Ulrike Meinhof Tragisch, selbstgerecht, mörderisch

Der Weg der RAF-Terroristin Meinhof von ihrem Leben als erfolgreiche Journalistin und glückliche Mutter in den bewaffneten Kampf gibt noch heute Rätsel auf.

Von Willi Winkler

Noch jede Darstellung Ulrike Meinhofs folgt der kategorischen Frage: Wie konnte sie nur? Wie konnte eine Frau, die erfolgreich, sogar prominent war, die zwei kleine Kinder hatte und ihre Meinung jederzeit verbreiten durfte, wie konnte diese Frau sich in den bewaffneten Kampf stürzen?

Obwohl Ulrike Meinhof keineswegs im Verborgenen heranwuchs, vielmehr eine in den sechziger Jahren gern herumgereichte Trophäe in der Hamburger und Sylter Gesellschaft war und sich noch heute ältere Herrschaften damit berühmen, mit ihr getanzt, gelacht und geknutscht zu haben, scheint es noch immer unbegreiflich, dass sich jemand aus dieser "Party-Republik" (Peter Rühmkorf) davonstehlen konnte, um der Bundesrepublik den Krieg zu erklären.

Ihr Leben hat alles einer weltlichen Heiligenlegende: vaterlos im Nazi-Reich aufgewachsen, früh auch noch die Mutter verloren, von einer tapferen Tante in den Widerstand gegen die atomare Nachrüstung geleitet, als Journalistin erfolgreich, glückliche Mutter, aber von ihrem Mann betrogen, eine tragische Gestalt noch in der wahnwitzigen Freischärlertruppe RAF, die das ungeliebte Mitglied schließlich zum Selbstmord in der Zelle trieb.

Erich Fried verglich sie mit Rosa Luxemburg, und der ehemalige Bundespräsident Gustav Heinemann erklärte: "Mit allem, was sie getan hat, so unverständlich es war, hat sie uns gemeint."

Gespanntes Verhältnis zur Ziehmutter

In zwei neuen Büchern wird dieses kurze, ereignisreiche Leben nacherzählt und am Ende etwas verständlicher, aber eine Fremde bleibt sie doch. Eine "politische" Biographie will die Dissertation Kristin Wesemanns sein, und auch der Grünen-Mitgründerin Jutta Ditfurth geht es um das Politische in diesem Lebenslauf, der sich nach 1969/70 in einen Sturmlauf beschleunigte und mehr oder weniger zwangsläufig in den Tod führte.

Meinhof hat von Mario Krebs bis zu ihrer Tochter Bettina Röhl immer neue Biographen gefunden, die sie verstehen wollten. Im "Baader-Meinhof-Komplex" von Stefan Aust hebt sie sich zweideutig strahlend vor dem dunklen Hintergrund einer schießenden, bombenden Stadtguerilla ab, eine Verführte, die es wenigstens postum aus den Fängen des Unholds Baader zurück ins Bürgertum zu retten galt.

Wie stark NS-verseucht dieses Bürgertum war, wird bei Jutta Ditfurth mit aller Kälte herauspräpariert. Ulrike Meinhofs Vater, Museumsdirektor in Jena, Parteimitglied selbstverständlich, beteiligte sich karrierefördernd an der Aktion "Entartete Kunst".

Eine Antwort auf die tremolierende Frage "Wie konnte sie nur?" könnte das Verhältnis zu Renate Riemeck sein, die 1949 nach dem Tod der Mutter die Vormundschaft für Ulrike Meinhof übernahm. Entgegen ihrer sehr vagen Autobiographie "Ich bin ein Mensch für mich" (1992), war Riemeck nicht sehr widerständig, sondern sogar Mitglied der NSDAP.

Nachgeholte Revolte

Sie studierte bei den Rasseforschern Karl Astel und F. K. Günther und arbeitete als Assistentin bei Johann von Leers, der nicht bloß SS-Obersturmbannführer war, sondern als Professor den Antisemitismus auch noch wissenschaftlich begründen wollte.

Die Pädagogin wurde eine prominente Figur in der Anti-Atom-Bewegung der fünfziger Jahre und berühmt, als sie ihren Lehrstuhl in Wuppertal auf politischen Druck hin aufgeben musste. Inwieweit Riemeck in ihrer Oppositionspolitik von Ostberlin beeinflusst oder gar gelenkt war, ist nach wie vor unklar.

So wie Riemeck den Widerstand nachholte, den sie in der Nazizeit unterlassen hatte, holte Meinhof erst als Journalistin und dann als Terroristin die Revolte gegen ihre Ziehmutter nach. Die mochte Pädagogikprofessorin sein und sich heldenmütig gegen den übermächtigen CDU-Staat Konrad Adenauers erhoben haben, zu Hause war sie tyrannisch, untersagte der Ziehtochter Liebesbeziehungen und gab später gerne deren Mann Klaus Röhl das letzte Wort.

Der Studentin Meinhof, die 1958 in Münster den universitären Widerstand gegen die Atomaufrüstungspolitik organisierte, schlug nicht nur das Gewissen, sie wehrte sich auch gegen ihre Ziehmutter: "Wir wollen uns nicht noch einmal wegen 'Verbrechen gegen die Menschlichkeit' vor Gott und den Menschen schuldig bekennen müssen."

Die Pop-Helden der RAF

Die RAF-Geschichtsschreibung neigt zu einer schaudernden Distanzierung, ganz so, als hätte man von Anfang an gewusst, dass es böse enden müsse. Das war nicht immer so. 1969 lud der Münchner Jung-Verleger Hubert Burda Andreas Baader und Gudrun Ensslin zum Abendessen.

Das Geld, das sie verlangten, will er ihnen nicht gegeben haben, aber auch für Burda waren sie Pop-Helden. Die beiden hatten Brandsätze in Frankfurter Kaufhäusern gelegt und waren wegen dieser politischen Tat zu drei Jahren Gefängnis verurteilt worden.

Eine Sympathisantin der Brandstifter war auch die Journalistin Meinhof. Im selben Jahr 1969 war sie, wie Ditfurth herausgefunden hat, an einem Sprengstoffanschlag im Hamburger Hafen auf eine portugiesische Korvette beteiligt, die dem damals noch faschistischen Land die Kolonialherrschaft in Afrika sichern sollte - ein hilfloser Versuch, den Widerstand zu leisten, den die Generation davor versäumt hatte.

Meinhof, die so lang vor der Tat zurückschreckte, wollte nicht weiterer Verbrechen gegen die Menschheit schuldig werden, sie wollte aber auch ihre übermächtige Ziehmutter treffen und übertreffen. In letzter selbstgerechter Konsequenz hieß das für sie, dass man auf Polizisten schießen und Bomben gegen US-Soldaten werfen dürfe. Ulrike Meinhofs Leben ist eine deutsche Geschichte.

JUTTA DITFURTH: Ulrike Meinhof. Die Biografie. Ullstein, Berlin 2007. 480 Seiten, 22,90 Euro.

KRISTIN WESEMANN: Ulrike Meinhof. Kommunistin, Journalistin, Terroristin - eine politische Biographie. Nomos, Baden-Baden 2007. 440 Seiten, 49 Euro.