Die Amerikaner feiern - in heftigem Regen - gemeinsam mit Deutschland die Eröffnung ihrer neuen Botschaft direkt neben dem Brandenburger Tor. Architekturkritiker stöhnen, doch das rückt angesichts geradezu erdrückender Symbolik in den Hintergrund.
Es ist nur ein kurzer Blick nach oben. Er genügt Angela Merkel, während sie die deutsche Nationalhymne singt, um Bescheid zu wissen. Diese Feier fällt ins Wasser. Zumindest was das Wetter betrifft. Daran kann auch der Gastgeber nichts ändern, US-Botschafter William Timken, der mit amerikanischem Optimismus verkündet, Regen an Feiertagen sei in manchen Ländern ein gutes Omen. In Deutschland ist das eigentlich nicht so, aber an diesem 4. Juli wollen es die auf dem Pariser Platz Versammelten allzu gerne glauben.
Am Nationalfeiertag der Vereinigten Staaten haben die USA ihre neue Botschaft in Berlin feierlich eröffnet. (© Foto: dpa)
Anzeige
Streng genommen geht es nur um die Eröffnung eines Gebäudes. Eines "fabelhaften", wie Hausherr Timken meint, eines gründlich misslungenen, wie Architekturkritiker stöhnen. In Berlins prächtigster Lage auf dem Pariser Platz am Brandenburger Tor wird die neue Vertretung der Vereinigten Staaten in der deutschen Hauptstadt ihrer Bestimmung übergeben.
Die Amerikaner haben ihren Nationalfeiertag für diesen Anlass gewählt und können darauf zählen, dass zumindest an diesem einen Tag städtebauliche Betrachtungen angesichts geradezu erdrückender Symbolik in den Hintergrund rücken.
"Diese Botschaft ist nicht nur ein Gebäude", ruft der Botschafter den unter Regenschirmen Schutz suchenden 5000 Gästen zu, "es ist das Symbol der wahrhaftigen Partnerschaft des deutschen und des amerikanischen Volkes." Wir sind zurück - das ist die Botschaft des Botschafters. Zurück an dem Ort, an dem sich vor dem Zweiten Weltkrieg zumindest für kurze Zeit die Kanzlei der US-Vertretung befand.
Den Amerikanern ist das Zeichen wichtig, das sie in Berlin setzen. Folglich hätte auch Präsident George W. Bush die Eröffnung gerne höchstselbst übernommen. Merkel lehnte dankend ab. Sie wollte Bush zum Abschied doch lieber im abgeschiedenen Meseberg empfangen, wohl wissend, dass der Präsident in Deutschland keine Beliebtheitsrekorde schlägt.
"Ein bewegender Moment für die Menschen in unserem Land"
Die Aufgabe aber bleibt in der Familie. Sie fällt dem Papa zu, George Bush senior. Auf dem Podium teilt sich die Bundeskanzlerin mit ihm nun einen Schirm. In ihrer Rede vor dem Brandenburger Tor würdigt Merkel die Rolle, welche der damalige US-Präsident Bush nach dem Mauerfall gespielt hatte.
"Ich möchte Ihnen an dieser symbolträchtigen Stelle meinen ganz herzlichen Dank aussprechen", sagt die Kanzlerin und erzählt, dass sie als DDR-Bürgerin selbst ganz nah an der Mauer gelebt habe. Sie habe sich "nicht vorstellen können, einmal durch dieses Tor zu gehen". Die Vereinigten Staaten aber hätten "immer an die Kraft der Freiheit geglaubt". Die Rückkehr der amerikanischen Botschaft auf den Pariser Platz sei ein "bewegender Moment für die Menschen in unserem Land". "Bienvenue" heißt ein Transparent auf der gegenüberliegenden Seite des Pariser Platzes die neuen Nachbarn willkommen. Es ziert die Botschaft Frankreichs.
Bush hat nicht vergessen, dass er die rasche deutsche Einigung gegen den Widerstand des Franzosen François Mitterrand und der Britin Margaret Thatcher hatte durchsetzen müssen, lässt beide an diesem Abend aber unerwähnt. Stattdessen würdigt er Altbundeskanzler Helmut Kohl und den damaligen sowjetischen Staatschef Michail Gorbatschow. Sie hätten sich in den Wendejahren als Männer "von seltener Weitsicht und seltenem Mut" erwiesen.
82 Millionen Euro teure Botschaft
"Von allen wichtigen Ereignissen während meiner Präsidentschaft war die deutsche Einheit die wichtigste", bekennt Bush. Heute nehme Deutschland in der Welt eine bedeutende Rolle ein, sei "ein Motor des globalen Wachstums" und übernehme Führung in der Europäischen Union, der Nato und anderen Organisationen. Bereits am Vorabend, bei der Entgegennahme des Henry-Kissinger-Preises, hatte Bush mit Lob nicht gespart und gesagt, dass er sich nie Sorgen gemacht habe wegen der deutschen Vereinigung. Die Deutschen hätten "ihre Freiheit erhalten und bewiesen, dass sie damit umgehen können".
Nun, fast zwei Jahrzehnte nach dem Mauerfall, eröffnen die Vereinigten Staaten bei Hamburgern, Budweiser-Bier und Coca-Cola ihre 82 Millionen Euro teure Botschaft in einem Land, das sich stark verändert hat - auch in seinem Verhältnis zu Amerika.
Nach den Terrorangriffen auf New York und Washington am 11. September 2001 hatte der damalige Bundeskanzler Gerhard Schröder bekundet: "Die Menschen in Deutschland stehen in dieser schweren Stunde fest an der Seite der Vereinigten Staaten von Amerika." Die "uneingeschränkte Solidarität" der Deutschen sicherte Schröder damals zu, eingelöst wurde sie zunächst beim Militäreinsatz in Afghanistan.
Doch als Bush junior zum Feldzug gegen Iraks Diktator Saddam Hussein blies, kam es zum Krach. Mit Kremlchef Wladimir Putin und dem französischen Präsidenten Jacques Chirac bildete Schröder ein Anti-Kriegs-Trio, das Verhältnis zu Washington wurde frostig.
In Berlin lässt Bush senior wissen, ihn erfülle mit besonderer Freude, dass sein Sohn nun eine hervorragende Beziehung zur deutschen Kanzlerin unterhalte. Altkanzler Schröder sei zur Einweihungsparty durchaus eingeladen gewesen, versichert Botschafter Timken übrigens. "Aber er hat abgesagt."
Joachim Gauck weiß, dass seine Israel-Reise eine Prüfung ist, persönlich und politisch. Der Bundespräsident besteht auch noch eine kleine Mutprobe. Seite Drei Jetzt lesen ...
(SZ vom 5.7.2008/segi)
Szene München
Man wees et nüch. Es läuft auch so auf Timkens Kugellagern wie geschmiert: kein Krieg mehr ohne uns, unerschütterlich treu in unverbrüchlich, äh uneingeschränkter Solidarität. Nicht geheim, ganz offen dackelt Deutschland zwischen die tönernen Füße des Kolosses.
Der hatte noch eine echte Beziehung zu Deutschland!
de.wikipedia.org/wiki/Prescott_Bush
Wer Ironie findet, der darf sie behalten.
als der Botschafter verkündete, die neue Botschaft werde zu einem "Denkmal wie das Brandenburger Tor eines ist", hatte er wohl schon ein Gläschen zu viel intus. Ich habe viel Verständnis für die Sicherheitsbelange, aber ein schönes Gebäude ist der neue Klotz eben nicht. Womit er sich wunderbar einfügt in die architektonische Durchschnittlichkeit der Berliner Nachwendejahre.