Unruhen in Thailand "Wir werden wieder kämpfen"

In Bangkok weicht die Opposition vor den Panzern des Militärs zurück - doch befriedet ist das Land durch die Kapitulation noch lange nicht.

Von Tobias Matern, Bangkok

Es glitzert nichts, fast keine Lichter brennen. Dafür lodern mehr als ein Dutzend Feuer. In Bangkok ist am Mittwochabend nichts wie sonst. Die thailändische Hauptstadt hat einen weiteren Tag voller Kämpfe erlebt. Und als die Nacht hereinbricht, sind die Unruhen noch nicht vorbei.

Die Armee hat am Morgen um kurz nach sechs Uhr mit einer sich seit Tagen abzeichnenden Operation begonnen: Sie geht mit Waffen und Panzern gegen die letzten Rothemden vor, die sich auf einer Fläche von etwa drei Quadratkilometern im Zentrum der Stadt aufhalten - verschanzt hinter Autoreifen und Bambusbarrikaden.

"Wir rücken jetzt vor", sagt ein Soldat auf der Sukhumvit-Straße, während er und seine Kameraden sich in Bewegung setzen. Das Lager der Regierungsgegner werde nun ein für alle Mal aufgelöst. Ein paar Tausend Demonstranten sind noch dort.

"Wir sind froh, dass die Proteste zu Ende sind", sagt Finanzminister Korn Chatikavanij am Abend der BBC. "Aber das Ganze ist eine Tragödie für Thailand, niemand kann dies als Sieg verbuchen." Das Land brauche jetzt dringend einen Versöhnungsprozess. Mehr als zwei Monate haben die Rothemden die Stadt in Atem gehalten.

Konzentriert in Bangkok

Auf Lastwagen waren viele der anfangs etwa hunderttausend Demonstranten aus dem Norden des Landes nach Bangkok gekommen. Bald wählten die Anführer eines der großen gläsernen Einkaufszentren auf der Ratchaprasong-Straße als Zentrum ihres Aufstands. Abend für Abend brandmarkten dort die Sprecher des Aufstands Premierminister Abhisit Vejjajiva, forderten seinen Rücktritt.

Bei der Einnahme des Rothemdenlagers am Mittwoch sterben mindestens fünf Menschen, darunter ein italienischer Photograph. Ein Regierungssprecher tritt vor die Kameras. Er bemüht sich, entschlossen zu wirken. Die Armee sei dabei, die Lage unter Kontrolle zu bringen, sagt er. Allerdings ist die Lage längst nicht unter Kontrolle. Noch während die Operation läuft, dirigiert nur einige Straßenzüge weiter eine Handvoll junger Männer den Verkehr um. Hinter ihnen rollen Protestierende einen Stapel Autoreifen zusammen, zünden ihn an.

Dabei haben die Anführer der Rothemden zu diesem Zeitpunkt schon aufgegeben. Sie treten ein letztes Mal auf die Bühne, rufen zu einem Ende der Proteste auf. Man wolle weiteres Blutvergießen vermeiden, sagt ein Sprecher der Bewegung. Der politische Kampf müsse aber fortgesetzt werden, auch wenn der Straßenaufstand vorbei sei. Dann stellt sich die Führungsriege den Behörden. "Wir haben nicht verloren", sagt Jatuporn Prompan. "Wir werden wieder kämpfen."

Die Rothemden geben auf

Eine Frau, die sich als Mia vorstellt, hat kurz vor der Stürmung das Lager der Opposition verlassen. Sie reagiert frustriert auf die Ankündigung der Führung, weiß nicht, wie es weitergehen soll und wofür sie eigentlich gekämpft hat. "Wir wollten eine andere Regierung, eine, die sich für unsere Belange einsetzt", sagt Mia. Stattdessen hätten die Anführer die Bewegung verraten. Mia sagt, sie werde versuchen, irgendwie in ihre Heimatprovinz im Nordosten zurückzukommen. Die junge Frau klingt resigniert.

Andere Demonstranten reagieren aggressiver. In Teilen Bangkoks herrscht am Abend Chaos, es kommt nach Medienberichten zu Plünderungen. Die Aufständischen zünden zahlreiche Gebäude an: Das Einkaufszentrum Central World Plaza brennt, berichtet ein Augenzeuge. Auch ein Kino steht in Flammen, genau wie ein Fernsehsender. Die Journalisten rufen per Twitter um Hilfe. Die Aufständischen sind wütend über die ihrer Meinung nach ungerechte Berichterstattung. Zwei Zeitungen bringen ihre Mitarbeiter in Sicherheit. In manchen Teilen der Stadt fallen der Strom und das Internet aus. Thailändische Medien berichten davon, dass auch in nördlich gelegenen Provinzen des Landes Demonstranten Gebäude in Brand gesteckt hätten. Über Bangkok erlässt die Armee bis in die frühen Morgenstunden eine Ausgangssperre. Der Stadt stehe noch eine "Nacht des Leidens" bevor, heißt es nun von Regierungsseite.

Mit Vorsicht und Pass auf die Straße

Reisende sollen in Bangkok trotz der Ausgangssperre zum Flughafen gelangen können. Wer einen Pass vorweisen könne, dürfe seine Unterkunft verlassen, sagt Regierungssprecher Panitan Wattanayagorn am Mittwoch in Bangkok. Das Auswärtige Amt rät aber dringend von Reisen nach Bangkok ab. Außenminister Guido Westerwelle hat vor einem Bürgerkrieg in Thailand gewarnt.

Schon im April war die Gewalt ein erstes Mal eskaliert, als die Armee versucht hatte, den Aufstand zu beenden. Doch nach einem Wochenende zog sich das Militär wieder zurück, die oppositionellen Rothemden setzten ihre Proteste fort. Die Bewegung besteht aus mehreren Gruppen, aber auf einen gemeinsamen Nenner hatten sie sich verständigt: Die Regierung Abhisit müsse zurücktreten. Viele Rothemden sind Anhänger des im Jahr 2006 vom Militär gestürzten Premierministers Thaksin Shinawatra, der aus dem Exil Einfluss auf die Proteste genommen und diese offenbar auch in weiten Teilen finanziert hat. Seit Beginn der Proteste sind siebzig Menschen in Bangkok gestorben, mehr als tausend wurden verletzt.

Die Armee setzt Räumfahrzeuge ein, die über die Befestigungen rollen. Schüsse fallen, Explosionen sind zu hören. Zwischen den Wolkenkratzern der Hauptstadt hängen dichte Rauchschwaden. Augenzeugen berichten, dass nicht nur die Armee geschossen habe, sondern auch etliche Rothemden bewaffnet gewesen seien und das Feuer erwidert hätten.

Verstand statt Gewalt

Eine Bankangestellte steht unweit der Hochbahnhaltestelle Ploen Chit. Heute fährt wie schon in den Tagen zuvor kein Zug. Zu Fuß kann sie auch nicht zur Arbeit gehen, denn ihr Büro liegt hinter dem Kordon, den die Armee um das Lager der Aufständischen gezogen hat und auf das die Soldaten nun unaufhaltsam vordringen. Die Frau ringt mit der Fassung, macht dann ihrem Frust Luft. "Ich habe noch nie eine solche Gewalt erlebt, noch nie sind Thais so wütend miteinander umgegangen", sagt sie. "Ich frage mich, warum nicht einfach beide Seiten ihren Verstand benutzen", ergänzt die Frau und meint damit Rothemden und die Regierung Abhisit.

Tatsächlich schien in der vergangenen Woche eine Verhandlungslösung möglich gewesen zu sein. Der Premier hatte den Aufständischen einen Kompromissvorschlag unterbreitet, Wahlen für November angeboten. Doch ein Deal scheiterte, die Regierung beharrte darauf, dass die Rothemden erst ihre Protestzone räumen müssten - was diese zurückwiesen. Erst müsse der stellvertretende Premier zur Rechenschaft gezogen werden, der aus ihrer Sicht für den Gewaltausbruch im April verantwortlich ist. Als ein Scharfschütze am vergangenen Donnerstag einen zu den Rothemden übergelaufenen Generalmajor erschoss, eskalierte die Gewalt erneut.

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