Urban Priol zu Hessen "Der Wortbruch ist Bestandteil der Politik"

An der Schnittstelle des Irrsinns sprachen wir mit dem Kabarettisten Urban Priol über die Angst vor den "Bolschewiken" und den Wahlkampf der Doppelnamen.

Interview: B. Vorsamer

Acht Kilometer vor der bayerischen Grenze zu Hessen trifft sich sueddeutsche.de mit dem Kabarettisten Urban Priol. Zwei Stunden später wird Priol auf seiner Kleinkunstbühne, dem Aschaffenburger Hofgarten, das Jahr 2008 Revue passieren lassen.

Urban Priol amüsiert sich über den Wahlkampf der Doppelnamen: Roland Kotz-Koch gegen Thorsten Schäfer-Gümbel.

(Foto: Foto: oh)

Das Gespräch in seiner Künstlergarderobe dreht sich um Ypsilanti, Koch und Schäfer-Gümbel. Dabei, erzählt Priol, fühlt er sich wie in dem Film "Täglich grüßt das Murmeltier": Das Jahr 2008 begann in Hessen mit Wahlkampf - und 2009 beginnt schon wieder mit Wahlkampf in Hessen. Doch warum interessiert ihn das Treiben in Wiesbaden überhaupt?

sueddeutsche.de: Herr Priol, Sie sind Bayer. Trotzdem beobachten Sie die Politik in Hessen sehr interessiert. Warum?

Urban Priol: Hessen ist für uns in Aschaffenburg ganz nah, so eine Art Fluchtpunkt. Wir denken uns, wenn es finster wird hier in Bayern, dann sind wir schnell drüben.

Das war schon in der Schule so. Im Gymnasium hieß es immer: "Lass des Huma hier doch sausen, Hoffnung gibt's in Babenhausen." Wissen Sie, 2008 war Aschaffenburg an der Schnittstelle des Irrsinns zwischen Bayern und Hessen. Ich sag immer, Bayern hat jetzt einen Ministerpräsidenten, den keiner gewählt hat - und Hessen wählt am Sonntag einen Ministerpräsidenten, den keiner gewollt hat.

sueddeutsche.de: Wie konnte das passieren?

Priol: Das frage ich mich auch. Ich glaube, der Fehler war, dass die Parteien so viele Koalitionen ausgeschlossen haben. So war nach der Wahl keine Zusammenarbeit mehr möglich, ohne dass einer umfällt. Dann haben sie Mikado gespielt: Wer zuerst wackelt, verliert. Da ist auf die Sozen immer Verlass.

sueddeutsche.de: SPD-Kandidat Thorsten Schäfer-Gümbel meint, der Wortbruch der hessischen Parteichefin Andrea Ypsilanti war der Fehler.

Priol: Quatsch, der Wortbruch ist elementarer Bestandteil jeder Politik! Das hat mich geärgert, wie sehr der Wortbruch letztes Jahr verunglimpft worden ist. Als ob nicht jeder Politiker nach der Wahl sein Wort bricht.

2005 hat Angela Merkel auf jedem Marktplatz posaunt: "Eine große Koalition wird es mit mir nicht geben." Roland Koch fand 2008 nichts wichtiger als die Jugendkriminalität, und jetzt? Wenn alle Politiker, die ihr Wort gebrochen haben, in der Versenkung verschwinden würden, hätten wir keine mehr übrig.

sueddeutsche.de: Warum hat der Vorwurf des Wortbruchs dann in Hessen funktioniert?

Priol: Das hat eine Eigendynamik entwickelt. Erst haben sich die Zeitungen mit den großen Buchstaben draufgesetzt und solange von "Lügilanti" geschrieben, bis es keiner mehr hören konnte. Und dann haben sie erfolgreich die Illusion erweckt, dass nach einer rot-rot-grünen Koalition sofort die Bolschewiken am Rhein stehen.

Mich erinnert das an die "Dachlattendiskussion", als in den achtziger Jahren die Grünen auftauchten. Damals hieß es auch, wenn die Grünen an die Macht kommen, schalten sie morgen die Atomkraftwerke ab und übermorgen gehen in Deutschland die Lichter aus.

sueddeutsche.de: Welche Szene hat Ihnen als Kabarettist am besten gefallen im vergangenen Jahr in Hessen?

Priol: Eigentlich war alles toll. Das Jahr 2008 in Hessen war wie ein Adventskalender - jeden Monat ein anderer Witz. Am besten war Roland Koch, der einem Journalisten in den Block diktierte, am schlimmsten fände er Politiker, die aus purer Machtgier an ihrem Sessel kleben. Ein schöner Satz aus dem Mund des Generalvertreters von Pattex, oder?

sueddeutsche.de: Und die zweitschönste Szene?

Priol: ... das war, als Koch Gesine Schwan angegriffen hat, weil sie sich mit Stimmen der Linken zur Bundespräsidentin wählen lassen will. "Solche Aussagen zeigen den charakterlichen Verfall in der Politik", hat Koch darauf gesagt - das muss ich mir doch nicht von ihm sagen lassen! Von einem Politiker, der mit Hilfe einer Anti-Ausländer-Unterschriften-Aktion an die Macht gekommen ist und der sie trotz einer Spendenaffäre um angebliche jüdische Vermächtnisse behalten hat.

sueddeutsche.de: Hat Andrea Ypsilanti Sie auch zum Lachen gebracht?

Priol: Ja, deren Beratungsresistenz war wunderbar. Die hat sich wahrscheinlich gedacht: "Wie kann ich Heide Simonis noch toppen?" Der krönende Abschluss des Hessen-Theaters waren die "Abweichler" (malt mit den Fingern Gänsefüßchen in die Luft), die urplötzlich ihr Gewissen entdeckt haben. Ich stell mir das immer so vor: Die wachen morgens auf und denken sich: "Oh, da zuckt was, da spür ich was: Mein Gewissen! Und ich dacht', des hab ich abgeben müssen, als ich in die Politik gegangen bin."

sueddeutsche.de: Was steckt hinter dem wiedergefundenen Gewissen?

Priol: Ich glaube, Jürgen Walter ist ganz einfach stinksauer gewesen. Er hatte sich schon als Wirtschaftsminister gesehen und musste sich dann von einem Herrn Scheer und dessen Windrädern vorführen lassen. Da hat er sich gedacht: "Der Alten zahl ich es heim."

Ist das Machtgerangel in der SPD typisch hessisch? Woran denkt Urban Priol, wenn er TSG hört? Und wie soll das Chaos in Hessen enden? Antworten auf diese Fragen auf der nächsten Seite.