Unglücks-AKW Fukushima Erste radioaktive Partikel erreichen Europa

Die Kinder in Tokio sollen nicht aus der Leitung trinken, der Grenzwert für radiokatives Jod ist um mehr als das Doppelte überschritten. Aus dem Reaktor 2 ist offenbar auch Plutonium ausgetreten. Derweil haben kleinste radioaktive Partikel bereits Island erreicht.

Die Radioaktivität aus dem havarierten Kernkraftwerk Fukushima hat Tokio erreicht. Die Regierung warnte vor dem Konsum von elf Gemüsearten und des Trinkwassers der japanischen Hauptstadt. Babys und Kinder sollten das Leitungswasser wegen erhöhter Werte des radioaktiven Jod-131 meiden. Auf dem Gelände des Atommeilers wurden sehr hohe Strahlenwerte gemessen. Die Nothelfer mussten das Gelände zeitweise wegen Rauchwolken verlassen.

Die Werte radioaktiven Jods im Trinkwasser waren Berichten vom Mittwoch zufolge an mehreren Tagen etwa doppelt so hoch wie der Grenzwert für Kinder, der 100 Becquerel (Zerfallsereignisse pro Sekunde) in einem Liter beträgt. In 23 Bezirken Tokios und in fünf Nachbarorten sollten Kinder kein Leitungswasser trinken. Das Jod sei wohl beim Regen am Dienstag in die Aufbereitungsanlage im Norden Tokios gespült worden, sagte der Chemie-Professor Yasuyuki Muramatsu laut Fernsehsender NHK.

Für Erwachsene galt die Warnung nicht, weil für sie 300 Becquerel pro Liter erlaubt sind. Dennoch berichteten Supermärkte, Wasser in Plastikflaschen sei schnell ausverkauft gewesen. Manche Läden beschränkten die Abgabe. Kabinettssekretär Yukio Edano erklärte, der japanische Grenzwert sei so kalkuliert, dass selbst ein dauerhafter Konsum ungefährlich bleibe. Derzeit berge das Trinken von Leitungswasser darum keine unmittelbare Gefahr. Zudem habe Japan sehr strenge Grenzwerte. In Deutschland sind bei Babynahrung 370 Becquerel pro Liter erlaubt.

Bei Gemüse waren Spinat, Brokkoli, Kohl, Rüben und sieben lokale Arten von erhöhter Radioaktivität betroffen. Premier Naoto Kan warnte davor, die Produkte zu kaufen. Der Verzehr von täglich 100 Gramm des Gemüses führe über drei Wochen zu einer Strahlendosis, die Menschen sonst in einem Jahr aufnehmen, zitierte die Nachrichtenagentur Kyodo das Gesundheitsministerium.

Frankreich rief die Europäische Kommission zu systematischen Kontrollen aller frischen Lebensmittel auf, die Europa aus Japan erreichen. Nach Worten von Bundesverbraucherschutzministerin Ilse Aigner (CSU) soll in Deutschland vor allem die Strahlenbelastung von Fisch und Meeresprodukten gemessen werden.

Radioaktive Partikel aus Japan hatten am Dienstag mit der Luftströmung bereits Island erreicht und wurden am Mittwoch in Deutschland erwartet. Das Bundesamt für Strahlenschutz, das auf dem Schauinsland eine Messstation betreibt, erklärte: "Die Radioaktivität wird keine gesundheitliche Gefährdung für die Menschen in Deutschland darstellen."

Im Kraftwerk Fukushima wurden am Mittwoch sehr hohe Strahlenwerte gemessen. In der Nähe des Blocks 2 lag der Messwert bei 500 Millisievert pro Stunde; Techniker hätten dort nur Minuten arbeiten können. Der Betreiber, die Firma Tepco, erklärte zudem am Mittwoch, sie habe Anfang vergangener Woche 13-mal Neutronenstrahlen etwa 1,5 Kilometer von den Reaktoren entfernt gemessen. Das deutet darauf hin, dass aus beschädigten Brennelementen auch Uran oder Plutonium in kleinen Mengen freigesetzt wurde und auf dem Kraftwerksgelände niederging.

Den Helfern gelang es am Mittwoch, die Temperatur der Reaktorkerne der Blöcke 1 und 3 zu senken. Außen am Block 3 musste aber die Feuerwehr abrücken, die Wasser auf das zerstörte Dach spritzen sollte, weil dunkler Rauch aus dem Gebäude stieg.