Ein Kommentar von Tomas Avenarius

Angeblich galt der US-Angriff auf syrischem Gebiet einem Al-Qaida-Versteck, doch die Attacke hatte ein zweites Ziel: Syriens Präsident Assad sollte sie als politischen Warnschuss verstehen.

Der Angriff war spektakulär wie in einem Hollywood-Film und mindestens ebenso blutig: Schwerbewaffnete US-Kommandos in vier Hubschraubern überflogen die irakisch-syrische Grenze, stürmten ein grenznahes Haus in einem Dorf und erschossen mindestens acht Menschen.

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Angeblich galt die Attacke einem Al-Qaida-Versteck: Syrien ist bekannt als Drehscheibe und Basis für Militante aus anderen arabischen Staaten, die zum Heiligen Krieg in den benachbarten Irak einsickern wollen.

Der amerikanische Angriff hatte aber erkennbar ein zweites Ziel: Die erste US-Attacke auf syrischem Staatsgebiet war ein politischer Warnschuss in Richtung Damaskus. Angesichts der Toten - unter ihnen sind nach syrischen Angaben auch Kinder - mag dies geschmacklos klingen. Es trifft dennoch den Kern: Mit ihrem mit Sicherheit von oberster militärischer und politischer Stelle genehmigten Überfall auf das angebliche Al-Qaida-Versteck haben die Amerikaner eine klare Botschaft nach Damaskus geschickt. Präsident Baschar el-Assad soll verhindern, dass weiterhin Untergrundkämpfer über Syrien nach Irak geschleust werden. Wenn nicht, muss er die Konsequenzen tragen.

Das Thema des Dschihadi-Grenzverkehrs aus Syrien nach Irak ist alt: Unbestreitbar sickert seit Kriegsbeginn 2003 ein großer Teil der Militanten über die Hunderte Kilometer lange syrisch-irakische Grenze in das Kriegsgebiet ein. Der Flughafen Damaskus ist seit langem bekannt als eine vom syrischen Geheimdienst gemanagte Drehscheibe für Untergrundkämpfer aus der gesamten arabischen und islamischen Welt. Zwar hat die syrische Führung - zumindest nach außen hin - versucht, diesen Grenzverkehr zu unterbinden. Offenbar schenkt man den syrischen Beteuerungen in Washington aber keinen Glauben mehr.

Jetzt stellt sich die Frage der syrischen Reaktion. Für Präsident Assad, der sich in den vergangenen Monaten im Aufwind fühlte und wieder internationale Anerkennung gefunden hat, ist das amerikanische Vorgehen demütigend. Immerhin haben die US-Soldaten das Territorium eines souveränen Staates verletzt und dabei - möglicherweise - nicht nur Terroristen, sondern auch friedliche syrische Bürger getötet. Und sie haben mit ihrem Kommando-Angriff zugleich gezeigt, dass sie Syrien als Militärmacht nicht ernst nehmen.

Eine militärische Handhabe gegen die US-Truppen hat Syriens veraltete Achtziger-Jahre-Armee nicht. Präsident Assad kann nun den Knochen schlucken und seine Grenzen nach Irak für die Dschihadis halbwegs wirkungsvoll sperren. Er kann aber auch das Gegenteil tun: Er kann den Krieg im Irak aufs Neue anheizen. Dann hätten die Amerikaner das Gegenteil dessen erreicht, was sie im Sinn haben. Verlieren dabei würde allerdings auch Assad.

Dank seiner geheimen Friedensgespräche mit Israel wird er inzwischen wieder auf die internationale Politik-Bühne geladen, ist er ein halbwegs gerngesehener Gast auf Gipfeltreffen. Reagiert der Syrer nun falsch, könnte er sich sehr rasch wieder in der Isolation der vergangenen Jahre wiederfinden.

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(sueddeutsche.de/gba)