Umstrittener CDU-Politiker Zank um Filbingers Tagebücher

Wegen seiner Vergangenheit als Marinerichter im Zweiten Weltkrieg umstritten: Hans Filbinger, bis 1978 Ministerpräsident von Baden-Württemberg (hier bei der Bekanntgabe seines Rücktritts im Jahre 1978)

(Foto: picture alliance / dpa)

Für die einen war er ein "furchtbarer Jurist", der sich als Marinerichter in den Dienst der Nazis stellte, für Günther Oettinger war er jedoch ein "Gegner des NS-Regimes": Hans Filbinger. Der umstrittene Ex-Ministerpräsident von Baden-Württemberg führte umfangreich Tagebuch. 60 vollgeschriebene Hefte gibt es - und um die gibt es Streit.

Von Roman Deininger, Stuttgart

Nachdem die Eltern gestorben waren - Hans Filbinger 2007, seine Frau Ingeborg ein Jahr später - machte sich Susanna Filbinger-Riggert daran, ihr Elternhaus in Freiburg auszuräumen. Sie stieß auf unbeschriftete Kisten und in den Kisten auf so etwas wie einen Familienschatz: sechzig Schreibhefte, in denen der Vater sein Leben aufgezeichnet hatte.

Die Tagebücher reichen von 1940, als Hans Filbinger 26-jährig zur Kriegsmarine ging, bis weit über seinen erzwungenen Rücktritt als CDU-Ministerpräsident von Baden-Württemberg 1978 hinaus. Die Notizen könnten also neue Erkenntnisse bergen über den NS-Marinerichter Filbinger und seine Todesurteile, über den Mann, den Rolf Hochhuth einen "furchtbaren Juristen" nannte und Günther Oettinger in seiner Trauerrede einen "Gegner des NS-Regimes". Glücklich sind die Kinder Filbingers mit ihrem Schatz bislang nicht geworden.

Susanna Filbinger-Riggert, 62, Unternehmensberaterin, hat die Aufzeichnungen in einem Buch verwertet. "Kein weißes Blatt" heißt es, eigentlich hätte die "Vater-Tochter-Biografie" schon am 18. April erscheinen sollen. Daraus ist nichts geworden, weil zwei der vier Geschwister Filbinger-Riggerts mit der Veröffentlichung nicht einverstanden waren.

Die Autorin sagt, sie habe ihren Bruder Matthias und eine der drei Schwestern zunächst nicht über das Projekt informiert, da diese aus der Erbengemeinschaft ausgetreten seien. Erst jetzt habe sich gezeigt, dass die Rechte an den Tagebüchern dennoch bei allen fünf Kindern liegen. Die erste Auflage des Buches ist deshalb eingestampft worden, am 2. Mai soll im Frankfurter Campus-Verlag eine neue Fassung in den Handel kommen, die zumindest auf wörtliche Zitate verzichtet. Matthias Filbinger, ein Stuttgarter Lokalpolitiker, der mit seinem Wechsel von der CDU zu den Grünen für Aufsehen sorgte, hält aber auch das für eine Verletzung von Persönlichkeitsrechten.

Ihre neuen Erkenntnisse über den Vater hat Filbinger-Riggert ohnehin schon vorab in Interviews verraten: In den Heften, sagt sie, finde sich "kein Hinweis, dass er ein ausgesprochener Anhänger Hitlers oder des Nationalsozialismus gewesen wäre. Es findet sich aber auch kein Wort der Verurteilung, der Ablehnung." Aus ihrer Sicht habe sich Filbinger "für das Funktionieren des Systems Wehrmacht instrumentalisieren lassen".