UN-Chemiewaffen-Experte Sellström in Syrien Besonnen trotz Schreckensmeldungen

Die syrische Opposition beschuldigt das Assad-Regime, Hunderte Menschen mit Giftgas getötet zu haben. Der Schwede Åke Sellström leitet das UN-Expertenteam, das den angeblichen Einsatz von Chemiewaffen in Syrien untersuchen soll. Er weiß, dass er auf dieser Mission sehr vorsichtig sein muss.

Von Paul-Anton Krüger

Der Schwede Åke Sellström ist ein besonnener Mann. "Das klingt nach etwas, das wir uns anschauen sollten", sagte der Chef des 20-köpfigen UN-Expertenteams, das in Syrien den angeblichen Einsatz von Chemiewaffen untersuchen soll. Gerade hatte die Opposition einen monströsen Vorwurf gegen das Regime von Baschar al-Assad erhoben: Hunderte Menschen seien bei einer Giftgasattacke in der Nähe von Damaskus umgekommen, berichteten Aktivisten am Mittwoch.

Videos von dem Vorfall kursierten bereits im Internet. Sellström hatte in Syrien Berichte im Fernsehen über den Vorfall gesehen. Es ist die hohe Zahl der angeblich Getöteten und Verletzten, die den Chemiewaffenexperten aufhorchen lassen. Sie würde passen zu einem militärischen Einsatz von Nervenkampfstoffen.

Die professionelle Vorsicht bei der Bewertung der neuen Schreckensmeldungen dürfte aber noch einen anderen Grund haben: Sellström und sein Team können sich nicht einfach auf den Weg ins Kampfgebiet machen, um die Anschuldigungen zu untersuchen, obwohl sie seit Sonntag in Syrien einsatzbereit sind. Sie sind gebunden an ein striktes Mandat. Diesem Mandat zufolge sollen sie an drei vorab festgelegten Orten untersuchen, ob Chemiewaffen eingesetzt worden sind. Kein Urteil dürfen sie abgeben über die Frage, wer die chemische Munition verschossen haben könnte.

Mission nach dem Golfkrieg

Die Regeln haben die UN in zähen und vertraulichen Verhandlungen mit dem Regime vereinbart. Zwar kann sich jedes UN-Mitglied an Generalsekretär Ban Ki Moon mit der Bitte um eine neue Untersuchung wenden. Eine Erweiterung des Mandats ist aber abhängig von der Einwilligung der syrischen Regierung. Allenfalls der Sicherheitsrat der Vereinten Nationen könnte Damaskus rechtsverbindlich auffordern, eine Inspektion zuzulassen. Bisher aber hat Russland noch jeden Vorstoß zuverlässig verhindert.

Sellström, der sich 1975 an der Universität Göteborg im Fach Histologie habilitiert hat, kennt sich nicht nur mit chemischen Kampfstoffen aus. Auch die Funktionsweise und die Schwächen der Gremien bei den Vereinten Nationen sind ihm hinlänglich bekannt. Von 1994 bis zum Jahr 2000 arbeitete er als Chefinspektor für die vom UN-Sicherheitsrat eingesetzte Sonderkommission, die nach Ende des ersten Golfkriegs 1991 die Zerstörung aller chemischen und biologischen Waffen im Irak überwachte. Später organisierte er dann die Nachfolgemission Unmovic, die sicherstellen sollte, dass Iraks Diktator Saddam Hussein nicht erneut Massenvernichtungswaffen produzierte.

Seit 2006 hatte er maßgeblich daran mitgewirkt, in der nordostschwedischen Stadt Umeå das European CBRNE Center aufzubauen, ein Forschungsinstitut unter Beteiligung der schwedischen Streitkräfte, das sich mit Sicherheitsfragen beschäftigt, die mit chemischen, biologischen, radioaktiven, nuklearen und explosiven Stoffen zusammenhängen. Dafür steht das Kürzel CBRNE.