Es ist, als träfen zwei Welten aufeinander. Röttgen ist Jurist, an der Uni hat er gelernt, Sachverhalte in Einzelteile zu zerlegen. Seine Analyse ist oft messerscharf, aber Emotionen, Befindlichkeiten haben darin keinen Platz. Das gilt auch und manchmal erst recht für die Befindlichkeiten seiner Parteifreunde. "Ich habe nichts gegen Röttgen", sagt ein Kollege des Umweltministers. "Aber er treibt ein gefährliches Spiel."

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Ob Norbert Röttgen, der Intellektuelle,  im Kampf gegen Armin Laschet um den CDU-Vorsitz in Nordrhein-Westfalen bei der Basis punkten kann, wird sich zeigen.  (© dpa)

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Es ist das Spiel seines Lebens. In Münster kann er immerhin einen Zwischenerfolg verbuchen. Gemessen am Beifall ist es für ihn ganz gut gelaufen. Nach seiner 15-minütigen Vorstellung klatschen die Leute länger als bei Laschet, in der Fragerunde bleibt es ausgeglichen.

Dabei beginnt Röttgen gerade so, als ob er ausgerechnet hier seinen Ruf als Intellektueller unterstreichen wollte. "Ich interpretiere Ihr Dasein als wirklich tolles Interesse an der Parteiendemokratie" - das klingt nicht nach Münster, das klingt nach Hauptseminar. Und doch, was folgt, sind klare Botschaften: "Diskussion ist der geistige Nährboden, damit wir wieder Erfolg haben." Die Partei müsse wieder eine echte Mannschaft sein. "Nur so kann Politik funktionieren." Röttgen redet über das Prinzipielle, über Werte. Er sagt: "Geistige Orientierung fällt nicht vom Himmel, auch nicht bei der Partei mit dem C im Namen." Die Leute schmunzeln - und lauschen.

Laschet hat davor seinen großen Respekt vor den Vorgängern unterstrichen; Röttgen verschwendet dafür keine Silbe. Laschet redet über die Aufgabe, jetzt in jedem Kreisverband präsent zu sein; Röttgen dagegen redet von der "Zukunftsverantwortung" der Partei, von Politik aus dem Blickwinkel der Kinder. Röttgen triumphiert nicht in Münster, aber er trifft bei vielen den richtigen Ton. Am nächsten Morgen berichtet das Regionalradio, er habe diese Runde gewonnen.

Jahrelang galt Röttgen vor allem als freundlicher, effizienter junger Abgeordneter. Einer, der nicht um jeden Preis auffällt, aber noch etwas werden will. Ehrgeizig ja, aber mächtig? Nein. Jedenfalls zählte er nicht zu denen, die Leute um sich sammeln, gezielt Gefolgschaft organisieren. Das scheint sich zu ändern: Natürlich strebt er auch deshalb den Vorsitz im größten Landesverband an, weil er so mit einem Schlag zu einem sehr Mächtigen in der CDU aufsteigen würde.

In der Partei zählt er zu den Modernisierern, aber er gilt nicht als Revoluzzer. Er gehört zu den liberaleren Köpfen, wer ihn einen Ideologen nennt, hätte früher Gelächter geerntet. Und das gerade auch bei denen, die ihn teils offen, teils hinter den Kulissen bekämpfen. Zur besonderen Situation gehört nämlich, dass er in Sachen NRW ausgerechnet jene gegen sich hat, denen er sich zum Teil lange verbunden fühlte. In Berlin gehören dazu Generalsekretär Hermann Gröhe oder der parlamentarische Geschäftsführer Peter Altmaier, die in der Sache häufig die gleichen Positionen vertreten wie er; in Düsseldorf zählt dazu Laschet oder auch Landesgeneralsekretär Andreas Krautscheid. Die einen wollen Röttgen verhindern, die anderen fürchten um den Zusammenhalt der Partei.

Doch ausgerechnet jetzt zeigt sich, dass Röttgen, der Einzelgänger, in solchen Momenten reagiert, wie es die Kanzlerin auch tut. "Er hat das Merkel-Gen", sagt einer aus der CDU-Spitze. "Druck erzeugt Gegendruck. Jetzt will er erst recht standhalten." Umgeben von Feinden, gegen den Rat seiner Freunde.

Nicht anders bei der Atomkraft. Die Regierung war kaum richtig im Amt, da saßen sie schon alle bei ihm, die Chefs der großen Energiekonzerne. Sie hatten dasselbe Ziel wie Röttgen, sie wollten eine schnelle Entscheidung über die Kernkraft, möglichst noch vor der Wahl in Nordrhein-Westfalen in diesem Frühjahr. Sie sahen in ihm einen Verbündeten. Doch die Unternehmen wollten mehr, als der Umweltminister anbot. Die Gespräche scheiterten. Seither währt ein stiller Kampf. Je mehr Unternehmen und Parteifreunde fordern, desto stärker radikalisiert sich Röttgens Haltung. Und die Kettenreaktion ist in vollem Gange.

Dass sich da was geändert hat, hätte mindestens der Atomlobby schon im Dezember dämmern können, bei der Klimakonferenz in Kopenhagen. Die deutsche Industrie hatte Röttgen eingeladen, es sollte eine Art Schulterschluss werden für den Klimaschutz. Ein schmaler, überfüllter Raum, auf dem Podium: ein Zink-Fabrikant, ein Bauindustrieller, zwei Chefs deutscher Stromkonzerne, einer von ihnen gleich rechts von Röttgen: Jürgen Großmann, der Chef von RWE. Großmann ist der Kumpeltyp unter den Bossen. Er ist beliebt bei seinen Leuten, an ihn kommen sie ran. Und so ist er es auch gewohnt, Politik zu machen, bis hinauf zu Gerhard Schröder.

Großmann allerdings muss Kopenhagen ziemlich unglücklich verlassen, Röttgen lässt ihn nicht an sich heran. Großmann preist die Kernenergie als Klimaschutz. Röttgen will nichts davon wissen. Großmann spricht von "widersprüchlichen Zielen" der Energiepolitik. Röttgen sagt: "Vielleicht haben wir ja unterschiedliche Wege." Großmann spricht vom härteren Konkurrenzkampf beim Strom. Der Minister erklärt, es gebe davon nicht genug. "Und mehr Wettbewerb bekommen wir nur mit mehr erneuerbaren Energien." Am Ende ist der RWE-Chef bedient. Röttgen hat sich eingerichtet in seiner Galaxie, unerreichbar für den Bauchmenschen Großmann.

Ob Röttgen die Gefühle von Bauchmenschen interessieren, ist schwer zu sagen. Leicht aber kann er in Münster erleben, wie wichtig Bauchgefühle sind, um die Herzen von Parteimitgliedern zu erobern. Das gelingt nicht ihm und auch nicht Laschet. Es gelingt Karl-Josef Laumann, der gar nicht zur Wahl steht. Nach zweieinhalb Stunden Regionalkonferenz verabschiedet er, der hier Bezirksvorsitzender ist, die Menschen. Er sagt nicht viel, er sagt in der Sache nichts Besonderes, aber er sagt es in einem Ton, der die Menschen anrührt. Die CDU müsse wieder gut übereinander reden, sie müsse stolz sein auf zwei gute Kandidaten. Und selbstverständlich werde er, der Fraktionschef, mit jedem Sieger sehr eng und vertrauensvoll zusammenarbeiten. Für Röttgen ist das ein Zwischenerfolg, immerhin gehört Laumann zu Laschets Unterstützern. Zugleich aber beweist da einer, dass ihm noch viel fehlt, um auch die Herzen zu erreichen.

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  1. Der Mann mit dem Merkel-Gen
  2. Sie lesen jetzt Das Spiel seines Lebens
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(SZ vom 04.09.2010/holz)