Untergrundtruppen in Nato-Staaten Geheimarmeen in elf Nato-Ländern

"Der Aufbau der Stay-behind-Organisationen der Nato-Staaten begann schon kurz nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs", bestätigt ein offizieller Bericht der deutschen Regierung im Dezember 1990: "Die Einheiten der von den allierten Geheimdiensten auf deutschem Territorium bis 1955 aufgebauten Nachrichtenbeschaffungs- und Schleusungsorganisation wurden 1956 vom BND übernommen." In dem Bericht heißt es auch, dass die Organisation nicht, wie versprochen 1952 aufgelöst wurde. 104 Personen arbeiteten noch mit dem BND zusammen.

Nato

Allerdings wolle der Geheimdienst - nach Vereinbarungen mit den Verbündeten - die Organisation bis zum April 1991 auflösen. Der Kalte Krieg ist vorbei, die Geheimarmeen werden nicht mehr gebraucht.

Als Andreotti auspackte

Dem Bericht vorausgegangen waren Enthüllungen des italienischen Ministerpräsidenten Giulio Andreotti im Oktober 1990. Um sich von Mordverdacht und Mafiatätigkeiten freizukaufen, enthüllt Andreotti die Existenz einer italienischen Stay-behind-Organisation namens "Gladio", der lateinische Ausdruck für das römische Kurzschwert - auch ein Symbol des faschistischen Italiens unter Benito Mussolini. Die Gruppe bestehe aus Antikommunisten, unterhalte geheime Waffenlager und solle einen Untergrundkrieg im Falle einer sowjetischen Besatzung führen.

Andreotti verweist auch auf eine übergeordnete Befehlsstruktur der Nato - diesen Hinweis tilgt er aber wenig später aus dem Dossier. Das erste Mal seit den fünfziger Jahren erfährt man wieder etwas von einer Stay-behind-Organisation. Doch nicht nur Italien, auch die meisten anderen westeuropäischen Staaten räumen daraufhin zögerlich ein, dass ihre Länder geheime Armeen für den Fall der Fälle unterhalten würden.

Einen Monat später diskutiert das Europäische Parlament den "Gladio"-Skandal. Im Amtsblatt C 324/201 heißt es: "In der Erwägung, daß diese Organisation sich seit mehr als vierzig Jahren jeglicher demokratischer Kontrolle entziehen konnte, und daß sie von den Geheimdiensten der betreffenden Staaten in Zusammenarbeit mit der Nato geleitet wurde", verurteilt das Europäische Parlament "die Einrichtung von geheimen Organisationen zwecks Einflußnahme und Durchführung von Aktionen" und fordert eine volle Aufklärung. Aber nur Belgien, die Schweiz und Italien richten parlamentarische Untersuchungskommissionen ein und veröffentlichen ihre Berichte.

Erst 18 Jahre später publiziert der Schweizer Historiker Daniele Ganser eine umfangreiche Studie über die Arbeit der Stay-behind-Organisationen. In elf Nato-Staaten und in den neutralen Ländern Schweden, Schweiz, Österreich und Finnland seien die "Stay-behind"-Organisationen tätig gewesen, heißt es dort.

Außerdem hätten die Gruppen auch in einigen Ländern massiv innenpolitisch interveniert - zumindest in Belgien, Griechenland, der Türkei, Frankreich und Italien, etwa beim Bombenanschlag auf den Hauptbahnhof von Bologna 1980.

Ganser sieht in den geheimen paramilitärischen Stay-behind-Truppen der Nato zweierlei: Sie waren einerseits kluge Vorsichtsmaßnahme, aber auch Quelle des Missbrauchs und Terrors. "Es kann nicht hingenommen werden, dass Steuergelder dafür verwendet werden, Bürger zu töten", sagt er im Gespräch mit sueddeutsche.de.

Die Fakten zeigten, dass die Legislative "nicht in der Lage war, die Geheimarmeen wirksam zu kontrollieren. So etwas ist zwar aus totalitären Staaten bekannt - aber für Demokratien ist es zumindest überraschend", so Ganser weiter.

Eine umfassende Aufklärung scheitere aber daran, dass die Nato Protokolle und Aufzeichnungen über Stay-behind-Netzwerke bis heute nicht zugänglich mache.

Das Militärbündnis nahm offiziell im November 1990 zu den Vorwürfen Stellung, als ein Sprecher bestätigte, dass "die Nato niemals einen Guerillakrieg oder Geheimaktionen in Betracht gezogen hat. Sie hat sich immer mit den militärischen eigenen Angelegenheiten und der Verteidigung der allierten Grenzen" beschäftigt. Einen Tag später erklärte ein anderer Sprecher, dass die Nato niemals zu geheimen militärischen Angelegenheiten Stellung nehme, und deshalb der Bericht vom Vortag falsch sei. Dies war die einzige und letzte Stellungnahme - bis heute. Also bleiben auch fast zwanzig Jahre nach Ende des Kalten Krieges die Stay-behind-Organisationen der Nato-Länder noch immer ein Rätsel.