Unfälle bei der Bundeswehr Schuss ins Knie

Bei der Bundeswehr häufen sich die Unfälle mit eigenen Waffen. Mangelnde Ausbildung sei aber sicherlich nicht die Ursache, sagt ein Sprecher. Statistiken lassen zweifeln.

Von Christoph Hickmann, Berlin

Es war am Dienstag "um 7.10 Uhr mitteleuropäischer Sommerzeit", so steht es im Bericht des Einsatzführungskommandos der Bundeswehr: Bei einer "ungewollten Schussabgabe" im Feldlager Masar-i-Scharif, Afghanistan, "lösten sich drei Schuss aus einer Maschinenpistole MP 7", während sich "zwei weitere deutsche Soldaten im Raum aufhielten". Gefährlich verletzt wurde niemand, trotzdem kamen die drei Bundeswehrsoldaten ins Lazarett: Verdacht auf Knalltrauma.

Sogenannte ungewollte Schussabgaben im Einsatzgebiet werden stets als "lagerelevantes Ereignis" nach Berlin gemeldet, und derzeit häufen sich diese Meldungen - wobei sich die Schüsse meist nicht aus der MP 7 lösen, sondern aus der Standardpistole P 8. So am 25. Juli: In einem Bürocontainer des Feldlagers Kundus fällt ein Schuss bei der Sicherheitsüberprüfung vor dem Waffenreinigen.

Oder am 23. Juli: In Masar-i-Scharif löst sich ein Schuss in einem Unterkunftscontainer. Als der Soldat die Waffe überprüfen will, fällt ein weiterer Schuss. "Ein Geschoss beschädigte einen Spind, das andere drang in den Nachbarcontainer ein und blieb dort in einer Matratze stecken", heißt es im entsprechenden Bericht. Verletzungen seien nicht bekannt.

Die kleine Serie ließe sich noch weiter zurückverfolgen. Beim sicherheitspolitischen Blog Augengeradeaus.net, das die Vorfälle kürzlich thematisierte, spekulieren die Leser eifrig über mögliche Gründe. Das Einsatzführungskommando erklärt dazu auf Anfrage, die Häufung sei "uns auch aufgefallen".

Mangelnde Ausbildung sei aber sicherlich nicht die Ursache, sagt ein Sprecher, stattdessen in den meisten Fällen wohl "schlichtweg Unachtsamkeit", also ein "Fehlverhalten einzelner Soldaten". Der Eindruck, dass die Zahl der Fälle gestiegen ist, lasse sich möglicherweise auch darauf zurückführen, dass man solche Ereignisse vor einigen Jahren noch gar nicht gemeldet habe. Eine Statistik führe man jedenfalls nicht.

Königshaus will "Respekt vor der scharfen Waffe" stärken

Es gibt aber Statistiken für die vergangenen Jahre. So untersuchte das damalige Bundesamt für Wehrtechnik und Beschaffung 2011 insgesamt 122 "ungewollte Auslösungen" in der Truppe. "Allein in den Einsatzgebieten der Bundeswehr wurden 47 unbeabsichtigte Schussabgaben mit Handfeuerwaffen und Gefechtsmunition untersucht, in deren Folge 24 Soldaten verletzt wurden, davon fünf schwer", heißt es im Bericht. In 23 Fällen lösten sich die Schüsse aus der P 8, in zehn aus dem Gewehr G 36 und in elf Fällen aus der MP 7.

Zu der Maschinenpistole heißt es, in "nahezu allen" Fällen sei "eine unzureichende praktische Ausbildung" festzustellen, während bei der Pistole P 8 "nahezu immer Unaufmerksamkeit" die Ursache sei. Das Verteidigungsministerium war im vergangenen Jahr zu dem Ergebnis gekommen, dass die Schüsse oft auf die Belastung im Einsatz zurückgingen und überproportional häufig während der ersten 20 Einsatztage fielen.

Der Wehrbeauftragte Hellmut Königshaus forderte angesichts dieser Befunde in seinem jüngsten Jahresbericht eine "gezielte Verbesserung und Ausweitung" der Schießausbildung: "Vor allem muss sichergestellt werden, dass auch unter den besonderen Bedingungen des Einsatzes der Respekt vor der scharfen Waffe nicht verloren geht."