Mindestens 140 Menschen sind bei den Auseinandersetzungen zwischen Uiguren und Sicherheitskräften in China getötet worden. Peking sieht die Drahtzieher im Ausland - doch die Lage ist komplizierter als in der chinesisches Propaganda. In Deutschland gibt es erste Proteste.
Erneut schaut die Welt mit Entsetzen auf blutige Unruhen in China: Etwa 140 Tote haben die Zusammenstöße der muslimischen Minderheit der Uiguren mit Chinas Sicherheitskräften am Sonntag gefordert. Ähnlich wie im vergangenen Jahr in Tibet zeigt die kommunistische Führung in Peking auch diesmal erstaunlich schnell mit dem Finger auf angeblich Schuldige.
Gewalt in China: Etwa 140 Menschen wurden getötet. (© Foto: Reuters)
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Die "Drahtzieher des Uigurischen Weltkongresses" hätten die Unruhen vom Ausland aus angestachelt, behauptete Chinas staatseigene Nachrichtenagentur Xinhua am Montag. Doch genau wie im Fall der Tibeter ist die Lage auch bei den Uiguren nicht so einfach, wie es die chinesische Propaganda nun dem Rest der Welt weismachen will.
Der Unterschied zwischen Grund und Ursache
Zunächst einmal gibt es Berichte von Augenzeugen am Ort des Geschehens, die als Grund für die Ausschreitungen einen Fall von Gewalt gegen Uiguren nennen. Vor gut einer Woche waren zwei uigurische Wanderarbeiter in Shaoguan in der Südprovinz Guangdong von einem aufgebrachten chinesischen Mob erschlagen worden. Zuvor hatten offenbar Gerüchte die Runde gemacht, dass Uiguren zwei han-chinesische Frauen vergewaltigt hätten.
Chinas Staatsmedien haben über den Fall berichtet und den Tod der zwei Uiguren bestätigt. Auf Youtube ist ein fürchterliches Video zu sehen, auf dem mehrere Menschen um ihr Leben laufen, nur um von Chinesen mit Knüppeln und Eisenstangen eingeholt und zu Tode geprügelt zu werden. Sollte das Video echt sein, so wäre es ein erstes Argument gegen die These von den "ausländischen Drahtziehern" für die Demonstrationen in Urumqi.
Deutsche Politiker zeigen sich besorgt über die Ausschreitungen. "Wir brauchen jetzt eine schnelle und vorbehaltlose Aufklärung, wie es zu über 140 Toten und Hunderten von Verletzten kommen konnte, und wer dafür die Verantwortung trägt", sagte die Grünen-Chefin Claudia Roth in Berlin. Die immer wieder aufflammenden Proteste in den uigurischen Provinzen und auch in Tibet seien die Folge einer diskriminierenden Politik der Zentralregierung.
Die Vorgänge werfen aus ihrer Sicht auch ein negatives Licht auf die Weigerung von Innenminister Wolfgang Schäuble und der Bundesregierung, uigurische Guantanamo-Häftlinge in der Bundesrepublik aufzunehmen. Roth: "Die Bundesregierung hat sich bei ihrer Entscheidung von diplomatischem Druck aus China beeindrucken lassen und die Menschenrechtslage in den uigurischen Provinzen und ihre humanitäre Verpflichtungen vollkommen ausgeblendet." Der stellvertretende Vorsitzende der SPD-Bundestagsfraktion, Walter Kolbow, rügte, die chinesischen Sicherheitskräfte hätten "jegliches Maß an Verhältnismäßigkeit missachtet".
Wie bei allen politischen Exzessen muss jedoch auch hier in Westchina versucht werden, zwischen Auslösern und Gründen für den Ausbruch von Gewalt zu suchen. Der Auslöser für die gestrigen Unruhen, oder einer der Auslöser, könnte das rassistisch motivierte Töten von Uiguren in Guangdong gewesen sein. Der Grund für die Intensität, mit der die Proteste in Urumqi nun explodiert sind, ist jedoch in der jahrelangen Unterdrückung der Uiguren durch die Mehrheit der Han-Chinesen in Xinjiang zu suchen.
Die rund neun Millionen Uiguren sind fast ausschließlich Muslime. Sie haben sich niemals völlig damit abgefunden, dass Maos Volksbefreiungsarmee nach Gründung der Volksrepublik China die Macht der Kommunisten auch auf Xinjiang früher Sinkiang) ausgedehnt hat.
Obwohl die große Mehrheit der Bevölkerung friedlich ist und sich nicht gegen die massive Präsenz der Sicherheitskräfte in der Region auflehnt, kommt es immer wieder zu vereinzelten, auch gewalttätigen Protesten. Tage vor dem Beginn der Olympischen Spiele in Peking hatten zwei Uiguren einen Lastwagen in eine Gruppe von chinesischen Grenzern gefahren und mindestens 17 Menschen getötet. Die zwei sind später exekutiert worden.
Die kommunistische Führung in Peking schränkt die Religonsfreiheit der muslimischen Uiguren massiv ein. Die Menschen klagen auch über wirtschaftliche Benachteiligungen gegenüber den vielen eingewanderten Han-Chinesen, die längst die Mehrheit der Bevölkerung in Xinjiang stellen.
Zwischen beiden Volksgruppen schwelt ein permanentes Mißtrauen. Chinesische Regierungsbeamte etwa, die aus Peking nach Urumqi und in andere Provinzzentren Xinjiangs geschickt werden, trauen sich abends nicht auf die Straße. Sie leben in ihren eigenen Appartmentblocks völlig abgeschottet von der einheimischen Bevölkerung.
Kein organisierter Terror
Pekings Parteipropaganda bemüht sich seit einigen Jahren, die Existenz uigurischer "Terroristen" zu belegen. Auch die Ausschreitungen von gestern sollen nun wieder als Beleg für den "Separatismus" in der Region herangezogen werden.
Für diese Argumentation ist - ähnlich wie im Fall Tibets, wo Peking die "Dalai-Lama-Clique" denunziert - die Existenz ausländischer Hintermänner von zentraler Wichtigkeit. Vieles spricht aber dafür, dass dies vor allem eine Erfindung der chinesischen Propaganda ist.
Zwar hat es in der Vergangenheit hier und da gewalttätige Verzweiflungsakte wie die der beiden uigurischen Lkw-Fahrer vor den Olympischen Spielen gegeben. Aber das ist noch lange kein organisierter Terror, nicht einmal ernstzunehmender politischer Separatismus.
Peking operiert mit diesen Begriffen lediglich, um seine Repression des an Bodenschätzen reichen Xinjiang zu rechtfertigen. Nein, Volksproteste wie die gestrigen wachsen vor allem auf einem hausgemachten Nährboden aus politischer Repression und religiöser Intoleranz der han-chinesischen Mehrheit gegenüber Chinas Minderheiten. Auch hier ist die Parallele zwischen der Gewalt in Xinjiang und der Gewalt in Tibet offenkundig.
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(sueddeutsche.de/bavo/cat)
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Urumqi ist eine moderne Stadt mit über zwei Millionen Einwohnern. Davon sind nur 260.000 Uiguren - 1,5 Millionen sind Han. Sollen die alle wieder nach Hause gehen? Das ist doch unrealistisch. Wichtiger wäre es Demokratie und Menschrechte allgemein in China zu stärken, als irgendwelchen gewalttätigen Nationalisten nach dem Munde zu reden, mit den immerwieder gleichen antichinesischen Reflexen. Ein russischer Autor fragt z.B. wie es sein kann, dass es nach einer angeblich friedlichen Demonstration 140 Tote gegeben hat (weniger auf den Seiten der Demonstranten) und etliche Geschäfte in Brand gesetzt werden konnten, was nur mit vorbereiteten Brandsätzen möglich gewesen wäre: http://de.rian.ru/analysis/20090706/122234196.html
Zugegeben, ich weiss nicht wer hier Recht oder Unrecht hat. Jedoch scheinen mir die antichinesischen Reflexe in den deutschen Medien zu automatisch. Und für Nationalismus, ob deutsch, chinesisch oder uigurisch, habe ich nicht das geringste Verständnis.
"Wieso hört man in den Medien sowas nicht, wenn in Deutschland Demonstrationen ausufern? Zudem scheint es so, als ob die Demonstrationen hier kaum eine Bedeutung aufweisen, wenn es keine Krawalle gibt."
Ähm, 140 Tote und über 800 Verletzte! Können Sie mir eine auch nur ansatzbar vergleichbar "ausgeuferte" Demonstration in Deutschland nennen, also seit Bestehen der Bundesrepublik?
Nein, das war nicht der Sinn meines Vergleichs. Ich wollte nur erkären, warum viele Chinesen auf die Unabhängigkeitsforderung zornig sind.
@ Schlitzbauer:
Auch für Sie: Was im Baskenland geschieht, ob berechtigt oder nicht, hat, wie die Indianerfrage in den USA, NICHTS mit den Problemen in China zu tun. Es rechtfertigt NICHTS! Sollte sich Spanien verkehrt verhalten, ändert das NICHTS daran, daß sich China (nicht nur) hier sehr kritikwürdig verhält.
@pseudo-sunyatzen:
China ist unter Uiguren offensichtlich nicht willkommen. Wer hat das Recht zu entscheiden, wer in Xinjiang leben darf? Die chinesische Regierung, die das Land gegen den Willen der Einheimischen besetzt hält, oder die Uiguren? Selbstverständlich wird eine Han-chinesische Besiedlung Xinjiangs von der Regierung bewußt betrieben. Eiern Sie in dieser Frage nicht mit Scheinargumenten herum! Das Problem sind auch nicht die Han-chinesischen, die vereinzelt schon lange in Xinjiang leben, sondern die neu dort angeseidelten und besonders der perfide Plan der chinesischen Regierung dahinter, die zuerst ihre Besetzung des Landes und dann seine Plünderung dadurch legitimieren will, daß sie dort eine han-chinesische Bevölkerungsmehrheit schafft. Marginalisierung und Zerstreuung eines Volkes sind nicht weit vom Genizid entfernt. Daran ändert die chinesische Propaganda durch die Regierung und Foristen wie Sie nichts!
Na toll, jetzt ist auch Gansu daran. Wer noch? Hand hoch...
In 1862/77 war noch die Qing-Dynastie, als ein Minderheitsvolk die Macht über China hatte. Aber die Niederschlagung wurde trotzdem von den Hanchinesen begangen, oder? :-) Wenn die zentrale Regierung irgendwann schwächelte, erklärten einige Warlords die Unabhängigkeit von einigen Regionen, was aber sehr zeitlich begrenzt überlebte.
Als die Chinesen das Gebiet von Gangsu besiedelten und "annektierten", hatten die Römer noch südlich der Donau friedlich gelebt, bis jahrhunderte später die Deutschen kammen...
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