzten nicht die "Weisheit seiner Empfehlungen in dem Fall" gesehen hätten.

Jawad wurde CNN zufolge in Afghanistan gefangengenommen, als er 16 oder 17 Jahre alt war. Er wird beschuldigt, im Dezember 2002 durch einen Granatenwurf zwei US-Soldaten und ihren Übersetzer verletzt zu haben. Ihm droht im schlimmsten Fall eine lebenslange Haftstrafe. Sein Prozess soll im Dezember beginnen.

Vandeveld sagte laut cnn.com hingegen, den Staatsanwälten sei bekannt gewesen, dass Jawad möglicherweise unter Drogen stand, als er den Angriff verübte. Zudem habe laut Guantánamo-Chefverteidiger Michael Berrigan das afghanische Innenministerium mitgeteilt, dass zwei andere Männer das Verbrechen zugegeben hätten, das Jawad zur Last gelegt wird.

In seiner schriftlichen Erklärung habe Vandevelt mitgeteilt, dass er Jawad einen Handel vorschlagen wollte, der diesem während eines kurzen Zeitraums mit zusätzlichen Haftbeschränkungen eine Rehabilitation ermöglicht hätte. Seine Vorgesetzten hätten dies abgelehnt.

Vandeveld habe zudem beklagt, dass Jawad - obwohl er zum Zeitpunkt seiner Gefangennahme noch ein Jugendlicher war - nicht von den erwachsenen Gefangenen getrennt worden war und keine Bemühungen zu seiner Rehabilitation unternommen worden waren.

"Ganz oben auf der Liste"

Jawads Chefverteidiger David Frakt, Major der Air Force, sagte der Nachrichtenwebsite zufolge, er habe Vandevelt als Zeugen bei Jawads Anhörung vor dem eigentlichen Prozess befragen wollen, doch dieser habe keine Erlaubnis erhalten, dazu anzureisen.

Mindestens drei andere Strafverfolger in Guantánamo haben ihre Posten bislang mit Beschwerden über den Prozess verlassen. Der frühere Chefankläger Morris Davis, Oberst der Air Force, trat im Oktober zurück und beschuldigte seine Vorgesetzten der politischen Einmischung.

Davis sagte im vergangenen Monat, dass ein Pentagonmitarbeiter, der die Verfahren bis vor Kurzem geleitet hatte, darauf gedrängt hatte, dass Jawad vor den anderen verfolgt werde, da die Details des Falles die amerikanische Öffentlichkeit ergreifen und so helfen würden, Unterstützung für den Prozess aufzubauen. "Der Kerl, der die Granate geschmissen hatte, stand immer ganz oben auf der Liste", sagte Davis.

Ein Militärrichter zog den Pentagonmitarbeiter später von dem Fall ab. Er urteilte, dass der Pentagonmitarbeiter seine Objektivität verletzt habe, indem er seine Position mit der der Staatsanwälte abgeglichen habe.

Zwei andere frühere Staatsanwälte baten darum, vom Dienst entbunden zu werden, weil Staatsanwälte absichtlich zivile Pentagonmitarbeiter über die Qualität der Beweise gegen die Angeklagten getäuscht habe.