Unruhen in London Aufruhr der Abgehängten

Viertel um Viertel fressen sich die Krawalle durch London, Stadt um Stadt erfassen sie Großbritannien: Längst ist der Auslöser der Proteste, der Tod eines Familienvaters in Tottenham, in den Hintergrund getreten. Was aber treibt den entfesselten Mob an? Wer sind die Randalierer?

Von Oliver Das Gupta

"Investing in Woolwich", wirbt ein Schild, unter dem Schriftzug prangt das Bild eines prosperierenden Straßenzuges. Krasser könnte der Kontrast nicht sein: Denn hinter der Reklame steht ein Straßenzug in Flammen. Lichterloh brennt der Pub, den Jugendliche im Osten Londons angesteckt haben. Nun liegt der Brandgeruch auch über Woolwich, dem aufstrebenden Kasernenviertel, wo im kommenden Jahr die Sportschützen-Wettbewerbe der Olympischen Sommerspiele stattfinden sollen.

Das einst heruntergekommene Viertel wurde in den vergangenen Jahren zu einem angesagten Wohnquartier: Die Immobilienpreise kletterten unaufhöhrlich nach oben, immer mehr wohlhabende Londoner sind in den einst verrufenen Osten gezogen. Soziale Unruhen hatten die neuen Bewohner von Woolwich wohl nicht erwartet, als sie ihr Geld in renovierte Wohnungen steckten.

Aber was bedeutet das schon in diesen Tagen in London, wo vieles Realität wird, was vor kurzem noch undenkbar war.

Drei Nächte dauern die riots schon an, und ein Ende ist nicht in Sicht: Immer weiter fressen sich die Unruhen durch die britische Hauptstadt. Längst ist der Funke aus dem neuralgischen Problemviertel Tottenham in die übrigen Bezirke übergesprungen. Längst brandschatzt der entfesselte Mob auch in Städten wie Leeds, Bristol und Birmingham.

London setzt offenbar auch im Negativen Trends und Maßstäbe. Polizei und Politik sind überrascht und überfordert, wie schnell sich die Krawalle ausbreiten und wie massiv sie sind. Was ist nur los mit der Kapitale an der Themse, die Bürgermeister Boris Johnson noch am Wochenende vollmundig als eine der "sichersten Städte" des Planeten bezeichnet hatte?

Anarchistisch-gewalttätige Stadtrundfahrt

Klar ist bislang, dass vieles unklar ist. Zum Beispiel die Anzahl der mutmaßlichen Täter: Mal tauchen 50 Randalierer in der zentralen Oxford Street auf, mal knacken 100 Jugendliche in New Cross Gate einen Elektromarkt und räumen ihn aus, mal liefern sich 150 zumeist vermummte Gestalten in Clapham eine Straßenschlacht mit der Polizei. Teilweise handelt es sich wohl um junge Aufrührer, die von Viertel zu Viertel ziehen auf einer anarchistisch-gewalttätigen Stadtrundfahrt.

Nicht alle auf der Straße gehören zum Mob. Viele Passanten gaffen und recken ihre Handys um möglichst viel von dem Spektakel filmen zu können - für die Randalierer ein zusätzlicher Kick, für die Sicherheitskräfte ein nervtötendes Ärgernis.

Immerhin eine Zahl liefert die Polizei: Bis zum Dienstagmorgen haben die Sicherheitskräfte mehr als 330 Personen in London und Birmingham festgenommen. Nur wie viele da draußen noch marodieren, das kann bislang niemand sagen.

Verblüffend ist auch, wer da Schaufenster einschlägt, Modeläden leerräumt und Autos abfackelt. In England gab es immer wieder Unruhen, 2001 in Oldham etwa, als weiße und pakistanischstämmige Briten aufeinander losgingen oder bei den Broadwater Farm Riots 1985, als sich Schwarze blutige Kämpfe mit der Obrigkeit lieferten. Doch diesmal gibt es keine einzelne Ethnie, Religions- oder Volksgruppe, die ganze Häuserblocks verheert.

Der englische Mob 2011 ist heterogen: Organisierte Banden sind ebenso mit dabei wie Gelegenheitskriminelle, die ihr Diebesgut ein paar Blocks weiter verkaufen wollen oder Jugendliche, die sich Cola-Dosen klauen und sie anschließend halbausgetrunken auf Polizisten schmeißen. Es mischen blonde Männer und Schwarze mit Rastafrisur mit, Frauen gehen ebenso auf Raubzüge wie Gruppen von Kindern - die Polizei gabelte sogar einen Elfjährigen auf, der gestohlen haben soll.

"Die Grenze ist überschritten"

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