Von Barbara Vorsamer

New Hampshire, Kalifornien, Texas: Mehr als einmal haben die Meinungsforscher in den USA danebengelegen. Warum man Umfragen nicht trauen sollte.

Stellen Sie sich vor, Sie wollen tausend Leute etwas fragen. Ein Drittel erreichen Sie nicht. Ein Drittel erzählt Ihnen nichts. Und die Personen aus dem letzten Drittel sagen Ihnen zwar, was Sie vorhaben, doch wer weiß, ob das stimmt.

Anzeige

Wie sollen aus so einer Datenlage seriöse Ergebnisse werden? Vor solchen Problemen stehen die Demoskopen, wenn sie versuchen, das Wahlverhalten der Bevölkerung vorherzusagen. Da wundert es nicht mehr, wie oft die amerikanischen Institute bei ihren Prognosen zu den US-Vorwahlen schon danebenlagen.

So ist das erste Problem von Umfragen die sogenannte Fehlertoleranz. Befragt wird nun mal nicht die Gesamtbevölkerung von 300 Millionen Amerikanern, sondern eine Stichprobe von ein paar hundert, eventuell ein paar tausend Leuten. Statistiker gehen davon aus, dass sich das hochrechnen lässt - allerdings eben mit einer Fehlerquote. Die beträgt meist drei Prozentpunkte für jedes Einzelergebnis.

Drei Prozentpunkte hin oder her

Eine Beispielrechnung: Beträgt die Vorhersage 46 Prozent für Hillary Clinton und 50 Prozent für Barack Obama, bedeutet das in Wirklichkeit, dass Clinton voraussichtlich ein Ergebnis zwischen 43 und 49 Prozent und ihr Konkurrent zwischen 47 und 53 Prozent bekommen wird. Ein Zehn-Punkte-Vorsprung für Obama ist also genauso drin wie ein Gleichstand oder auch ein knapper Sieg Clintons - eigentlich also besagt die Umfrage gar nichts.

Das nächste Problem der Meinungsforscher ist, dass sie nicht die Bevölkerung erforschen wollen, sondern die Wählerschaft. Das ist nicht das Gleiche: Nur etwa 200 Millionen Personen in den USA sind wahlberechtigt, davon sind wiederum nur 140 Millionen als Wähler registriert und bei der letzten Wahl gingen 125 Millionen tatsächlich zur Wahl.

Doch woher weiß der Meinungsforscher, ob er einen Wähler oder einen Nichtwähler am Telefon hat? Einfach fragen? Das Problem dabei ist, dass die Befragten nicht ehrlich antworten. Auch anonym am Telefon wollen sie nicht zugeben, dass sie der Wahl fernbleiben und das verfälscht die Statistik.

Die Umfrageinstitute reagieren darauf mit komplizierten Rechenmodellen, sogenannten Likely-Voter-Models. Anhand verschiedener Kriterien versuchen sie, die wahrscheinlichen Wähler zu bestimmen und vermeintliche Nichtwähler herauszufiltern. Die genauen Formeln sind geheim und jedes Institut rechnet ein bisschen anders.

Nichtwähler rausrechnen, Abwesende reinrechnen

Andererseits müssen wieder ein paar Wähler hineingerechnet werden. Schließlich gibt es viele Personen, die eigentlich zur Stichprobe gehören, aber telefonisch nicht erreichbar sind. Andere verweigern die Antwort. Auch hier verwenden die Forscher Formeln, ältere Daten und Erfahrungswerte, um abzuschätzen, wie sich diese Personengruppen wohl verhalten.

Eine Gretchenfrage ist, wie mit den Unentschlossenen umzugehen ist, also mit den Befragten, die zwar erreichbar sind, die aber selbst noch nicht wissen, wen sie wählen wollen. Die seriöseste Methode ist, das abzubilden.

Das führt zu Ergebnissen wie: 30 Prozent der Befragten sind für Obama, 30 Prozent für Clinton und 40 Prozent noch unentschlossen. Leider nicht besonders zugkräftig und vermutlich der Grund, warum die meisten Institute hier noch einmal den Computer anwerfen, um auch das Wahlverhalten der Unentschlossenen schon mal auszurechnen.

Die Demoskopen wissen also ziemlich wenig und rechnen ziemlich viel. "Um die Unentschlossenen kümmert sich keiner, es wird veröffentlicht, als hätten hundert Prozent der Befragten auch geantwortet", bemängelt auch Thomas Gschwend, Professor für quantitative sozialwissenschaftliche Methoden am Mannheimer Zentrum für Europäische Sozialforschung .

Sind Umfragen also eigentlich zu nichts zu gebrauchen? So weit will Gschwend nicht gehen, allerdings gibt auch er zu: "Die Vorhersagekraft einer einzelnen Umfrage ist relativ gering. Besser ist es immer, sich mehrere Umfragen anzuschauen." Auch seien Veränderungen wesentlich leichter vorherzusagen als absolute Zahlen. "Wenn mehrere Institute denselben Trend prognostizieren, kann man davon ausgehen, dass es diesen Trend auch gibt."

Die Welle, die sich selbst erzeugt

Womit wir mal wieder beim vielbeschworenen Momentum sind. Leute, die abends während des Abendessens schnell mit einem Interviewer telefonieren, antworten meist spontan aus dem Bauch heraus - also im Zweifel das, was sie kurz zuvor gelesen oder im Fernsehen gesehen haben. Daraus berechnen die Institute Umfrageergebnisse, die sie an die Medien geben. Die wiederum verkünden die Ergebnisse mit einer Überzeugung, als handele es sich mindestens um das amtliche Endergebnis.

So entsteht etwas, das wie eine Welle aussieht. Doch wenn die Leute, die dann tatsächlich in der Wahlkabine stehen, andere Entscheidungen treffen als die Nichtwähler, die beim Abendessen angerufen werden - dann sind die ganzen schönen Rechenmodelle dahin.

Die Vorwahl in Mississippi am Dienstag soll übrigens Umfragen zufolge Barack Obama gewinnen. Auf der Basis einer Befragung von 338 likely voters prognostiziert das Institut InsiderAdvantage 54 Prozent für den Senator aus Illinois und 37 Prozent für Hillary Clinton. Neun Prozent der Befragten waren noch unentschlossen und die Fehlerquote der Umfrage beträgt sechs Prozentpunkte. Wie viel Aussagekraft diese Zahlen haben, wissen Sie ja nun.

Leser empfehlen 
Lesetipp aus der aktuellen SZ: Sonne, Mond und Krieg

Die Nuba: Leni Riefenstahls Bilder machten sie einst bekannt. Heute sucht das Volk aus Sudan Schutz in Höhlen und Felsspalten – vor den Bomben des Regimes in Khartum. Ein Frontbericht. Seite Drei Jetzt lesen ...

(sueddeutsche.de/bosw)