US-Gefangenenlager auf Kuba Videos dokumentieren Zwangsernährung in Guantanamo

Bilder aus Guantanamo zeigen selten Gesichter: Weder Häftlinge noch Wärter wollen mit dem umstrittenen Gefängnis in Verbindung gebracht werden.

(Foto: AP)

Erst fesseln sie ihn an den Stuhl, dann schieben sie ihm Schläuche durch die Nase: Der Syrer Abu Wa'el Dhiab wird in Guantanamo regelmäßig zwangsernährt. Ein US-Gericht ordnet jetzt die Veröffentlichung der Videoprotokolle an - und bringt die Behörden damit in Bedrängnis.

Von Marc Zimmer

Etwa 18 Stunden Videomaterial können sich die Anwälte von Abu Wa'el Dhiab bald anschauen. Darauf werden sie sehen, wie ihr Mandant gegen seinen Willen aus seiner Zelle geholt und auf einen Stuhl gefesselt wird. Sie werden beobachten, wie ihm die Schläuche durch die Nasenlöcher den Rachen hinunter geschoben werden bis in den Magen.

Dhiabs Rechtsanwälte verdanken dieses Recht einem Gericht im US-Bundesstaat Virginia: Die zuständige Richterin Gladys Kessler verfügte, dass die Regierung den Anwälten 34 Videobänder zugänglich machen muss, die Dhiab bei der Zwangsernährung im Gefangenenlager Guantanamo zeigen. Dass solche Aufnahmen überhaupt existieren, wurde erst im Laufe von Dhiabs Verfahren bekannt.

Der Syrer ist einer von mehr als 100 Guantanamo-Häftlingen, die im vergangenen Jahr als Protest gegen ihren Arrest in den Hungerstreik getreten waren. Seit zwölf Jahren wird er ohne rechtskräftige Verurteilung auf der US-Basis in Kuba festgehalten. Er verweigert die Nahrungsaufnahme, weil er bereits vor vier Jahren aus der Haft entlassen werden sollte, die USA jedoch kein Land finden, das bereit wäre ihn aufzunehmen. Wie alle Hungerstreikenden in Guantanamo, wird er seitdem regelmäßig zwangsernährt.

Insgesamt soll es allein in Dhiabs Fall mehr als 130 Videobänder geben. Diese müssen nach Richterin Kessler nun aufbewahrt werden bis der Fall geklärt ist - das ist keine Selbstverständlichkeit in den USA: 2007 war bekannt geworden, dass die CIA Bänder zerstört hatte von Befragungen mit Hilfe des umstrittenen "Waterboarding".

Bis zur nächsten Anhörung darf Dhiab auf richterliche Anordnung hin nicht mehr zwangsernährt werden. Es ist das erste Mal, dass ein Bundesgericht direkt in die Behandlung der Häftlinge in Guantanamo eingreift. Richterin Kessler hatte bereits in einer früheren Verhandlung keinen Zweifel daran gelassen, dass sie die Zwangsernährung in Guantanamo für eine "schmerzvolle, erniedrigende und menschenunwürdige" Praxis halte. Entsprechend verlangte sie auch Dhiabs sämtliche medizinischen Akten des vergangenen Jahres.

Alka Pradhan von Reprieve, einer Menschenrechtsorganisation mit Sitz in London, äußerte sich nach dem Beschluss zuversichtlich, dass künftig transparenter werde, was in Guantanamo vorgeht. Al-Jazeera America sagte sie:

"It's a big step forward. We certainly hope that we can illustrate that there is a compelling interest in the public knowing what happens in Guantánamo Bay."

Pradhans Organisation, die sich für Dhiab und weitere Guantanamo-Häftlinge einsetzt, produzierte im Rahmen einer Kampagne dieses Video, das die Prozedur der Zwangsernährung veranschaulicht:

Die Vereinten Nationen hatten Zwangsernährung im letzten Jahr als Bruch internationalen Rechts bezeichnet. US-Behörden und die für Guantanamo zuständige "Joint Task Force" bestreiten die Missbrauchsvorwürfe. Sie werfen den Häftlingen vor, diese wollten mit ihren Schilderungen nur mediales Interesse wecken.

Zwei weitere Guantanamo-Häftlinge haben bereits über ihre Anwälte mitteilen lassen, dass sie ebenfalls die Videoaufnahmen ihrer Zwangsernährung sichten möchten. Sollten die Aufnahmen öffentlich werden, könnte das weitreichende Folgen für die US-Regierung haben.

Präsident Obama steht ohnehin in der Kritik, weil er die Schließung Guantanamos - eines der zentralen Wahlversprechen seiner ersten Kandidatur 2009 - bisher nicht durchgesetzt hat. Mehr als zwölf Jahre nachdem die ersten Gefangenen im damals neu geschaffen Internierungslager auf der US-Marinebasis auf Kuba eintrafen, sitzen heute noch 154 Gefangene dort ein. Fast 800 Terrorverdächtige waren insgesamt in der Einrichtung inhaftiert.