Von H. Leyendecker

Die USA haben offenbar für zehn Millionen Dollar drei Schweizer Ingenieure angeworben - sie sollten Informationen über illegale Nukleargeschäfte mit Iran und Libyen liefern.

Die 1890 in Wetzlar gegründete Firma Pfeiffer Vacuum gehört zu den weltweit führenden Anbietern von Vakuumpumpen und achtet streng darauf, keine Waren an zwielichtige Kunden zu liefern.

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Im Labor in Los Alamos wurden offenbar Pumpen manipuliert, bevor sie an Iran und Libyen für deren Atomprogramm geliefert wurden. (Archivbild) (© Foto: AP)

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Vor ein paar Jahren erkundigten sich Beamte der Internationalen Atomenergiebehörde (IAEA) und des Bundesnachrichtendienstes (BND) bei der Firmenleitung nach Details zu sieben Wälzkolbenpumpen mit der Typenbezeichnung WKP 250 A, die in der iranischen Atomfabrik Natans und in Depots in Libyen aufgetaucht waren. An wen hatte Pfeiffer Vacuum etwa die Pumpe mit der Seriennummer 22003348 verkauft? Sie war in Natans entdeckt worden.

Alle sieben Pumpen, das war leicht festzustellen, waren im Jahr 2000 von dem Unternehmen Pfeiffer weder nach Libyen oder nach Iran geliefert worden, sondern an die staatliche amerikanische Atomwaffenschmiede in Los Alamos in New Mexico. Es war ein Auftrag über rund 40.000 Dollar, ein kleines Geschäft - so schien es jedenfalls.

Nichts war daran aber normal gewesen. Der amerikanische Geheimdienst CIA hatte die Pumpen bestellen und über Verbindungsleute nach Iran und nach Libyen schaffen lassen. Dass die Pumpen zwar liefen, aber dennoch nicht richtig funktionierten, dafür hatten im Auftrag des Dienstes die Spezialisten im Labor in Los Alamos gesorgt.

Täuschung, Mimikry und Vertuschung gehören zu einem Agenten-Thriller, über den die New York Times jetzt neue Details veröffentlichte. Das Netzwerk des pakistanischen Atomwissenschaftlers Dr. Abdul Quadir Khan, das im Herbst 2003 aufflog, war demnach von Nachrichtendiensten unterwandert. Einige der angeblichen Schmuggler, insbesondere Friedrich, Urs und Marco Tinner, gegen die in der Schweiz Ermittlungsverfahren laufen, waren zunächst Quellen der Dienste und arbeiteten später wie Agenten. Als Gegenleistung sollen sie für die Kooperation von der CIA rund zehn Millionen Dollar erhalten haben. Nachdem die CIA im Oktober 2003 den Ring hochgehen ließ, hatte einer der Tinners den Freunden aus Washington noch eine Rechnung in Höhe von zwei Millionen Dollar geschickt. Erfolgshonorar.

Viel spricht dafür, dass zumindest die amerikanischen Dienste das Projekt Libyen schon früh gekannt haben und auch über den Fortgang der Arbeiten in Natans gut informiert waren. Der schwarze Markt für nukleare Baupläne und Technologien wurde ein gutes Stück transparent. "Das ganze Unternehmen war eine herausragende nachrichtendienstliche Operation", bestätigt ein hochrangiger BND-Mitarbeiter. Die Kooperation der CIA mit den Tinners hatten die beiden amerikanischen Autoren Douglas Frantz und Catherine Collins in ihrem neuen Buch "The Nuclear Jihadist" in Umrissen umschrieben. Die New York Times ergänzt das Bild an wesentlichen Stellen.

Danach ergeben sich aber einige Fragen: Warum wurde das Netz nicht lange vor Oktober 2003 zerrissen? Damals war im italienischen Mittelmeerhafen Tarent das deutsche Frachtschiff BBC China mit einer Ladung für Libyen gestoppt worden. Wurde ein politisch gefälliger Zeitpunkt ausgesucht oder wollten die Nachrichtendienstler risikobereit nach weiteren Kunden spähen? Auch der Dienst weiß nicht genau, ob heimlich Unterlagen über Atomsprengköpfe kopiert und weitergereicht wurden.

Warum ist es der CIA nicht gelungen, ihre wichtigsten Helfer diskret vor staatlicher Verfolgung zu bewahren? Der Ingenieur Urs Tinner, der bereits im Jahr 2000 von der CIA angeworben wurde, war im Oktober 2004 von deutschen Ermittlern bei einem Besuch in der Bundesrepublik festgenommen worden. Er saß in Rheinbach in Haft und wurde dann an die Schweiz ausgeliefert. Die US-Regierung hatte in Berlin Druck gemacht. Ebenso wie sein Bruder Marco sitzt er immer noch in Untersuchungshaft. Nur der Vater ist auf freiem Fuß. Den Tinners soll wegen der Lieferung nuklearer Technologien nach Libyen der Prozess gemacht werden.

Welches Selbstverständnis hat die Schweiz als Rechtsstaat? In dem laufenden Verfahren gegen die Tinners ließ die Schweizer Regierung im Spätherbst vergangenen Jahres 30.000 Blatt der geheimen Materialien unter der Aufsicht der CIA und unter Beobachtung durch die IAEA schreddern. Angeblich sollten Baupläne für Atomwaffen, Gasultrazentrifugen und Lenkwaffensysteme nicht in falsche Hände geraten. So etwas müsse man "in Kauf nehmen, wenn es um den Weltfrieden geht", erklärte danach der ehemalige Schweizer Justizminister Christoph Blocher, der im Juli 2007 in den USA mit Spitzen der Geheimdienste und des FBI über den Fall gesprochen hatte.

Es ging aber nicht um den Weltfrieden, sondern geschreddert wurde für die CIA, damit die Wege der ungewöhnlichen Zusammenarbeit nicht nachvollziehbar würden. Kann das zuständige Schweizer Bundesgericht angesichts der lückenhaften Unterlagen den Tinners wirklich den Prozess machen? Urs Tinner hatte sich neulich in einer Haftbeschwerde schon beklagt, durch die Aktenvernichtung könne er nicht mehr beweisen, dass er Lieferungen mit Absicht manipuliert habe.

Es ist eine seltsame Affäre über die immer mehr ungewöhnliche Einzelheiten durchsickern. Auch der britische Auslandsnachrichtendienst MI6 hatte, wie sich herausstellt, Informanten im Khan-Netzwerk und andere Nachrichtendienste auch. Als ein wichtiger Zeuge aus Malaysia im Jahr 2004 vor dem Ermittlungsrichter des Karlsruher Bundesgerichtshofs erschien, hatte er als Rechtsbeistand ganz selbstverständlich einen Geheimdienstler aus Malaysia an der Seite.

Das alles geht über die normale Geheimdienst-Krämerei weit hinaus.

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(SZ vom 27.08.2008)