Die Rezession in Amerika stürzt auch Kirchen in den Bankrott - so viele wie vielleicht nie zuvor. An zu wenig Gläubigen mangelt es jedoch nicht.
Die Finanzkrise sucht ihre Opfer in allen Bereichen. Landauf, landab kommen in den Vereinigten Staaten mehr und mehr Gemeinden ihren Hypothekenzahlungen nicht nach und suchen händeringend nach Käufern für ihre Grundstücke.
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Beten hilft nicht immer: Amerikas Kirchen kämpfen mit knappen Mitteln, obwohl mehr Gläubige kommen. (© Foto: AP)
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Geldgeber, die sich auf das Geschäft mit Gotteshäusern spezialisiert haben, berichten, dass 2008 so viele Kirchen wie noch nie in den Gläubigerschutz geflüchtet sind.
In Florida trieben die Zahlungsausfälle schon ein Kreditinstitut in die Pleite. Die Church Mortgage & Loan Corporation in Maitland blieb auf zehn Kirchengrundstücken sitzen, die sie in den vergangenen Jahren räumen ließ. Ohne die Verkaufserlöse konnte sie ihre eigenen Anleihen nicht bedienen. Der Fall hat auch andere Gläubiger alarmiert. Die Evangelical Christian Credit Union nennt die Krise beispiellos. Der Druck auf die Kirchen sei "größer als jemals zuvor in der jüngeren Geschichte".
Dabei haben gerade die oft streng konservativen Evangelikalen Konjunktur, wenn es wirtschaftlich bergab geht. In Rezessionsjahren wachsen ihre Gemeinden fast 50 Prozent schneller als in ökonomisch guten Zeiten, wie der Wirtschaftsprofessor David Beckworth von der Texas State University ermittelt hat. Seine Analyse trägt den passenden Titel: "Beten für die Rezession: Der Konjunkturzyklus und protestantische Religiosität in den Vereinigten Staaten".
Beckworths Thesen werden von Pastoren in allen Bundesstaaten bestätigt. So gut gefüllt wie in dieser harten Weihnachtszeit seien ihre Kirchen lange nicht mehr gewesen, sagen sie. Doch die Krise bedeutet auch, dass weniger Geld im Klingelbeutel landet. Und das ist es, was die Kirchen in die Pleite treibt. Die Einnahmen aus der Kollekte sind in vielen Gemeinden um 15 Prozent gefallen.
Dabei galten Kirchen bisher als verlässliche Schuldner. Ihre Spendeneinnahmen blieben meist stabil und ihre Geldgeber konnten sich darauf verlassen, dass die Pfarreien eine stärkere moralische Verpflichtung verspürten, ihre Schulden zu begleichen als andere Kreditnehmer.
Reumütige Finanzjongleure
Doch nun brechen einige Gemeinden unter der Schuldenlast zusammen. Ihre Ausgaben sind in den vergangenen Jahren stark gestiegen, oft expandierten sie zu schnell und kalkulierten zu hohe Wachstumsraten ein. 6,2 Milliarden Dollar wurden in den USA im vergangenen Jahr in den Kirchenbau investiert, verglichen mit 3,8 Milliarden Dollar zehn Jahre zuvor.
Bei den Evangelikalen kommt noch ein weiterer Kostenpunkt hinzu. Sie stellen zwar inzwischen die größte Religionsgruppe der USA, aber ihre Mitglieder sind im Schnitt ärmer als die Gläubigen der traditionellen Kirchen. Daher sind sie eher auf die spirituelle und materielle Hilfe ihrer Gemeinden angewiesen.
Allerdings gelingt es den Evangelikalen zunehmend, auch in wohlhabenden Milieus Fuß zu fassen. In den Vororten New Yorks wie Manhasset auf Long Island suchen Investmentbanker, die sich bis vor wenigen Monaten noch als "Meister des Universums" titulierten, reumütig Zuflucht bei Gott. Viele haben 2008 nicht nur ihre Jobs verloren, sondern auch das, woran sie glaubten.
Das Shareholder-Value-Prinzip und die vierteljährlichen Renditeziele haben sich als trügerisch erwiesen. Die Gewinne der vergangenen Jahre waren Luftbuchungen. Die Finanzkrise bedeutet nichts anderes als die Umwertung aller Werte der Wall Street - und vielfach auch eine Rückbesinnung auf die Religion. "Für uns Evangelikale könnten es wundervolle Zeiten sein", sagt ein Pastor in Brooklyn. Wenn bloß die Schuldenlast nicht wäre.
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(SZ vom 24.12.2008/cag)
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