Flüchtlinge in Ungarn "Es sieht aus, als sei ein Müllberg explodiert"

  • Flüchtlinge in ungarischen Lagern müssen unter katastrophalen hygienischen Umständen leben.
  • Freiwillige aus ganz Europa versuchen das Schlimmste zu verhindern.
  • Die Beziehungen des ungarischen Premiers Viktor Orbán zu Deutschland und Österreich kühlen weiter ab.
Von Cathrin Kahlweit

Es sind die freiwilligen Helfer, die mittlerweile aus ganz Europa nach Röszke kommen, die das Nötigste tun und das Schlimmste verhindern. Sie versuchen, den steten Strom der Flüchtlinge, den die ungarische Polizei längst nicht mehr steuern kann oder will, in einigermaßen geordnete Bahnen zu lenken. Mehrmals am Tag finden Koordinationstreffen statt, dann wird vereinbart, welche Gruppe wo einspringt, wo die Ärzte ohne Grenzen ihre Krankenstation platzieren, wer die Müllberge einsammelt und wer geschenkte Zelte aufbaut. Annett Oertel, Hebamme aus München, ist eine von ihnen; sie ist dorthin gefahren, wo nach wie vor täglich Tausende Flüchtlinge über ein Gleisbett durch eine Lücke im neuen Zaun wandern - und erst einmal auf offenem Feld stranden.

Freiwillige hätten, berichtet sie, aus Spendengeldern dem Bauern, dem das Feld gehört, eine Entschädigung gezahlt - nun habe er ein Gewächshaus geöffnet, wo Schwangere und Familien mit unterkühlten Kindern unterkämen. Helfer regelten mit Walkie-Talkies die Zufahrt in das behelfsmäßige Lager, das hier entstanden sei. Aber "weil die ungarische Polizei natürlich nicht Ausländer den Verkehr regeln lassen können, haben sie symbolisch einen Polizeiwagen daneben gestellt", sagt Oertel, und muss fast ein wenig lachen.

Ansonsten findet sie die Lage eher zum Weinen: Es gebe keine Müllcontainer, keine Duschen, keine Toiletten, in ihrer Not erledigten die Menschen ihr Geschäft überall. "Es stinkt, es sieht aus, als sei ein Müllberg explodiert", sagt Oertel, "aber es weiß ja auch niemand, wohin mit dem Abfall und der Notdurft." Mittlerweile drohe aufgrund der katastrophalen hygienischen Umstände Seuchengefahr. Offenbar grassiert ein schwerer Darminfekt.

Ins eigentliche Lager, wo die Flüchtlinge registriert und mit Bussen in andere Lager gebracht werden, dürfen freiwillige Helfer nicht hinein. Auch dieses Lager ist überfüllt; manchmal kommen über Stunden kaum Busse an, dann versuchen kleine Gruppen die Flucht über den Zaun, der das Lager umgibt. Heimlich gefilmte Bilder, wie die Polizisten Essenspakete in die Menge werfen, lassen ahnen, wie es im Erstaufnahmelager Röszke täglich zugeht.

"Es stinkt, es sieht aus, als sei ein Müllberg explodiert"

Auch Balasz Nagy-Navarro, regierungskritischer ungarischer Journalist und freiwilliger Helfer, der sich für den Verein Mighelp (Migranten-Hilfe) einsetzt, hat die vergangenen Tage und Nächte in Röszke verbracht. Er fragt sich vor allem, wie es hier von Dienstag an weitergehen soll, wenn offiziell das neue, verschärfte "Grenzregime" in Kraft tritt. Offiziell soll Röszke aufgelöst werden. Aber was dann? Die Idee, direkt an der Grenze eine Art Sicherheitsstreifen einzurichten, den die Ankommenden nicht verlassen dürfen, während in Schnellverfahren über Asylanträge entschieden und die Menschen über die serbische Grenze zurückgeschoben würden, soll von der Regierung verworfen worden sein. Aktueller Plan ist laut Kanzleramtsminister, noch hinter dem Zaun, auf serbischem Territorium, die Flüchtlinge zu registrieren. Dazu sollen Beamte der ungarischen Einwanderungsbehörde an mehreren Grenzpunkten auf die Ankömmlinge warten. Wer sich nicht registrieren lasse, werde nicht ins Land gelassen. Nach der Registrierung sollen die Asylwerber in Flüchtlingslager gebracht werden, wo sie auf eine Entscheidung über ihr Asylbegehren warten müssen. "Das ist alles ein Wahnsinn", sagt Nagy-Navarro, "es gibt gar nicht genug Asylrichter, diese Schnellverfahren hätten vor keinem höheren Gericht Bestand, und Serbien würde die Massen, die schon ab Dienstag abgeschoben werden sollen, gar nicht zurücknehmen. "Wo soll das alles hinführen", stöhnt der Journalist und Aktivist, "man kann die Tür nach Serbien genauso wenig zusperren wie die nach Österreich."

Wie sehr sich die Beziehungen Ungarns zu Serbien von kommender Woche an verschlechtern könnten, bleibt abzuwarten. Die Beziehungen zu Deutschland sind längst gestört, seit Ungarns Premier Viktor Orbán Deutschland für das "Chaos" in seinem Land verantwortlich macht. In Bild keilte er jetzt erneut gegen Wirtschaftsflüchtlinge und Angela Merkel. Die Migranten kämen mit dem Anspruch auf ein besseres Leben. Aber sie würden noch lernen, dass "der Honig, der in Deutschland fließt, weniger süß ist, als sie denken". Die Bundesregierung hat derweil am Sonntag ihre eigenen Konsequenzen aus dem ungebremsten Zustrom weiterer Flüchtlinge - und mit Grenzkontrollen abrupt die Notbremse gezogen. In Ungarn dürfte das eine gewisse Genugtuung ausgelöst haben.

Bilder von Babys, die über Stacheldraht gehoben werden, wecken Erinnerungen

Zerrüttet sind auch die Beziehungen Ungarns zu Österreich. Bundeskanzler Werner Faymann hatte am Wochenende in einem Spiegel-Interview mit Blick auf die Politik des Nachbarlandes an den Flüchtlings-Zug erinnert, der vor zehn Tagen offiziell von Budapest gen Österreich fahren sollte und dann von den Behörden ohne Vorwarnung in Bicske gestoppt wurde. Dazu fand er harte Worte: Menschen, die statt zur Grenze gegen ihren Willen in ein Lager hätten gebracht werden sollen, erweckten in ihm Erinnerungen "an die dunkelste Zeit unseres Kontinents", so Faymann.

Der Spiegel verkürzte das auf die Zeile, der Österreicher vergleiche Orbáns Flüchtlingspolitik mit dem "Holocaust" - und der diplomatische Eklat war da. Der ungarische Außenminister, Péter Szijjártó, tobte, Faymanns Worte seien "eines führenden Politikers im 21. Jahrhundert unwürdig", Österreich betreibe eine Lügenkampagne gegen sein Land. Der österreichische Botschafter wurde einbestellt.

Interessanterweise hatte Tage zuvor auch die New York Times in einem eindrucksvollen Beitrag die Flüchtlingskrise und die mangelnde Solidarität innerhalb Europas mit der "schwärzesten Zeit in der europäische Geschichte" verglichen. "Die Flüchtlingskrise", schreibt das Blatt, "ist kein Genozid. Es müssen jetzt überall auf dem Kontinent Flüchtlinge registriert, untergebracht, umgesiedelt oder repatriiert werden. Aber seit die Juden von den Nazis verfolgt wurden, hat es nicht mehr so viele Bilder aus Europa gegeben von Menschen, die in Züge eingesperrt, von Babys, die über Stacheldraht gehoben, von Massen erschöpfter Menschen, die von Uniformierten herumgescheucht werden."