Von Bernd Oswald

Vizepräsidentschaftskandidat Joe Biden garniert seine Rede mit einer Prise Pathos, einer guten Portion Bush- und McCain-Bashing und deckt Obamas außenpolitische Flanke.

Die Familie ist die Keimzelle der Gesellschaft. In den USA ist die Familie auch die Keimzelle für politischen Erfolg. Wer nicht eine rührende Familiengeschichte zu erzählen hat, tut sich in den USA ungleich schwerer, Wählerstimmen zu gewinnen. Amerika liebt Geschichten von Zusammenhalt in guten wie schlechten Zeiten. Und Beau Biden hat eine solche zu erzählen. Beau Biden ist der Sohn von Joseph Biden, dem Vizepräsidentschaftskandidaten der US-Demokraten.

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Joe Biden soll der Vizepräsident von Barack Obama werden. Er stellte den republikanischen Kandidaten John McCain als Bush II hin. (© Foto: AP)

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Im Herbst 1972 verunglückten die Bidens mit dem Auto: Ehefrau Neilia und Tochter Naomi kamen ums Leben, die Söhne Robert und Beau überlebten schwer verletzt. Joe Biden war gerade in den US-Senat gewählt worden. "Mein Vater entschied sich, den Amtseid nicht in Washington abzulegen, sondern bei uns Kindern am Krankenbett zu bleiben", erzählte der Junior, der mit 39 Jahren bereits Generalstaatsanwalt im Biden-Heimatstat Delaware ist. Dann rief er den Parteitag auf, im Herbst für Joseph Biden da zu sein, "meinen Freund, meinen Vater, meinen Helden".

Auch Biden selbst spielte die Familien-Karte, erzählte von seiner noch lebenden Mutter, die auch im Saal war. "Als ich als Kind stotterte, sagte meine Mutter nur: 'Das kommt daher, weil Du so schlau bist und Deine Gedanken nicht schnell genug rausbekommst'". Und um die Nähe zur Familie zu unterstreichen, hob Biden hervor, dass er fast täglich mit dem Zug von Washington zurück nach Wilmington in Delaware pendelt. Schon Sohn Beau hatte darauf hingewiesen, dass sein Vater deswegen "nie ein Teil von Washington gewesen sei." Damit wollten die Bidens offensichtlich Bedenken zerstreuen, der seit 36 Jahren amtierende Senator gehöre zum Washingtoner Establishment und verkörpere alles andere als Wandel.

Genau das warf Biden senior dann John McCain, dem Präsidentschaftskandidaten der Republikaner, vor. McCain habe in 95 Prozent der Fälle für George Bush gestimmt. Er wolle keine Steuerentlastung für die Familien im Lande, strebe weitere Steuersenkungen für die großen Ölkonzerne in Höhe von vier Milliarden Dollar an. Außerdem habe McCain gegen erneuerbare Energien und gar 19 Mal gegen Mindestlohn gestimmt.

Hinter jede dieser Botschaften setzte Biden ein eindringliches "Das ist kein Wandel. Das ist weiter das Gleiche". Die Delegierten stimmten von Vorwurf zu Vorwurf stärker ein und hielten Schilder mit der Aufschrift "John McCain - That's not change, that's more of the same" in die Fernsehkameras. Dabei verstehen sich die Außenpolitik-Experten Biden und McCain sehr gut, Biden bezeichnete den Republikaner gar als "meinen Freund". Für die Zukunft brauche das Land aber keinen "guten Soldaten", sondern einen "weisen Führer": Barack Obama eben.

Weil dieser Obama aber noch nicht mal vier Jahre im Senat ist und seine außenpolitische Erfahrung entsprechend gering ist, gibt es landauf landab Zweifel, ob Obama diese Führungsgestalt ist, vor allem was Amerikas Rolle in der Welt betrifft.

Und so verwendete Biden, der Vorsitzende des auswärtigen Ausschusses des US-Senats, einen Gutteil seiner Rede auf die Außenpolitik. Auch hier kontrastierte Biden die Vorstellungen McCains und Obamas. Afghanistan, Iran, Irak: "John McCain lag falsch, Barack Obama lag richtig", wiederholte Biden gebetsmühlenartig, um in ein pathetisches Schlusswort überzuleiten, wie es das Parteivolk liebt: "Das ist seine Zeit, das ist unsere Zeit, das ist Amerikas Zeit!"

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(sueddeutsche.de/gdo)