Der Vertrag für die Brücke über den Fehmarnbelt ist unterzeichnet. Die Zeche zahlen vor allem die Dänen: Warum das gigantische Projekt dennoch in Deutschland umstritten ist.
Keine Warteschlange am Kai, keine Übelkeit auf Deck, kein Duty-Free-Shop, kein Bordrestaurant - von 2018 sollen Deutsche, die nach Skandinavien reisen, mehr Zeit im Auto verbringen. Denn die letzte Wegstrecke, die noch einer Fähre bedarf, soll überbrückt werden. Verkehrsminister Wolfgang Tiefensee und seine dänische Kollegin Carina Christensen unterzeichneten am Mittwoch in Kopenhagen den Staatsvertrag über den Bau einer Verbindung zwischen der deutschen Ostseeinsel Fehmarn und der dänischen Insel Lolland. Die Fähre zwischen Puttgarden und Rödby, derzeit eine der wichtigsten Routen nach Nordeuropa, wäre dann überflüssig.
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Eine Computersimulation zeigt, wie die Brücke einmal aussehen soll (© Foto: dpa)
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Aber noch ist das Projekt umstritten. In Kopenhagen und in Berlin müssen die Parlamente dem Vertrag zustimmen. Für die Brückengegner war der Festakt der Verkehrsminister darum keine endgültige Niederlage, sondern vielmehr der Startschuss für den Endspurt. Der Naturschutzbund Deutschland (Nabu) appellierte an das "grüne Gewissen" der Bundestagsabgeordneten. Tatsache ist, dass die Brücke auch innerhalb der Koalition auf Kritik stößt. Umweltminister Sigmar Gabriel zum Beispiel bezeichnete sie wegen ihrer Auswirkungen auf die Natur einmal als "bekloppte Idee". Zudem gibt es Ängste, die feste Verbindung könnte Arbeitsplätze in der Schifffahrt gefährden.
Die Bundesregierung kann allerdings darauf verweisen, dass Deutschland das "Jahrhundertbauwerk" nach jahrelangen Verhandlungen nun zum Schnäppchenpreis bekommt. Dänemark finanziert dem Staatsvertrag zufolge die gesamte Brücke und den Ausbau aller Verkehrswege auf seinem Gebiet - nach derzeitigen Schätzungen verschlingt das Projekt damit 4,8 Milliarden Euro dänischer Steuergelder. Deutschland muss nur Straßen und Gleise südlich des Belts ausbauen. Geplant sind eine vierspurige Autobahn und zwei Schienenstränge. Den Bund und Schleswig-Holstein wird das nach offiziellen Berechnungen etwa 800 Millionen Euro kosten.
Die ungleiche Verteilung der Zeche hat in Dänemark zwar Verwunderung, aber kaum Protest ausgelöst. Nur die rechtspopulistische Volkspartei lehnt das Projekt wegen der Kosten ab. Die Zustimmung im dänischen Parlament Folketing gilt damit als sicher. Die Brücke ist in Kopenhagen eben ein großes, gemeinsames Prestigeprojekt. In Deutschland dagegen hat sie eher regionale Bedeutung.
Darum werden die Gegner ihre Bemührungen nun vermutlich auf Berlin konzentrieren. Bürgerinitiativen und Umweltschützer sammeln schon seit Jahren Munition für die letzte Schlacht um den Fehmarnbelt, die nun in Bundestag und Bundesrat ausgefochten wird. Sie argumentieren, die bisherigen Berechnungen seien zu optimistisch. Nabu hatte Anfang des Jahres ein Gutachten vorgelegt, demzufolge die Brücke statt der veranschlagten 5,6 Milliarden Euro neun Milliarden kosten wird. Der Naturschutzverband sagt, in den offiziellen Berechnungen würden steigende Rohstoff- und Energiepreise nicht ausreichend berücksichtigt. Das Nabu-Gutachten zweifelt auch an, dass die 19 Kilometer lange Verbindung tatsächlich so häufig benutzt wird, wie es die Politiker erwarten. Die dänische Regierung rechnet damit, dass sie die Kosten für das Bauwerk mit einer Maut binnen 30 Jahren wieder hereingeholt hat. Dafür ist es aber nötig, dass der Verkehr zunimmt.
Eine der wichtigsten Routen für 90 Millionen Zugvögel
Neben den ökonomischen Bedenken erwartet Nabu auch Schlimmes für die Natur. Ein genereller Einwand ist, dass das Projekt vor allem den Straßenverkehr fördert und sich darum nicht mit dem Klimaschutz vereinbaren lässt. Außerdem gibt es eine Reihe konkreter Befürchtungen. So bedroht das Bauwerk Artenschützern zufolge den Lebensraum von Schweinswalen und Robben. Und es beeinträchtige eine der wichtigsten Routen für Europas Zugvögel. Bis zu 90 Millionen fliegen auf ihrer jährlichen Reise zwischen Nord und Süd über den Belt. Ihnen hat die Strecke von Hamburg über Puttgarden, Rödby und Kopenhagen nach Schweden auch den Namen "Vogelfluglinie" zu verdanken.
Auf viele Dänen wirken die Argumente der Umweltschützer bekannt - ähnliche Einwände wurden gegen den Bau der Öresundbrücke zwischen Malmö und Kopenhagen vorgebracht. Die Folgen dieses im Jahr 2000 fertiggestellten Bauwerks waren jedoch keineswegs so schlimm wie erwartet. Erst in der vergangenen Woche wies ein schwedisches Gericht Schadenersatzforderungen von Fischern gegen das Brücken-Konsortium weitgehend zurück. Das Gericht sah es nicht als erwiesen an, dass die Öresundquerung die Fischbestände beeinträchtigt hatte. Auch wirtschaftliche Bedenken erwiesen sich im Nachhinein als übertrieben. Der Verkehr zwischen Kopenhagen und Malmö - und damit die Mauteinnahmen - ist stärker gewachsen als gedacht.
Allerdings ist der Vergleich schwierig: Die Öresundbrücke verknüpft zwei Großstädte zu einem gemeinsamen Ballungsraum. Die Fehmarnbeltquerung dagegen verbindet zwei dünn besiedelte Ostseeinseln. Auf Fehmarn, wo der Widerstand gegen das Projekt besonders stark ist, erwartet man sich davon kaum Vorteile.
Die Insel ist heute ein beliebtes Ferienziel, der Ortsname Puttgarden deutschlandweit bekannt, als Fährhäfen und als die letzte Station vor Skandinavien. Wenn die Brücke einmal fertig ist, wird Puttgarden nur noch eine Autobahnausfahrt wie jede andere sein.
- Brückenbau Ohne Schiff nach Skandinavien 26.08.2008
(SZ vom 4.9.2008/ihe)
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