Unruhen in Ägypten Ägyptens Chance ist die Jugend

Richtungsweisend für ein modernes Ägypten sind weder die Salafisten noch die Liberalen, auch nicht die Generäle der Armee. Die große Chance für die Zukunft des Landes verkörpern die jungen Aktivisten. Sie sollten endlich Parteien gründen und mit dem vormodernen Politikverständnis Schluss machen.

Ein Kommentar von Tomas Avenarius, Kairo

Punkt Mitternacht legte der von der Armee bestallte Interimspräsident Ägyptens dem erschöpften Volk seinen Plan für eine überarbeitete Verfassung und Wahlen vor, nur wenige Stunden später schnellte der Index der Kairoer Börse nach oben. Die Botschaft der Aktienmärkte war klar - ohne Stabilität investiert niemand in Ägypten. Wenn die Wirtschaft im größten Land der arabischen Welt nicht in Fahrt kommt, werden die politischen und sozialen Unruhen nicht enden.

Im Gegenteil: Trotz allen Streits zwischen den Islamisten und ihren Gegnern entscheidet am Ende allein die Verbesserung der elenden Lebensbedingungen vieler Ägypter über die Zukunft des Landes. Einer, der mit 200 Euro im Monat in Kairo eine sechsköpfige Familie durchfüttern muss, kann weder von der Scharia leben noch von einem westlichen Verfassungssystem.

Interimspräsident Adli Mansur - das heißt: das Militär - hat nun vernünftige Vorgaben gemacht. Die islamistisch geprägte Verfassung wird nicht neu geschrieben, sondern von Juristen überarbeitet - sie war voller Widersprüche und Lücken - und zum Referendum vorgelegt. Das ist ein Angebot an die Islamisten. Die islamische Identität des multireligiösen Ägyptens wird nicht offen infrage gestellt. Aber die Scharia-Forderungen der radikalen Salafisten und der kaum moderater denkenden Muslimbrüder werden sich in der neuen Verfassung so nicht niederschlagen.

Die Muslimbrüder werden auch in Zukunft eine Rolle spielen

Mansurs Ankündigung, in etwa einem halben Jahr Wahlen abzuhalten, gibt allen Parteien Zeit, sich neu zu organisieren. Das sollte auch für die Muslimbrüder gelten, so sie sich denn eingestehen, dass sie das Spiel um die Macht vorerst verloren haben. Der von der Armee, der liberal-linken Opposition und einem Teil der Salafisten entmachtete Präsident Mohammed Mursi wird kaum zurückkehren. Die Brüder werden auch in Zukunft eine Rolle spielen - vorausgesetzt, das Militär begleicht offene Rechnungen nicht durch Verfolgung und die geprügelten Fundamentalisten denken über Reformen nach statt über Rache.

Der politische Islam, ob man ihn nun mag oder ablehnt, ist zu stark in Ägypten, um von der Bühne zu verschwinden. Umso interessanter sind die Salafisten. Im Kern eine unpolitische, islamische Missionsbewegung, haben sie sich in den vergangenen Monaten von den Muslimbrüdern distanziert und den von weiten Teilen des Volks erhofften Staatsstreich sogar mitgetragen. Angesichts des brutalen Vorgehens der Armee bei den jüngsten Straßenschlachten stecken sie nun jedoch in einem Dilemma: Solidarität zu zeigen, wegen des Todes von mehr als 50 Muslimbrüdern, ohne dabei von der Verliererseite vereinnahmt zu werden - das ist heikel.

Die Salafisten wollen den Scharia-Staat, lehnen Demokratie ab

Noch heikler ist jedoch das Fundament der Salafisten-Ideologie: Sie wollen den Scharia-Staat, sie lehnen die Demokratie ab, sie sind noch mehr die Partei einer starken Minderheit, als es die Muslimbrüder waren. Mit solchem Ballast Politik zu machen in einem pluralistischen Ägypten - und genau dahin soll der Fahrplan des Interimspräsidenten ja im Idealfall führen -, ist schwierig.

Richtungsweisend für ein modernes Ägypten sind allerdings weder die Salafisten noch die Liberalen, auch nicht die Generäle der Armee. Die große Chance für die Zukunft des Landes verkörpern die Jugendaktivisten. Erst Hosni Mubarak, dann Mohammed Mursi - schon zum zweiten Mal haben sie den Sturz eines Staatschefs auf den Weg gebracht. Doch die Aktivisten sollten ihren Rebellen-Nimbus endlich in den Dienst der praktischen Politik stellen, sie sollten Parteien gründen und Schluss machen mit dem vormodernen Politikverständnis der etablierten Altvorderen. Erfolgreiche Revolutionen werden auf der Straße gemacht. Aber sie werden im Parlament vollendet.