Von Daniel Steinmaier

Bei einer Ausstellungseröffnung erinnert US-Botschafter Timken an das, was Amerika für Deutschland tat. Und gibt ganz diplomatisch zu verstehen, dass heute Deutschland auch mal etwas tun sollte.

US-Botschafter William R. Timken jr. hat sich zwei Bilder ausgesucht. Zwei Bilder, die für ihn für Deutschland stehen. Die Konrad-Adenauer-Stiftung hat ihn eingeladen, die Veranstaltungsreihe "Deutschlandbilder" zu eröffnen, in der Diplomaten ihr ganz persönliches Deutschlandbild entwickeln sollen.

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Berliner Kinder, die einem Rosinenbomber zujubeln (© Foto: dpa)

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Timken hat aus dieser Sammlung nicht das Bild mit dem schaukelnden Gartenzwerg gewählt, auch nicht das Bild vom Konzentrationslager Auschwitz, und nicht das Foto von Weißwürsten und Weizenbier. Er hat sich für seinen Vortrag Bilder ausgesucht, die zu seiner heutigen diplomatischen Mission in der Konrad-Adenauer-Akademie passen. Als Erstes das berühmte Bild der Berliner Kinder, die einem Rosinenbomber zujubeln.

"Dieses Bild spricht Bände über das, was die Amerikaner für Deutschland fühlen", sagt Botschafter Timken in breitem Amerikanisch. Und im rasselnden Ton des Kalten Krieges sagt er: "Stalin meinte, er könnte uns zwingen, die freien Berliner den verhängnisvollen Klauen des russischen Bären zu überlassen".

Die deutsche Simultanübersetzung zischelt aus den Kopfhören. Viele der teils betagten Westberliner, die heute Abend in die Konrad-Adenauer-Akademie gekommen sind, werden sich vielleicht erinnern, dass sie es den Amerikanern zu verdanken haben, nicht im Osten groß geworden zu sein.

Zwei Deutschlandbilder

"Wie stolz die Piloten der Luftbrücke gewesen sein müssen, als es zur Wiedervereinigung Deutschlands kam", leitet Timken zu seinem zweiten Deutschlandbild über, das wieder jubelnde Deutsche zeigt - diesmal beim Mauerfall am Brandenburger Tor 1989.

Präsident George Bush Senior habe den Engländern und Franzosen "rund heraus gesagt, dass alle Deutschen demokratische Freiheit und deshalb ihre Wiedervereinigung bekommen müssen", ruft er die amerikanischen Verdienste bei der Wiedervereinigung ins Gedächtnis - bevor er die Lage in der Gegenwart anspricht.

"Heute sind wir Partner bei der Bestimmung und Durchsetzung einer neuen globalen Vision", sagt Timken. "Eine Vision einer Welt, die durch den selben Glauben an die Demokratie vereint ist." Eine Vision, wie er sie in Berlin heute erfüllt sieht. Und wie er sie wohl gerne anderswo auch erfüllt sähe. Etwa in Afghanistan. Gerne mit mehr Hilfe aus Berlin. Aber das sagt Timken nicht.

Diplomatische Umwege

Carl Graf von Hohenthal, der Moderator der anschließenden Diskussion, versucht den diplomatisch verborgenen Sinn deutlicher zu Tage zu fördern. Ob sich die Amerikaner im Krieg gegen den Terror eine "engere Beziehung" zu Deutschland wünschten? Timken sagt, er hoffe, "Deutschland möge verstehen, dass es sich lohnt, für die Freiheit auch Opfer zu bringen." Worte des Tadels: Aus seinem Munde niemals.

Timken wählt den diplomatischen Umweg über seine Familiengeschichte. Die Generation seiner Familie, die "in der großen Depression sehen musste, wo sie blieb", habe auch nicht geben können, sagt Timken. "Man muss erst lernen zu geben." Auch im Nachkriegsdeutschland habe man nichts zu geben gehabt. "Aber heute ist Deutschland ein reiches Land, das auch geben kann."

Botschafter Timken hat das linke Bein locker überschlagen und kreist mit seinem Fuß. Er ist keiner, der angestrengte Moralpredigten hält. Der erfolgreiche Kugellagerfabrikant aus Ohio, der George W. Bush mehr als 300.000 Dollar für den Wahlkampf spendete und daraufhin den Posten als Botschafter bekam, spricht zwar kein Deutsch und hat auch keine Diplomatenlaufbahn absolviert. Das Geschäft der Diplomatie beherrscht er trotzdem.

Bei den zahlreich erschienenen Rentnern aus den Kreisen rund ums Auswärtige Amt ist seine Message aber nicht ganz angekommen. Oder sie wollten sie nicht hören. Jedenfalls fragen sie Timken lieber zu seiner Meinung zu Russland. Oder zu Afrika. Oder zu Iran.

"Herr Botschafter, ist die Situation zwischen Iran und Israel wirklich so angespannt oder macht Iran nur großes Geschrei?" will ein Greis mit zitternder Stimme wissen. Timken sagt: "Wäre ich Israeli, würde ich die Drohungen sehr ernst nehmen" sagt er. Er meint offenbar: Auch die Deutschen sollten die Drohungen Irans ernster nehmen und nicht nur als Geschrei abtun.

Ein anderer Herr möchte wissen, was sich in Amerikas Verhältnis zu Deutschland mit Hillary Clinton oder Barack Obama im Weißen Haus ändern könnte. Da hebt Timken für einen einzigen Satz die Stimme: "An einem sollten sie keinen Zweifel haben. Für jeden amerikanischen Kandidaten ist die internationale Sicherheitspolitik zentrales Anliegen." Dass ein demokratischer Präsident sich vom Krieg gegen den Terror verabschiedet und damit auch Deutschland nicht länger in die Pflicht nimmt - diese Illusion will Botschafter Timken auf keinen Fall aufkommen lassen.

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(sueddeutsche.de/bavo)