US-Kongresswahl Wie Facebook Wahlen beeinflusst

  • Facebook speist während der Kongresswahlen eine prominent platzierte Wahlaufforderung in den Newsfeed seiner Nutzer ein.
  • Bereits bei der Kongresswahl 2010 kam diese Funktion zum Einsatz, damals könnte sie die Wahlbeteiligung leicht gesteigert haben.
  • Kritiker fürchten, dass Facebook die Erinnerungsnachricht dazu nutzen könnte, Wahlen zu manipulieren.
Von Robert Gast

Wenn sich Millionen Amerikaner heute bei Facebook einloggen, werden sie daran erinnert, dass in ihrem Land eine wichtige Wahl stattfindet. Oben in ihrem Newsfeed erscheint dann eine Nachricht: "It's election day". Darunter ein Knopf zum Anklicken "I'm a voter" - "Ich wähle" und ein Hinweis auf das nächstgelegene Wahlbüro. Wenn jemand anklickt, dass er wählen geht, erscheint das als Nachricht im Newsfeed seiner Freunde. Auf diese Weise will das soziale Netzwerk Menschen dazu bringen, ihre Stimme abzugeben - mit Erfolg.

Mehrere Hundertausend Wähler durch Hinweis

Bereits bei der Kongresswahl vor vier Jahren bekamen 60 Millionen amerikanische Nutzer von Facebook, den Hinweis, wählen zu gehen. Dazu wurden bis zu sechs Profilbilder von Freunden eingeblendet, die bereits gewählt hatten. Und tatsächlich: Wer die Nachricht sah, ging eher zur Wahl, als Facebook-Nutzer, die keinen personalisierten Hinweis erhalten hatten.

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2010 war die Funktion noch Teil eines sozialwissenschaftlichen Experiments, dessen Ergebnisse 2012 im Fachmagazin Nature veröffentlicht wurden. Erstellt hatte die Studie ein Team um den Politikwissenschaftler Robert M. Bond von der University of Californa in Kooperation mit Facebook. Demnach animierte der Wahl-Knopf bis zu 0,39 Prozent der angesprochenen Nutzer zur Abgabe ihrer Stimme. Bei 60 Millionen Empfängern wären das immerhin mehrere Hundertausend Menschen.

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Funktion auch bei Wahlen in anderen Ländern aktiv

Bei der Kongresswahl 2010 sah nur ein zufällig ausgewählter Teil der amerikanischen Facebook-Nutzer den Hinweis im Newsfeed. Spätestens seit diesem Jahr ist die Wahlerinnerung in vielen Ländern jedoch fester Bestandteil des sozialen Netzwerks, sie ist für alle volljährigen Nutzer sichtbar. Die Funktion wurde bei der Wahl des Europaparlaments geschaltet, sowie bei dem Referendum zu Schottlands Unabhängigkeit und den Parlamentswahlen in Indien. Auch bei den diesjährigen Wahlen in Brasilien und Indonesien soll der Knopf bei allen wahlberechtigten Nutzern eingeblendet worden sein, bestätigte ein Facebook-Sprecher der New York Times.

So soll es auch bei der heutigen Kongresswahl in den Vereinigten Staaten sein. Ob die Wahlaufforderungen einen Einfluss auf die Wahlbeteiligung und Ausgang haben werden, weiß man vermutlich erst in mehreren Jahren. Ihre Auswertung der US-Präsidentschaftswahl 2012, bei welcher der Wahl-Knopf bei einem Teil der Facebook-Nutzer eingeblendet worden war, haben die Forscher um Robert M. Bond noch nicht veröffentlicht.

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Bei Kritikern sorgt der Wahl-Knopf aber schon jetzt für Unmut. Das soziale Netzwerk könnte schließlich nur einen bestimmten Teil der wahlberechtigten Bevölkerung auf die Wahl hinweisen, sinnierte die politische Website Techpresident im Juli. Denkbar wäre etwa, dass vorrangig Demokraten die Aufforderung erhalten. Das würde die Wahlbeteiligung in dieser Bevölkerungsgruppe steigern und damit den Ausgang der Wahlen beeinflussen. Bei einer Wahl wie 2012, als Obama mit großem Vorsprung Herausforderer Romney schlug, würde so etwas zwar nicht den Ausschlag geben. Aber wenn es so knapp würde wie bei der Präsidentschaftswahl 2000, als George W. Bush wegen 537 Stimmen den US-Staat Florida - und damit die gesamte Wahl - gewann, könnte eine Manipulation erfolgreich sein.

Facebook bestritt vor kurzem im Gespräch mit der US-Zeitschrift Mother Jones, die "I'm a voter"-Funktion für Manipulationen nutzen zu wollen. Solange der Konzern die Details zur Nutzung des Wahl-Knopfs nicht veröffentliche, könne man sich aber nicht sicher sein, mahnt die linksliberale Zeitschrift in einer ausführlichen Analyse. Denkbar ist auch, dass Facebook selbst dann die Wahlen beeinflusst, wenn es allen Nutzern den Wahl-Knopf zeigt. Schließlich sind manche Bevölkerungsgruppen in dem sozialen Netzwerk überrepräsentiert.

Freunde geben den Ausschlag, wählen zu gehen

Einer Erhebung aus dem Jahr 2013 zufolge nutzen in Amerika mehr Frauen als Männer Facebook, und jüngere Menschen vernetzen sich dort häufiger als ältere. Das spreche dafür, dass die Facebook-Nutzer eher den Demokraten zugeneigt seien, schreibt Mother Jones. Dagegen spricht eine dieses Jahr veröffentlichte Studie: Ihr zufolge hat sich zwar der Anteil der Amerikaner, die sich via Smartphone über politische Entwicklungen informieren, seit der letzten Kongresswahl verdoppelt. Allerdings engagierten sich Republikaner und Demokraten in etwa gleich stark im Internet.

Vermutlich sollte man den Einfluss des Wahl-Knopfes auf die Wahlbeteiligung aber auch nicht überschätzen. Da es bisher erst eine Studie zu der Wirkung der neuen Facebook-Funktion gibt, ist nicht auszuschließen, dass die Zunahme der abgegebenen Stimmen bei den Kongresswahlen 2010 auch andere Gründe hatte. Das räumen die Facebook-Forscher selbst in ihrer Studie ein. Nicht die Erinnerung an die Wahl war demnach ausschlaggebend dafür, dass mehrere Hunderttausend Menschen den Weg ins Wahlbüro fanden. Sondern das Gefühl, dass Facebook-Freunde, denen man auch im echten Leben nahe steht, wählen gehen.

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