Umberto Eco über den Zusammenhalt in Europa Zu viele Kulturen, zu viele Sprachen

Eco erinnert daran, dass Europas Gründerväter - Adenauer, De Gasperi, Monnet - weniger gereist sind. Sie hatten auch kein Internet, um regelmäßig die ausländische Presse zu lesen. De Gasperi sprach Deutsch nur, weil er in der k. u. k.-Monarchie geboren wurde. "Ihr Europa war eine Reaktion auf den Krieg, sie hatten gemeinsam die Fähigkeit, Frieden aufzubauen. Heute müssen wir an einer Identität arbeiten, die tiefer geht."

Statt kalter Symbole wünscht sich Eco große europäische Kulturschaffende auf die Euroscheine.

(Foto: iStockphoto)

Wie schwach die gemeinsame Identität ist, sei schon vor der Schuldenkrise sichtbar geworden, als der Entwurf der Europäischen Verfassung in Volksabstimmungen abgeschmettert wurde. Dies sei ein von Politikern verfasstes Dokument gewesen, zu dem die Kulturwelt nichts beitragen durfte. Abstrakt und nie mit den Bürgern diskutiert - wie beim Entwurf der Euro-Banknoten. Die Geldscheine zeigen nicht die Bildnisse großer Europäerinnen und Europäer, sondern kalte Panoramen, wie Bilder von De Chirico.

Damals, Papst Johannes Paul II. lebte noch, stritt man auch heftig, ob in einer EU-Verfassung die christlichen Wurzeln des Kontinents betont werden sollten. "Die säkulare Ansicht setzte sich durch, das ist so hingenommen worden, unter Protest der Kirche. Es hätte jedoch einen dritten Weg gegeben", sagt Eco. Einen schwierigeren. "Aber heute würde er uns stärken. Nämlich, in der Verfassung alle unsere Wurzeln zu erwähnen. Die griechisch-römischen, die jüdischen, die christlichen. Venus gehört zu unserer Geschichte wie das Kruzifix. Genauso die nordischen Gottheiten, an die wir im südlichen Europa mit dem Weihnachtsbaum erinnern oder mit den vielen Lucia-Festen, dem Heiligen Nikolaus und dem Weihnachtsmann." Wer Angst habe vor einer starken Identität, suche sich eine schwache, ist Eco überzeugt. "Amerika ist religiöser als Europa, das stimmt. Nur, bei uns gehen die Leute nicht in die Kirche, sie verfallen in Aberglauben."

Der lange europäische Bürgerkrieg

Eco denkt viel über das nach, was der britische Historiker Geoffrey Barraclough "den langen europäischen Bürgerkrieg" nannte: die Zeit vom Ersten Weltkrieg bis zum Fall der Berliner Mauer. Sie habe eine tiefe Teilung bewirkt, der erst die EU und der Euro ein Ende gesetzt hätten. "Es braucht viel Zeit und Geduld, damit dieser Schnitt heilt."

Kürzlich widersprach Eco im britischen Fernsehen einem Moderator, der wegen der Euro-Krise vor einem supranationalen Europa warnte und die technischen Regierungen von Lukas Papadimos in Griechenland und Mario Monti in Italien undemokratisch nannte. "In allen Demokratien gibt es nicht gewählte Institutionen", erwiderte Eco. Das britische Königshaus, den amerikanischen Supreme Court. "Aber niemand kommt auf die Idee, ihre Rechtmäßigkeit zu bestreiten."

Eco ist ein Erforscher der Massenkulturen, er ist Autor von Werken für wenige Auserwählte und von Bestsellern wie "Der Name der Rose" und "Der Friedhof von Prag". Eco ist überzeugt, der globale Markt mache, trotz aller Mängel, Kriege weniger wahrscheinlich, selbst zwischen den USA und China. Andererseits glaubt er nicht, dass es jemals die Vereinigten Staaten von Europa geben wird, als ein Land mit einer Sprache. "Wir haben zu viele Kulturen und Sprachen."

Dass das Mailänder Gespräch mit ihm in Zeitungsbeilagen in sechs Ländern der EU erscheint, gefällt Eco. "Eine gemeinsame europäische Tageszeitung ist ja noch Utopie." Über das Internet komme man ja heute auch mit Sprachen in Kontakt, die man nicht verstehe. "Wir können vielleicht nicht Russisch lesen, aber wir gehen auf russische Sites. Wir sind uns der anderen Stimmen und Sprachen zumindest bewusst. Lissabon ist nicht weiter entfernt von Warschau als San Francisco von New York", sagt Eco und fügt hinzu: "Wir werden doch ein Zusammenschluss bleiben, unauflöslich."

Große Männer stiften Identität

Was also sollten die Euro-Scheine abbilden? Umberto Eco schlägt vor: Fritz Lang und Claude Chabrol, einen deutschen Regisseur und einen französischen. Und auf den italienischen Banknoten kann er sich Roberto Rossellini vorstellen. Oder Bilder des Films "Die Legende vom Ozeanpianisten" von Giuseppe Tornatore. Auch Honoré de Balzac, der Meisterwerke schrieb über Schulden und die Finanzwelt, oder Thomas Mann und seine "Buddenbrooks" eigneten sich als Symbol für Europas Identität.

Umberto Eco fällt Pierre Bayard ein, der französische Psychoanalytiker und Autor des Werkes "Wie man über Bücher spricht, die man nicht gelesen hat". Eco meint: "Wir alle kennen auch Bücher, die wir nie gelesen haben. Und wir tragen Reflexe von Kulturen in uns, die wir nicht kennen. Damit wird sich die europäische Identität allmählich vertiefen."