Deutschland diskutiert eifrig über die Reaktion von Kanzlerin Angela Merkel auf die Erschießung des Al-Qaida-Chefs. Dabei gibt es viel drängendere Fragen: Musste Bin Laden sterben? Und: Hatte der Terroristenführer die Möglichkeit, sich zu ergeben?
Die Philosophen-Nation Deutschland diskutiert eifrig darüber, ob man sich über die Erschießung Osama bin Ladens freuen dürfe. Dabei ist die eigentliche Frage: Musste Bin Laden überhaupt getötet werden oder hätte man ihn nicht verhaften und vor Gericht stellen können? Dem Rechtsstaat USA wäre ein Verfahren zwar lästig gewesen, aber an der Verurteilung - vermutlich zum Tode - hätte es keine Zweifel gegeben.
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Fotos vom Tag, an dem Bin Laden starb – Bin Ladens Tötung: Liveschaltung in den Situation Room
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Die Frage ist berechtigt, seitdem der Sprecher des Weißen Hauses, Jay Carney, die brisante Information preisgab, wonach Bin Laden überhaupt nicht bewaffnet gewesen sei. Er korrigierte damit eine Aussage des obersten Anti-Terror-Beraters von Präsident Barack Obama, John Brennan, der noch am Montag gesagt hatte, Bin Laden sei "in ein Feuergefecht verwickelt gewesen". Er wisse aber nicht, ob Bin Laden "einen Schuss abfeuern konnte oder nicht".
Die Klarstellung dieser missverständlichen Aussage löste sofort Spekulationen aus, was genau sich in den letzten Sekunden im Leben des Al-Qaida-Führers abspielte - und welchen Einsatzregeln die 25 Mitglieder des Spezialkommandos folgten. CIA-Chef Leon Panetta war es dann, der von der Regierung auserkoren wurde, Licht ins Dunkel zu bringen.
Tödliche Sekunden
In Interviews gab der künftige Verteidigungsminister nun Details der Einsatzregeln preis, die eine klare Reihenfolge vorsahen: Danach gab es "immer" die Ermächtigung, Osama bin Laden zu töten, dies sei auch den Elitesoldaten klargemacht worden. "Aber es war ebenso Teil der Einsatzregeln, dass sie (die Soldaten) die Möglichkeit hatten, ihn gefangen zu nehmen, sollte er plötzlich die Hände hoch nehmen und seine Gefangennahme anbieten. Diese Gelegenheit hat sich aber nicht ergeben", so Panetta.
Die Formulierung lässt freilich Interpretationsspielraum: Wie genau hätte sich Bin Laden ergeben müssen? Wie viel Zeit blieb einem Soldaten, die Entscheidung über den Todesschuss oder die Gefangennahme zu fällen? "Sekundenbruchteile", sagte Panetta. Die Navy Seals seien darauf trainiert, grundsätzlich schon bei der geringsten Unsicherheit das Feuer zu eröffnen.
Offenbar hatte eine der Frauen Bin Ladens die Soldaten attackiert, als diese in das Zimmer im dritten Stock eindrangen. Sie wurde ins Bein geschossen und steht heute unter Arrest der pakistanischen Behörden. Möglicherweise befürchtete der Soldat weitere Angriffe. Vielleicht machte Bin Laden, wie Panetta sagte, "bedrohliche Bewegungen". Vielleicht bestand der Verdacht, er trage einen Sprengstoffgürtel. Vielleicht entstand der Eindruck einer Gefährdung, weil in den unteren Stockwerken noch geschossen wurde. Sicher ist nur, dass ein US-Soldat Bin Laden mit zwei Kopfschüssen tötete.
Je mehr Details ans Licht kommen, desto deutlicher wird, wie komplex der Einsatz war und wie sorgfältig die Informationen gewogen werden müssen. Zunächst hieß es etwa, Bin Laden habe eine Frau als Schutzschild benutzt - eine der vier Toten. Das stimmt nicht. Das Weiße Haus machte jetzt klar, dass eine Frau im ersten Stockwerk ihr Leben ließ, während die Frau bei Bin Laden nur verletzt wurde. Und Panetta stellte noch ein Detail klar: US-Präsident Barack Obama habe der Tötung nicht zugesehen. Ein offizielles Foto zeige Obama und seine Berater zwar vor Bildschirmen. Für etwa 20 Minuten habe man aber nicht gewusst, was sich im Haus abspiele. Überprüfen lässt sich diese Aussage auch nicht. Was Obama sah, ist bisher geheim.
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(SZ vom 05.05.2011/hai)
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