Unterstützung für Kurden im Kampf gegen IS Fragwürdige Verbündete

Kämpfer der kurdischen Volksverteidigungseinheiten (YPG) in Kobanê

(Foto: Getty Images)

Kurden kämpfen in Kobanê gegen die Dschihadisten des IS. Macht sie das zu Verbündeten des Westens? Immerhin stehen viele Kurden im syrischen Bürgerkrieg hinter Diktator Assad. Das macht die Sache problematisch.

Kommentar von Tomas Avenarius

Das Grenzstädtchen Kobanê kannte bis vor Kurzem kaum ein Mensch außerhalb Syriens oder der Türkei. Nun ist der kurdisch-syrische Ort selbst den Großen der Welt so geläufig geworden wie die Namen der Hauptstädte der wichtigsten Industrienationen. US-Präsident Barack Obama nimmt ihn in den Mund, auch die Kanzlerin weiß um Kobanê.

Der Grund für die plötzliche Bekanntheit der tristen Schmugglerstadt: Kämpfer der Terrormiliz Islamischer Staat (IS), berüchtigt als Kopfabschneider, belagern Kobanê. Sie drohen, die Einwohner zu massakrieren, was bald geschehen könnte.

Kurden sind ein problematischer Verbündeter

Die Welt stellt sich im Kampf um Kobanê verständlicherweise auf die Seite der Kurden. Die wenigen Luftangriffe der von Obama zusammengeschmiedeten Koalition gegen den IS können die Terrorarmee allerdings nicht stoppen. Die Einsätze wirken unentschlossen. Obama deutet an, dass die Kurdenstadt fallen wird, die letzten Zivilisten versuchen, den Ort zu verlassen. Die Gründe für die Zurückhaltung liegen auf der Hand. Trotz der sich andeutenden menschlichen Katastrophe sind die syrischen Kurden ein problematischer Bundesgenosse für die USA und ihre Alliierten.

Denn im Bürgerkrieg gegen Syriens Präsidenten Baschar al-Assad haben die Kurden bisher keineswegs Position bezogen. Im Gegenteil: In dem blutigen Chaos haben sie es verstanden, mit dem Regime in Damaskus zusammenzuarbeiten und gleichzeitig ihre Autonomie voranzutreiben. Die syrische Staatsmacht hat sich seit dem Sommer 2011 aus Teilen der Kurdengebiete an der türkischen Grenze weitgehend zurückgezogen, die Kurden sorgten quasi im Namen Assads für das Minimum an Sicherheit und Ordnung, das in einem Bürgerkrieg möglich ist.

In Syrien paktiert die Minderheit zum Teil mit Diktator Assad

Wie immer im Nahen Osten ist die Lage aber weit komplizierter, als es sich auf einer bunten Powerpoint-Folie erklären ließe. "Die Kurden" als solche gibt es in Syrien nicht, die ethnische Minderheit ist politisch uneins. Nur ein Teil hat sich im Bürgerkrieg auf die Seite der Assad-Gegner gestellt. Die anderen haben gegen die Aufständischen und sogar gegen deren kurdische Gefolgsleute gekämpft.

Diese Assad-treuen Kurden stellen den größeren oder zumindest den kampfstärkeren Teil der Minderheit. Sie hängen ideologisch und organisatorisch auch noch der kurdischen Arbeiterpartei (PKK) an - jener türkischen Kurdenorganisation also, die in vielen Staaten als Terrorgruppe gebrandmarkt worden ist. Die syrischen Kurden sind also für den Westen ein Bundesgenosse mit fragwürdigem Leumund.

Da alle Kurden im tiefsten Herzen Separatisten sind, sehen die Regierungen der Nachbarstaaten alles Kurdische mit Misstrauen: Stets bestehen politisch gefährliche Querverbindungen zwischen den Minderheiten in den einzelnen Staaten. So auch beim Kampf um Kobanê, dessen Ausgang neue Kurdenkonflikte in der Türkei, im Irak und in Iran auslösen könnte.

Ankara zaudert

Ankara etwa hat nicht das geringste Interesse an einem Erfolg der PKK-nahen syrischen Kurden - das würde nur die PKK im Heimatland stärken. Eine offene Niederlage der Kurden in Kobanê kann Ankara aber auch nicht wollen, denn sie dürfte zu blutigen kurdischen Protesten in der Türkei führen. Und Kobanê ist nur ein sehr kleiner Ausschnitt des komplexen Gesamtbilds der kurdischen Frage.

Wer sich im Angesicht der sich abzeichnenden Tragödie um die Grenzstadt für die Kurden starkmacht, sollte all das irgendwie im Hinterkopf behalten. Sonst könnten sich Obama und seine Allianz der Willigen demnächst nicht nur mit einem Bürgerkrieg in Syrien und dem Staatszerfall im Irak konfrontiert sehen, sondern auch noch mit einem grenzübergreifenden Kurdenkonflikt. Und da helfen dann auch keine Kampfbomber mehr.