Günstige Mieten ziehen Kreative in Städte wie Leipzig und Berlin, wo sie Arbeiterviertel zu lebendigen Szenetreffs machen. In kleineren Städten wird die Leere zum Problem. Eine Serie zu 20 Jahre deutsche Einheit.
Mathias Tretter kennt Deutschland. Er reist mehr durchs Land als jeder Versicherungsvertreter. Tretter macht politisches Kabarett. Seit sieben Jahren. 200 Auftritte pro Jahr. Das macht eine Menge Deutschland. Vor drei Jahren ist er nach Leipzig gezogen. Tretter sagt: "In Deutschland gibt es keinen besseren Ort zum Leben."
Die Reise in Bildern Unser Osten
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Tretter steht auf einer Baustelle. An einem Ende des Raums ein Podest aus Holz mit einem großen Loch in der Mitte, am anderen Ende einige Stühle, auf einem sitzt eine Schaufensterpuppe. Ab Oktober soll Publikum anstelle der Puppe sitzen und in dem Loch eine Drehbühne Schauspieler in Szene setzen. Zusammen mit seiner Frau und zwei Freunden will der Kabarettist hier in wenigen Wochen ein Theater eröffnen, das Neues Theater Leipzig heißen wird.
Künstler und andere Pioniere
"Dass das Ganze sich trägt, ist natürlich visionär bis utopisch", sagt Tretter. Doch wo, wenn nicht hier in Leipzig, soll so ein Projekt möglich sein? Die Bedingungen in Leipzig sind ideal: Das Publikum ist offen und kunstinteressiert, hier gibt es genügend Leerstand und günstige Mieten. "Hier kann man das riskieren, ohne fürchten zu müssen, dass man sich für 20 Jahre ruiniert", sagt Tretter. "In einer größeren Stadt in Westdeutschland wäre so ein Projekt niemals möglich gewesen."
Mit dieser Einschätzung ist Tretter nicht allein. Brache Industrieflächen, die als Ateliers, Veranstaltungsflächen oder als Lofts genutzt werden, und günstige Mieten ziehen Künstler und Studenten in Städte wie Leipzig, Dresden und natürlich Berlin. Dort versammelt sich die Szene in Vierteln wie Connewitz, der Neustadt oder Friedrichshain. Für Stadtgeographen ist das der erste Schritt eines Prozesses, den sie Gentrifizierung nennen.
Die Pioniere - also Künstler, Studenten, Kreative - werten den Stadtteil durch kulturelle Aktivitäten auf, Bars und Restaurants entstehen und locken wohlhabendere Bewohner an. Am Ende der Entwicklung steht oft das Problem, dass die alteingesessenen Bewohner sich das Leben im Viertel nicht mehr leisten können.
Diese Yuppisierung gab es in London und New York, in Oslo und Zürich und auch in Prenzlauer Berg in Berlin. In Leipzig-Lindenau, dort wo das Theater entstehen soll, sind solche Verdrängungsprozesse noch nicht zu beobachten. Zwar steigen auch hier langsam die Mieten, aber eine 150-Quadratmeterloft mit Dachterrasse ist hier noch für unter 500 Euro zu haben. Und eine ordentliche 100-Quadratmeterwohnung findet sich für 200 Euro.
Und daneben gibt es ein Überangebot an nicht oder selten genutzten Industriebrachen. "Hier versuchen ständig irgendwelche Leute ganz verrückte Sachen, aber keiner macht eine große Sache daraus. Man versucht einfach mal", sagt Kabarettist Tretter.
Ein Luxus, der in den teuren und ökonomisch erfolgreicheren Westmetropolen kaum denkbar ist. Wenn in München ein Kaufhaus schließt und darin für ein halbes Jahr eine Zwischennutzung zu kulturellen Zwecken möglich ist, gerät die gesamte Münchner Szene in Ekstase. In Leipzig oder Berlin wäre solch ein Hype kaum vorstellbar.
Sebastian Lenz, Direktor des Leibniz-Instituts für Länderkunde in Leipzig, nennt das "Luxus der Leere". Lentz sieht darin die positive Wendung von Schrumpfung, begreift diese als Qualitätssteigerung. In Leipzig ist es ganz normal, dass der Unternehmensberater in seiner luxussanierten Gründerzeitwohnung eine Vierer-Studenten-WG als Nachbar hat", sagt Lentz.
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Sie haben beide meine Zustimmung. Man muß sich vielleicht nur klar machen, daß Leipzig heute mit ländlichen Regionen im Osten nicht mehr viel gemein hat - außer den jungen Leuten, die von dort nach hier gehen (kommen).
Leipzig war immer schon eine weltoffene Stadt (die Uni mit vielen Studenten ewa aus ganz Afrika und Lateinamerika, die Messe, Bach). Zur Wende war zwar die "Hardware" (Gebäude, Industrie, Infrastruktur) ziemlich weit geschädigt, die "Software" aber ist hier vielleicht lebendiger gewesen als anderswo. Nun, "Hardware" hat man inzwischen für zig Milliarden hingeklotzt, Studenten gibt es heute 30 statt früher 10 Tsd. Der Hype um Leipzig wird aber bald vorbei sein, da die strukturellen Probleme - zu wenig Arbeitsplätze, eine nie mehr zu stemmende Verschuldung, wachsende soziale Segregation - kaum zu lösen sind. Das können die paar hundert Wissenschaftler in Max-Planck- und anderen Instituten und die paar hundert Künstler nicht wettmachen.
Es gibt genau eine gütlige Kausalität: Die Menschen bleiben da, wo Arbietsplätze sind - Kultur ist ein erstrebenswertes Plus - mehr nicht. Von wenigen Künstern abgesehen, zieht niemand nach Leipzig, weil dort die Mieten so schön günstig sind une ein frischer Kulturbetrieb herrscht.
Tatsache ist, in vielen ostdeutschen Städten sind diejenigen, die etwas bewegen und gestalten wollen, weggezogen - aus Mangel an Arbeit und Perpektiven. Geblieben sind die, die wenig zu erwarten bzw zu verlieren haben. Sollte sich die wirtschaftliche Situation in vielen Regionen nicht ändern, ist eine Besserung nicht zu erwarten, da kann man so viele Kulturprojekte ins Leben rufen, wie man will.
Ich frage mich, warum die Spinnerei immer wieder so übertrieben dargestellt wird. Sehr viele,die dort leben und arbeiten, krepeln auch nur rum und halten sich irgendwie über Wasser. Hier in Leipzig ist Kultur eine große Show, mehr nicht. Man muss nur mal zum Rundgang auf das Spinnereigelände gehen. Man kommt sich vor wie auf einer Modenschau, wie bei einem Maskenball... Kultur gibt es hier viel- ja. Aber das alles ist ein riesiges Theater...hier geht es den Menschen um ganz andere Dinge.
Und - wir brauchen nicht noch mehr Galerien und Theater - wir brauchen authentische Menschen, die die Erstzkultur erkannt haben, und tatsächlich leben wollen.
Ist das Leben denn hier schöner, nur weil ein Herr Rauch hier ansässig ist?
Und ob sich Menschen an der Tankstelle mit Sternburg betrinken, oder sich in irgendeinem Kulturhaus literweise Rotwein hinter die Binde kippen, spielt auch keine Rolle.
Schaut doch mal hinter die Kultur-Fassade!
Der Osten wird nun einmal über Plattenbauten, Stasi und Unrecht definiert. Daran wird sich auch in den nächsten Jahren nichts ändern.
Daß diese Plattenbauten als Lösung des Wohnungsproblems gedacht waren, und man dort z.B. in einer Dreizimmerwohnung für 122,- Mark (warm) wohnen konnte, läßt man lieber unerwähnt.
Selbstverständlich findet man in solchen Siedlungen, weil sich dort das arbeitende Volk konzentrierte, nun auch konzentriert HartzIV-Empfänger.
Und gerade in Städten wie z.B. Hoyerswerda hat die Plattmacherei der Wirtschaft zu massivem Leerstand in solchen Siedlungen geführt.
Noch schlimmer ist es in den Dörfern, in denen man nun kaum noch Kinder sieht, sondern fast nur noch ältere Menschen, die nicht mehr weggehen können.
Dadada. Ja, Dada. Dadaismus & Charleston.
Die Synonyme jener emotional-empathisch wahrgenommenen Endzeitstimmung, die mit den orgiastischen und hybrid-hysterischen Feierexzessen über den sich anbahnenden Zusammenbruch hinweg zu trösten suchte.
Weniger als 15% aller deutschen Privathaushalte verfügten lt. Stat. Jahrebuch 2008 schon im Jahre 2007 über mehr als 85% aller Privatvermögen.
Dagegen steht das friederizianischen Maschinenmenschenlernleistungsmodell, dass behauptet, jeder Mensch sei seines Glückes Schmied. Das ist aber heute in Deutschland genau so wenig Wirklichkeit wie an den Ufern des Kongo, in Malawi,
Mexiko, Myanmar, der VR China, Guatemala, Honduras oder sogar den USA.
Ständisch-korporative Besitzstandsdiktaturen, die sich u.a. in Hamburg durch solche Apologeten wie einem Rechtsanwalt Walter Scheuerl repräsentieren, der als Rechtsvertreter eines Stefan Heinig (KiK - einem Unternehmen der Tengelmanngruppe) bei den rechtsbrecherischen Lohnwucher- und -erpressungsprozessen legalistischen Schutz zu geben sucht, sind die Realität, die unser heutiges Vettern- und Günstlingswirtschaftssystem in der Praxis beschreibt und das reale Leistungsfähigkeit so fürchtet, wie der Teufel das Weihwasser, weil die Brut unserer Besitzstandsfeudalherrschaften so erbarmungslos leistungsunfähig ist, dass sie sich nur noch wie Gecken, Laffen und Höflinge des 17. und 18. Jahrhunderts zu inszenieren verstehen und versuchen, den gemeinen Mann und die gemeine Frau auf der Straße damit zu bluffen und zu blenden.
Das ist Agenda 2010. Das sind die realen Alphatiere, Leistungsträger und Eliten.
Nicht mehr, nicht weniger.
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