Unterbringung von Asylbewerbern "Goldgräberstimmung" in der Provinz

Ein Kind demonstriert mit dem Schild 'Refugees are welcome': Nicht alle meinen es gut mit den Flüchtlingen.

(Foto: dpa)
  • Immer mehr Hoteliers entdecken das Geschäft mit Flüchtlingen und funktionieren ihre Häuser zu Unterkünften um.
  • Viele Kommunen sind auf die ehemaligen Pensionen angewiesen, Pro Asyl kritisiert eine "unheilige Allianz" zwischen Betreibern und Kommunen.
  • Auch Privatleute vermieten an Flüchtlinge. Eine Unterbringung in normalen Wohnungen hat Vorteile für beide Seiten.
Von Karin Janker

Jägerzaun, weiße Doppelhaushälfte, der Rasen im Vorgarten kurz gemäht. Aus der Haustür kommt ein junger Mann, er grüßt und verschwindet die Straße hinunter. "Der jüngste unserer Mieter", sagt Verena Stork, die gerade ihr Auto gegenüber geparkt hat. "Er stammt aus einem Ort an der syrisch-türkischen Grenze, drei Monate lang ist er gelaufen - er kam im Winter in kurzen Hosen in Deutschland an", erzählt sie. Die 34-jährige Juristin hat die Doppelhaushälfte in Kassel-Forstfeld Anfang des Jahres zusammen mit ihrem Mann gekauft und vermietet zwei Wohnungen darin an Flüchtlinge.

Zuvor habe sie mit sämtlichen Nachbarn gesprochen und deren Einverständnis eingeholt. Große Widerstände habe es nicht gegeben, sagt Stork. Nur die Nachbarn auf dem Grundstück nebenan, jenseits des Jägerzauns, die bauen jetzt ein Tor an ihre Einfahrt. Und warfen ihr Geschäftemacherei vor. Denn statt der ortsüblichen Kaltmiete von etwa 700 Euro erhält Stork für die 105 Quadratmeter von der Stadt Kassel eine Pauschale zwischen zehn und 16 Euro pro Flüchtling und Tag. Für die acht Syrer im Haus macht das zwischen 2400 und 3800 Euro im Monat.

"Wenn jemand diese Zahlen hört, bekommt man schnell Mietwucher vorgeworfen", sagt Mario Neumann vom Sozialamt in Kassel. Dabei müsse man bedenken, dass der Vermieter die Wohnung voll möbliert zur Verfügung stellen muss, inklusive Waschmaschine, Küche, Handtüchern und Geschirr. Außerdem geht der Vermieter in Vorleistung: Er bezahlt sämtliche Nebenkosten, egal wie hoch der Verbrauch ist.

Immer mehr Menschen kommen auf die Idee, mit der Unterbringung von Flüchtlingen Geld zu verdienen. Die 500 000 Neuankömmlinge, die die Bundesländer für dieses Jahr erwarten, brauchen schließlich ein Dach über dem Kopf. Bringen private Unterkünfte hier die Lösung - oder sind sie Teil einer Industrie, die Geschäfte auf Kosten des Staates und der Flüchtlinge macht? Oft ist schwer zu beantworten, wer es tatsächlich gut meint und wer nur auf die Pauschale spekuliert, ohne für eine menschenwürdige Unterbringung zu sorgen.

Wo längst keine Gäste mehr absteigen, werden Flüchtlinge untergebracht

Der getäfelte Saal, in dem vor Jahrzehnten der Kinderfasching stattfand, ist heute Gemeinschaftsraum. In den Gästezimmern, früher für 54 Euro inklusive Vollpension zu haben, leben nun Flüchtlinge aus Syrien, dem Irak oder Afghanistan. Etwa 125 Menschen wohnen inzwischen in den 80 Zimmern des früheren Gasthof Rosenhof in Wörth. Die Kleinstadt an der Donau hat das ehemalige Hotel von Betreiber Cemal Akkaya vor zwei Jahren als Flüchtlingsunterkunft angeboten bekommen. Wie viel er mit dieser Nutzung verdient, will Akkaya nicht sagen. Unrentabel ist das Geschäftsmodell aber offenbar nicht: Akkaya betreibt inzwischen zwei weitere ehemalige Pensionen als Flüchtlingsunterkünfte.

Für die Unterbringung der Flüchtlinge in Wörth an der Donau kommt der Landkreis Regensburg auf. Dort heißt es, pro Tag und Person bezahle man zwischen 15 und 25 Euro an den Betreiber einer Unterkunft, je nachdem, ob der nur für die Unterbringung oder für die volle Verpflegung verantwortlich ist. In Ausnahmefällen können die Kommunen aber auch höhere Sätze zahlen, sagt Alexander Thal vom Bayerischen Flüchtlingsrat. Vor allem dann, wenn die Not groß ist und alle verfügbaren Turn- und Lagerhallen bereits mit Feldbetten vollgestellt sind.

Unterbringung von Flüchtlingen

Asylsuchende werden in Deutschland zunächst von den Behörden untergebracht - erst in Erstaufnahmeeinrichtungen, dann in Gemeinschaftsunterkünften. Ob und wann sie in eine Wohnung umziehen dürfen, hängt von ihrem rechtlichen Status ab und ist von Land zu Land sowie in den einzelnen Kommunen unterschiedlich. In Bayern gilt eines der strengsten Aufnahmegesetze: Dort herrscht Lagerpflicht, Flüchtlinge sollen also in der Regel in Gemeinschaftsunterkünften der Bezirksregierungen untergebracht werden. Der Bayerische Flüchtlingsrat kritisiert dies als rechtswidrig. In anderen Ländern dürfen Flüchtlinge Privatwohnung auf Hartz-IV-Niveau beziehen. Pro Asyl beobachtet bundesweit aber einen Rückgang der Wohnungsquote: Von 66 Prozent im Jahr 2007 sank diese bis 2013 auf 55 Prozent. Erhebungen der Organisation zufolge variiert die Wohnungsquote in den Bundesländern zwischen zuletzt 91 Prozent in Rheinland-Pfalz und 34 Prozent in Baden-Württemberg.

Viele Kommunen sind auf die Angebote privater Unternehmer angewiesen, die ihnen ihre Pensionen als Unterkünfte anbieten. Wo schon längst keine Gäste mehr absteigen, werden nun Flüchtlinge untergebracht. Oft in wenig erschlossenen Regionen, weit weg von Deutschkursen, Arbeit und öffentlichen Verkehrsmitteln. Für die Hoteliers lohnt sich das Geschäft. Statt auf Touristen zu hoffen, laufen ihre Häuser nun unter konstanter Vollbelegung. Rathausmitarbeiter in der bayerischen Provinz sprechen von einer "Goldgräberstimmung", ständig bekämen sie von Privatleuten Häuser angeboten.

Flüchtlinge sollen leben wie andere Leute auch

Die sogenannte dezentrale Unterbringung in nicht-staatlichen Unterkünften ist eine wichtige Stütze in der deutschen Asylpolitik. Die staatlichen Unterkünfte sind nicht nur oft überfüllt, sondern auch wegen ihrer Größe umstritten. Pro Asyl fordert deshalb seit langem, den privaten Wohnungsmarkt für Flüchtlinge zu öffnen. Langfristig sei das günstiger als große Gemeinschaftsunterkünfte.

Auch in Brandenburg ist zu spüren, dass die Politik nun in aller Eile nachholen muss, was sie lange nicht wahrhaben wollte: Es gibt zu wenige Flüchtlingsunterkünfte, neue müssen gebaut werden. Ein Vertreter aus der Bau-Branche berichtet, wie begehrt diese Aufträge sind: Schnell und robust soll gebaut werden. "Wir verbauen Toiletten aus Edelstahl - eigentlich ähnlich wie bei einem Gefängnis", sagt er. Solche Aufträge sind lukrativ für die beteiligten Firmen, der Zuzug von Flüchtlingen wirkt hier wie ein Konjunkturprogramm.

Nicht nur Hoteliers und Baufirmen verdienen an Flüchtlingen, auf dem Markt etablieren sich auch große Unternehmen. Im niedersächsischen Gifhorn zum Beispiel wurde kürzlich in einem "beschleunigten" Verfahren ein Betreiber für eine Flüchtlingsunterkunft gesucht. Der Zuschlag ging an den Anbieter mit dem niedrigsten Preis: European Homecare. Das Essener Unternehmen betreibt inzwischen etwa 50 Unterkünfte und ist damit Marktführer. Sein Name ist verbunden mit den Schlagzeilen aus dem vergangenen Herbst, als Wachleute Flüchtlinge misshandelten - in einem Heim von European Homecare.