US-Kongresswahlen Auf allen Kanälen weht die Fahne des IS

In Werbevideos werfen die Republikaner US-Präsident Obama und den Demokraten vor, die Gefahr durch die IS-Dschihadisten zu unterschätzen. Diese Taktik könnte funktionieren: Jeder zweite Amerikaner fürchtet einen neuen Terroranschlag.

Von Matthias Kolb, Washington

In wenigen Staaten ist das Rennen um einen Sitz im US-Senat so eng wie in North Carolina. Der erzkonservative Republikaner Thom Tillis fordert Senatorin Kay Hagan heraus und nutzt - wie in den USA üblich - jede Gelegenheit, den Gegner niederzumachen. Wie viele Republikaner wirft Tillis der Demokratin vor, dass sie viel zu wenig tue, um die Amerikaner vor der IS-Terrormiliz zu schützen. Es kommt noch schlimmer: In Washington habe sie 2014 jede zweite Sitzung im Verteidigungsausschuss geschwänzt.

Ein Sprecher raunt im Video: "Während Isis immer stärker wurde, hat Obama abgewartet und Kay Hagan hat geschwiegen." Überall in den USA werden die Fernsehzuschauer und Internet-Nutzer mit Clips konfrontiert, in denen die schwarze Fahne des selbst ernannten "Islamischen Staats" weht. Ständig wird US-Präsident Obama und dem jeweiligen demokratischen Kandidaten vorgeworfen, die Gefährlichkeit von Isis (in den USA wird meist dieser Begriff oder Isil verwendet) unterschätzt zu haben.

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Also wird Mark Udall, dem Senator aus Colorado, dessen Zitat von Anfang September 2014 vorgeworfen: "Isis stellt keine unmittelbare Bedrohung für die USA dar." Der Clip endet mit Bildern von bärtigen IS-Kämpfern und der Frage "Really?"

Sehr häufig wird in den Botschaften der Republikaner darauf angespielt, dass die Dschihadisten von Mexiko aus über die angeblich "löchrige Grenze" im Süden in die USA einwandern könnten, um dort Anschläge zu verüben (mehr in diesem US-Blog). Dieser Clip, der die Wiederwahl der Demokratin Ann Kirkpatrick in Arizona verhindern soll, spielt genau mit diesen Sorgen.

Fast alle Videos sind extrem professionell gemacht und appellieren an die Gefühle der Zuschauer. Manchmal wird es jedoch geschmacklos: Ein republikanischer Kandidat für das Abgeordnetenhaus in Arizona soll einem Medienbericht zufolge sogar Szenen der Enthauptung von James Foley verwenden, um seine Wähler aufzurütteln.

Republikaner spielen mit den Ängsten der Amerikaner

Nachdem er viele dieser Clips gesichtet hat, vermutet Jeremy Peters von der New York Times, der Wahlkampf-Slogan der Republikaner laute schlicht: "Die Welt ist ein dunkler und unsicherer Ort." Und natürlich, so die Botschaft, sei Obama schuld und die Demokraten unfähig, Amerika zu schützen. Ähnliches vermutet Robert Gibbs, Obamas früherer Pressesprecher: "Die Republikaner wollen, dass die Leute den Fernseher einschalten und sehen, dass nichts funktioniert." Zur unsicheren Stimmung trägt auch die Angst vor einem Ausbruch von Ebola in den USA bei: Pew Research zufolge sind nur 41 Prozent der Befragten überzeugt, dass die Regierung sie vor einer Epidemie schützen könnte. Und auf konservativen Websites wie The Daily Caller wird Obama offen "President Ebola" genannt.

Dass das Spiel der Konservativen mit der Unsicherheit wirken könnte, deuten einige Umfrageergebnisse an. Die Angst vor IS ist weit verbreitet: CNN berichtete im September, dass neun von zehn Amerikanern die Dschihadisten fürchten. Laut AP schätzen 53 Prozent das Risiko eines Terroranschlags als "hoch" ein (jeder fünfte sogar als "extrem hoch"). Dies erklärt, weshalb der Republikaner Scott Brown (er zog sich einst für das Cosmo-Magazin aus) in New Hampshire das Motiv der "unsicheren Grenze" verwendet, obwohl sein Staat sehr weit von der Grenze zu Mexiko entfernt liegt. Seine potenziellen Wähler müssten eher fürchten, dass mögliche Terroristen über den Atlantik in die USA kommen.

Dass Mitglieder der US-Regierung wie Heimatschutzminister Jeh Johnson immer wieder betonen, dass es keinerlei Anzeichen für ein Einsickern von IS-Terroristen über die Grenze zu Mexiko gebe, wird in konservativen Zirkeln und in Medien wie Fox News jedoch ignoriert - eine schöne Geschichte lässt man sich nicht so leicht kaputt machen.

Die Strategie der Republikaner stützt sich wohl auf zwei Annahmen: Die Anhänger der Republikaner sind laut Washington Post mehrheitlich dafür, dass sich Washington noch stärker militärisch im Kampf gegen den IS engagieren soll. Und da die öffentliche Debatte über den Kampf gegen den IS in den USA sehr durch die Linse "Die Heimat muss geschützt werden" geführt wird (mehr hier), hören die Bürger ständig Spekulationen über angebliche Bedrohungen.

Bleibt die Frage, wie die angegriffenen Demokraten auf die Attacken reagieren. Sie kontern und stellen eigene Botschaften ins Internet. Senatorin Jeanne Shaheen aus New Hampshire, die von Scott Brown attackiert wurde, gibt sich diplomatisch überlegen und präsentiert eine Rede aus dem Plenum des Senats, in dem sie die getöteten Journalisten James Foley und Steven Sotloff würdigt - beide lebten und studierten im Granite State.

Viel direkter agiert Kay Hagan. Sie schimpft, dass sich ihr Gegner Thom Tillis für seine Anschuldigungen schämen solle. Sie gibt in diesem Clip die überzeugte Unterstützerin aller amerikanischen Soldaten und kündigt an, alles zu tun, um IS "zu zerstören".

Dass sie damit exakt die Wortwahl von Barack Obama übernimmt, scheint sie nicht zu stören. Welche Werbeclips am wirksamsten waren, wird sich erst am Tag nach den Kongresswahlen zeigen.