Parteichef der Herzen: 61 Prozent der SPD-Wähler halten den Ex-SPD-Vorsitzenden Franz Müntefering für den besseren Parteichef. Mit dem jetzigen Amtsinhaber Kurt Beck hat er schon mal ein ernstes Wörtchen gesprochen.

Die große Mehrheit der SPD-Wähler hält nach einer Emnid-Umfrage den früheren SPD-Chef Franz Müntefering für einen besseren Parteivorsitzenden als Amtsinhaber Kurt Beck. 61 Prozent der befragten SPD-Wähler hätten sich demnach für Müntefering ausgesprochen, 36 Prozent für Beck.

Bild vergrößern

Der ehemalige SPD-Vorsitzende Franz Müntefering lacht bei seinem ersten öffentlichen Aufritt nach dem Tod seiner Frau in der vergangenen Woche in Rösrath bei Köln. (© Foto: dpa)

Anzeige

Als Kanzlerkandidaten wünschen sich 39 Prozent der befragten SPD-Wähler Außenminister Frank-Walter Steinmeier. Für Müntefering sprachen sich laut der Umfrage von Bild am Sonntag in Auftrag gegebenen Umfrage 23 Prozent aus. SPD-Chef Beck kommt demnach lediglich auf 19 Prozent.

In der Gesamtbevölkerung zeichnet sich bei der Frage nach dem SPD-Kanzlerkandidaten ein ähnliches Bild ab: 36 Prozent sind für Steinmeier, 20 Prozent für Müntefering und zwölf Prozent für Beck.

Entscheidung als Weihnachtsgeschenk

Steinmeier hat eine Entscheidung der SPD über ihren Kanzlerkandidaten noch vor Weihnachten angekündigt. "Gehen Sie mal davon aus: Sie werden zum Thema Kanzlerkandidatur noch vor Weihnachten etwas erfahren", sagte der SPD-Vize der Rheinischen Post.

Vor dem Hintergrund anhaltender Spekulationen über sein politisches Comeback hat Müntefering schon am Samstag ein Gespräch mit dem Parteivorsitzenden Beck geführt. Beide trafen sich in Wuppertal am Rande einer Gedenkveranstaltung der nordrhein-westfälischen SPD für Johannes Rau, der vor 30 Jahren Ministerpräsident des Landes geworden war.

Beck hielt bei der Veranstaltung die Hauptrede. Danach hätten sich Beck und Müntefering zu einem Gespräch zurückgezogen, hieß es in Parteikreisen. Details des Gesprächs wurden nicht bekannt.

Müntefering hatte seine Ämter als Vizekanzler und Bundesarbeitsminister im Herbst 2007 abgegeben, um seine krebskranke Frau pflegen zu können. Sie starb Ende Juli. In den vergangenen Tagen war in der SPD wiederholt der Ruf nach einer Rückkehr Münteferings in die Parteiführung laut geworden. Dies stieß bei Beck jedoch auf wenig Begeisterung. Das Verhältnis zwischen beiden gilt seit langem als angespannt.

Kritik an Spekulationen über politisches Comeback

Steinmeier indes hofft auf eine Rückkehr von Müntefering in das politische Tagesgeschäft. Er wisse zwar nicht, wann dieser nach dem Tod seiner Frau wieder die Kraft finde, "sich dem politischen Alltag zu widmen", sagte der stellvertretende SPD-Vorsitzende der Rheinischen Post. "Aber natürlich können wir sein Engagement, seine Kreativität und seine Erfahrung in der SPD gut gebrauchen. Und ich hoffe, dass er sie uns zur Verfügung stellt."

Führende Sozialdemokraten kritisierten die Spekulationen über ein Comeback des 68-Jährigen, die vor allem in der SPD die Runde machen. Es müsse doch wohl möglich sein, dass ein Politiker nach einem schweren Schicksalsschlag seine "normale Arbeit" wieder aufnehme, ohne dass über die tiefere Bedeutung dieser Entscheidung gerätselt werde, sagte Arbeitsminister Olaf Scholz in Berlin.

Müntefering sei derjenige, der sich am meisten über diese Spekulationen ärgere. Die SPD sei in diesem Fall wohl "Opfer eines bestimmten Hypes".

Auch der bayerische SPD-Spitzenkandidat Franz Maget vertrat die Ansicht, dass die aktuelle Debatte über Müntefering und seinen Wahlkampftermin in Bayern "stark überbewertet" werde. Müntefering hat für den 3. September einen Wahlkampfauftritt in München zugesagt. Dies sei ein ganz normaler Vorgang, sagte Maget der Leipziger Volkszeitung, ein "erfreulicher, aber eigentlich selbstverständlicher Akt der Freundschaft und der Kollegialität, mehr aber auch nicht".

Müntefering will sich im Herbst mit einem Buch in die programmatische Debatte der Partei einschalten. Der Band mit dem Arbeitstitel "Blick nach vorn", an dem der ehemalige Parteichef seit Wochen arbeite, solle voraussichtlich im Oktober erscheinen, berichtet Der Spiegel. Darin wolle Müntefering nach Informationen aus Parteikreisen die politischen Aufgaben nach der Agenda 2010 beschreiben.

Leser empfehlen 

(dpa/AP/ssc/mel)