Umbruch in der Ukraine Russland im Wettkampf mit der Wirklichkeit

Regierungsgegner auf dem Maidan in Kiew.

Ausgerechnet zum Ende der Olympischen Spiele in Sotschi muss Russlands Präsident erleben, wie sich in Kiew Geschichte im Zeitraffer vollzieht. Die Umwälzungen treffen Putin völlig unvorbereitet. Doch mit Timoschenko könnte Moskau sich arrangieren.

Von Frank Nienhuysen

Als das Wochenende sich dem Ende zuneigte, gab es doch noch einen gewaltigen Sieg für Russland. Mit einem Mal stand der Gastgeber von Sotschi in der Endabrechnung des Medaillenspiegels ganz oben - für Präsident Wladimir Putin und den Patriotismus eine Bilanz von unschätzbarem Wert. Denn sonst gab es viele Niederlagen. Seit nunmehr einer Woche schon dringen die wichtigsten Nachrichten nicht aus den modernen russischen Olympiastätten in die Welt, sondern aus der benachbarten Ukraine. Und es sind für Russland bittere Nachrichten, nicht nur wegen der blutigen Tragödie rund um den Maidan.

Moskau hat in dem gestürzten Präsidenten Viktor Janukowitsch einen wichtigen Verbündeten verloren. Er hatte sich vor der geplanten Unterzeichnung des Assoziierungsvertrags mit der Europäischen Union im letzten Moment auf die Seite Moskaus ziehen lassen, als er einem russischen Kredit zustimmte und dazu noch einem verbilligten Gaspreis. Das war der Janukowitsch, wie ihn die russische Führung sich vorstellte: im Zweifelsfall willig und hörig, den Schulterschluss mit Moskau zu suchen anstatt mit Brüssel. Janukowitsch aber ist nun schneller Geschichte geworden, als dies noch am Freitag zwischen ihm und der Opposition, den drei EU-Außenministern und dem Gesandten Moskaus vereinbart worden war.

Ein Albtraum für Russland

Sogar der scharfzüngige Alexej Puschkow, Vorsitzender des Auswärtigen Ausschusses im russischen Parlament, hatte nur noch sanften Spott übrig für den gestürzten ukrainischen Staatschef. "Ein trauriges Ende für einen Präsidenten", teilte Puschkow per Twitter mit, "zur Residenz von Janukowitsch in Meschigorje bei Kiew hat jetzt jeder Zugang: Er selber hat sich davongemacht, das Wachpersonal ist weg." Auf ihn kann Moskau nicht mehr zählen, wo auch immer er genau steckt. Nicht einmal genug Macht hatte er noch, um sich per Flugzeug auf den Weg nach Russland zu machen.

Für Moskau ist der Machtwechsel in Kiew ein politischer Albtraum. Selbst wenn sich die russisch geprägte Krim - vor 60 Jahren von Kremlchef Nikita Chruschtschow der ukrainischen Sowjetrepublik geschenkt - und der ukrainische Osten an Russland schmiegen sollten, was allerdings unwahrscheinlich ist: Die politische Niederlage wäre nicht zu verdrängen. Russland strebt von 2015 an die Eurasische Union als wirtschaftspolitisches Pendant zur Europäischen Union an, und die Ukraine, dieser slawische Bruderstaat, wie Russlands Patrioten das Land sehen, wäre dafür eine wichtige Trophäe. Dazu wird es nun nicht mehr kommen.

Wie wichtig die Ukraine für Putin ist, hat er erst im vergangenen Sommer bewiesen, als er zum 1025. Jahrestag der Christianisierung der Kiewer Rus zwei Tage lang in der ukrainischen Hauptstadt war und an die gemeinsame Geschichte von Russen und Ukrainern erinnerte. Und nun dies. Was wäre eine Eurasische Union politisch wert ohne die 50 Millionen Menschen der Ukraine, in jedem Fall ohne die symbolische Hauptstadt Kiew?