Seit Tagen randalieren Jugendliche in Griechenland - woher kommt die Wut? Christiane Schlötzer, stellvertretende SZ-Ressortleiterin Außenpolitik, im Video-Interview.
Christiane Schlötzer ist stellvertretende Leiterin des Ressorts Außenpolitik bei der Süddeutschen Zeitung. Von 2001 bis 2005 war sie SZ-Korrespondentin für Griechenland und die Türkei.
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Was hat dazu geführt, dass sich bei den Demonstranten so viel Wut angestaut hat?
Warum bekommt die griechische Regierung die Situation nicht in den Griff?
Was muss sich ändern, damit vergleichbare Situationen in Zukunft nicht so schnell eskalieren?
Joachim Gauck weiß, dass seine Israel-Reise eine Prüfung ist, persönlich und politisch. Der Bundespräsident besteht auch noch eine kleine Mutprobe. Seite Drei Jetzt lesen ...
Bundespräsident Gauck
Naja, von "aussen" trifft nicht ganz zu...
Ich bin hier geboren und aufgewachsen - also Deutsch-Griechin.
Aber ich gebe ihnen Recht, was die Schulen anbetrifft....das ist sicherlich ein Problem, was in Griechenland (noch) nicht aktuell ist.
... es trifft in manchen Dingen auch "noch" zu was Sie schreiben. Es gibt aber manches was man ziemlich stark abgebaut hat und abbaut oder gleich gar nicht durchführt. Im Bereich Bildung durch Studiengebühren oder damit dass man Migrantenkinder bezüglich der Sprache nicht unterstützt (ich weiß nicht ob es in Griechenland Schulen mit 80 bis 90% Ausländeranteil gibt und kann da keinen Vergleich ziehen). Allgemein sieht es dann hier noch so aus dass man selbst wenn man eine Berufsausbildung oder ein Studium durchgezogen hat noch lange seine Tücher nicht im trockenen hat. Die Einkommen haben sich in den letzten 20 Jahren halbiert. Möglicherweise ist es trotzdem noch etwas besser als in Griechenland. Aber sicher lange nicht mehr so gut wie noch vor einigen Jahren.
Wenn man mit einer "soliden Berufsausbildung" auf Aufstockung durch Sozialhilfe angewiesen ist. Dann hängt was schief.
Ich kann ihre Einwände verstehen - und doch bleibe ich dabei: man kann die Situation nicht vergleichen.
Ich schreibe womöglich aus einer anderen Perspektive als sie. Ich bin Griechin und stehe kurz vor dem Universitätsexamen. Von so etwas wie BafÖG hat in Griechenland noch nie jemand etwas gehört. Mir hat der deutsche Staat alle Türen geöffnet und mir ermöglicht zu studieren. Etwas wofür ich ewig dankbar sein werde und es hoffentlich in irgendeiner Art und Weise zurückgeben kann - und da liegt der springende Punkt: ich empfinde den Staat größtenteils als etwas Positives, dem ich gerne etwas zurückgeben möchte. Warum? Weil er mich unterstützt hat.
In Griechenland würde so etwas niemals zutreffen. Die Menschen haben jeglichen Glauben in den Rechtsstaat verloren.
Ein großer Teil meiner Familie lebt in Athen, und immer wenn ich dort zu Besuch bin und wieder zurückkomme, bin ich dankbar für all jene Chancen, die man in Deutschland bekommt, wenn man daran glaubt und wenn man hart dafür arbeitet. Es gibt sie, die Chancen. Das heißt nicht, dass jeder diese Chancen gleichwertig nutzen kann - ich gebe ihnen Recht - aber die Grundsteine werden schon bei der Erziehung etc. gelegt - selbst wenn man nicht aus einer wohlhabenden und einflussreichen Familie kommt.
"Wie leben in einem relativ intakten Sozialstaat, in dem es zwar Konfliktpotential gibt und viele Menschen, die sich benachteiligt fühlen und es auch sind, aber letztlich sollte niemand gänzlich auf der Strecke bleiben."
Nicht? Fragen Sie mal die Pflegekräfte ... die man bereits in die Illegalität getrieben hat oder diejenigen die nicht mehr die Kraft haben sich gegen absichtlich falsche Hartz4 (nach einem verurteilten Verbrecher benannt) Bescheide zu wehren
"es herrscht Vetternwirtschaft und Korruption an jeder Ecke. Wenn man keine Beziehungen hat, muss man zahlen. "
Dat is bei uns nich viel anders. Wer Geld hat ist in den meisten Fällen der Gewinner.
"Die Bildung der Menschen ist mäßig - und selbst wenn man sich leisten kann zu studieren, bzw. sich auf das Studium vorzubereiten, ist ein Job noch lange nicht in Sicht. "
Dat is bei uns auch nicht anders. Hauptschüler sind schon per Definition ausgemustert. Wer das Geld für Nachhilfe hat prügelt die Kinder in die Realschule und wer das Geld für viel Nachhilfe hat auf das Gymnasium.
"Andere, die einer der Parteien angehören, profitieren von Kontakten und schaffen es in den öffentlichen Dienst oder in andere gute Positionen. Ohne Leistung erbringen zu müssen. "
Auch das ist bei uns nicht anders. Ohne Vitamin B hat man nicht mal die Hälfte der Chancen.
Ich glaube man sollte aufhören, die Situation in Griechenland mit der in Deutschland zu vergleichen. Dieser Vergleich hinkt. Wie leben in einem relativ intakten Sozialstaat, in dem es zwar Konfliktpotential gibt und viele Menschen, die sich benachteiligt fühlen und es auch sind, aber letztlich sollte niemand gänzlich auf der Strecke bleiben. Unsere sozialen Sicherungssysteme sind engmaschig und die Bildungsinstitutionen (verglichen mit GR) mehr als ok - wenn auch verbesserungswürdig.
Griechenland ist eine ganz andere Kiste - es herrscht Vetternwirtschaft und Korruption an jeder Ecke. Wenn man keine Beziehungen hat, muss man zahlen. Sogar den Arzt vor einer Operation - mit dem sogenannten "Umschlag" wie es so schön heißt.
Die Bildung der Menschen ist mäßig - und selbst wenn man sich leisten kann zu studieren, bzw. sich auf das Studium vorzubereiten, ist ein Job noch lange nicht in Sicht.
Meine Schwester hat jahrelang in Athen Deutsch unterrichtet und viel aus dieser Zeit berichtet.
In Griechenland verschulden sich Familien bereits wenn ihr Kind im Grundschulalter ist, damit es die unzähligen privaten Nachhilfeinsitute besuchen kann - nur so lässt sich gewährleisten, dass Schüler am Ende des Schuljahres die Klausuren und schließlich das Abi bestehen. In der Schule werden nämlich grundsätzlich nicht die Inhalte gelehrt, die nachher abgefragt werden. Das heißt, es gibt keine andere Wahl, als viel Geld zu bezahlen. Diejenigen, die es sich über einen langen Zeitraum als Familie mit mehreren Kindernnicht leisten können - und dazu gehört auch der größte Teil der Mittelchicht - gehören zu den Verlierern. Andere, die einer der Parteien angehören, profitieren von Kontakten und schaffen es in den öffentlichen Dienst oder in andere gute Positionen. Ohne Leistung erbringen zu müssen.
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