Umweltpolitik Mal grätschen, mal schweigen

Sie zeigte sich zuweilen auch kämpferisch gegen eigene Ministerkollegen: Nach dem UN-Klimagipfel in Bonn verlässt Barbara Hendricks das Umweltministerium. Das Amt hat sie verändert.

Von Michael Bauchmüller, Bonn

Es ist die Zeit der letzten Male. Ein letztes Mal die Botschaften von Jugendlichen entgegennehmen. Ein letztes Mal die Schlussrunde eines Klimagipfels. Irgendwann ein letztes Mal Kabinettssitzung. "So gut kenne ich mich", sagt Barbara Hendricks. "Wenn ich das Haus übergebe, dann kann es schon sein, dass ich nah am Wasser gebaut bin." Sie sagt das ganz frohgemut. Aber wer die Bilder aus Paris kennt, aus der letzten Nacht der Klimakonferenz, ahnt schon: Das stimmt. Da hat Barbara Hendricks geweint, vor Rührung. Es ist eine erstaunliche Ministerin, vielleicht die erstaunlichste im ganzen Kabinett dieser scheidenden Koalition.

Es hat eine ganze Weile gedauert, bis Hendricks in dem Amt angekommen war. Umweltpolitik erklärt sich für eine SPD-Schatzmeisterin und ehemalige Finanzstaatssekretärin nicht von selbst. Mit der Baupolitik, erstmals Teil des Umweltressorts, konnte sie mehr anfangen: Vor allem der Wohnungsbau war für die Sozialdemokratin greifbar. Durch internationale Konferenzen dagegen lief sie staunend wie durch einen Zoo. Bis sie die Menschen kennenlernte, die sie dort umgaben.

Hilfe aus Bonn? Ein Eisbär auf schmelzendem Eis in der kanadischen Arktis. Mit der Erderwärmung und den Kohlendioxid-Emissionen befasste sich erneut die UN-Klimakonferenz.

(Foto: David Goldman/AP)

Es sind Geschichten, über die Hendricks selbst nicht viel Aufhebens macht. Jedes Pathos liegt ihr fern. Wie sie den Außenminister der Marshallinseln kennenlernte, Tony de Brum, der für sie auch den Klimawandel greifbar machte. Wie die Europäer in den letzten Nächten der legendären Klimakonferenz von Paris zusammenhielten. Bilder zeigen Hendricks untergehakt in einer Klima-Phalanx - auch mit Tony de Brum. Sein plötzlicher Tod im vergangenen August hat sie tief getroffen. "Meine Begegnungen mit ihm zählen zu den bewegendsten der vergangenen vier Jahre", sagt sie. "Er hat mir gezeigt, welche Verantwortung ich als Umweltministerin habe. Aber auch, dass es eben nicht vergebens ist." Das Amt hat sie verändert.

Fragt man heute führende Umweltschützer, bekommt man gemischte Antworten. "International hat sie gerade mit dem Pariser Abkommen einiges erreicht für das Klima", sagt Greenpeace-Chef Martin Kaiser. "Aber national, zu Kohleausstieg oder Dieselgate, so gut wie gar nichts." Andere sind geradezu euphorisch. "Ich halte Barbara Hendricks für die beste Umweltministerin seit Klaus Töpfer", sagt etwa Hubert Weiger, Chef des Umweltverbands BUND. Längst überfällige Konflikte etwa mit der Landwirtschaft habe sie aufgenommen. "Ganz schön mutig."

Barbara Hendricks, 65, ist seit 2013 Bundesumweltministerin. Vorher war sie sechs Jahre Schatzmeisterin der SPD, davor Finanz-Staatssekretärin. Seit 1994 sitzt sie im Bundestag.

(Foto: Sean Gallup/Getty)

Sie selbst sagt, sie höre derlei Komplimente in letzter Zeit öfters. Und? "Ich bin ja schon etwas älter", sagt Hendricks. "Ich wollte einfach nur anständige Arbeit abliefern." Hochwasserschutz, Endlagersuche, ein neues Verpackungsgesetz, sie kann ausdauernd aufzählen, was so passierte. Dass mit Jochen Flasbarth ein erfahrener Umweltpolitiker ihr Staatssekretär wurde, tat zu alldem sicher sein Übriges.

Und es gibt die Niederlagen. Wie an jenem 8. November 2016, als ihr Parteichef Sigmar Gabriel, damals noch Wirtschaftsminister, abrupt einen von langer Hand vorbereiteten Klimaschutzplan stoppte. Hendricks war entsetzt - und schwieg. Andere hätten vielleicht hingeschmissen.

Eigentlich hatte es die Regierungsarbeit erleichtern sollen, dass Wirtschafts- und Umweltministerium in der großen Koalition erstmals in der Hand derselben Partei landeten. Faktisch aber war es der Beginn der Entfremdung zwischen Hendricks und Gabriel. Als Gabriel kürzlich einen Brief an die EU-Kommission schrieb, um dort für laxere Abgasgrenzwerte zu werben, grätschte Hendricks hinein: Das Schreiben sei nicht abgestimmt, spiegele nicht die Haltung der Regierung. Unter Parteifreunden ein Novum, aber viel zu verlieren hatte sie auch nicht mehr. Der Konflikt mit Gabriel teilt ihre Amtszeit in zwei Phasen, eine mit und eine ohne den Parteichef im Wirtschaftsministerium. Die zwanghafte Rücksicht auf ihn führte dazu, dass sich Hendricks bei so heiklen Themen wie der Kohle zurückhielt - obwohl sie damit in der internationalen Klimapolitik zunehmend bohrende Fragen beantworten musste. Stattdessen stürzte sie sich auf andere Themen. Nie etwa hat sich ein Umweltministerium so kritisch mit der Landwirtschaft befasst, sehr zum Verdruss ihres Kollegen im Agrarressort; auch beim Diesel preschte sie vor. War das mutig? Die Kontrahenten im Verkehrs- und Landwirtschaftsministerium waren CSU-Leute. Nicht der Parteichef. Das machte es ihr leichter.

Seit Gabriel weg ist, wirkt die oft unnahbare Hendricks entspannter, manchmal geradezu befreit. Als sie beim Klimagipfel zur Abwechslung mal Jugendlichen sagen soll, was sie von ihnen erwartet, sagt sie: "Verantwortung, plus Freude." Als sie wiederum gefragt wird, ob ihr die Verantwortung auch Freude gemacht hat bei so vielen Konflikten, sagt sie: "Das ist nicht immer einfach. Aber ganz okay."

Am Freitag treibt der Klimagipfel auf sein Ende zu, der mutmaßlich letzte große Auftritt der Ministerin. Es passt zu Hendricks' Geschichte, dass ihre Studienstadt Bonn ihn für die Fidschi-Inseln ausrichtete; und dass mit der Konferenz nun eine pazifische Tradition zum Teil der Klimadiplomatie wird: der "Talanoa"-Dialog, ein Forum, in dem Staaten permanent abgleichen, ob ihr Klimaschutz reicht. "Mir war immer klar, dass in Bonn kein neues Abkommen geschlossen wird", sagt Hendricks. "Hier ging es darum, einen wichtigen Zwischenschritt zu machen." Auch für Hendricks: auf dem Rückweg zur einfachen Abgeordneten.