Ukrainische Flüchtlinge in Russland Schmutzige Zahlen

114 000 oder doch 1,8 Millionen? Wie viele Ukrainer seit Beginn des Konflikts nach Russland geflohen sind, ist umstritten. Die Not ist in jedem Fall groß, aber die Welt reagiert zögernd.

Von Julian Hans, Rostow am Don

Juri sagt, er erkenne die anderen Flüchtlinge sofort, wenn er durch die Straßen von Rostow am Don geht. Sie verrate ihr unruhiger Blick, der Fenster nach Scharfschützen absucht und Mauern und Hauseingänge nach der nächsten Deckung. Wenn irgendwo ein Hubschrauber knattert, heben sie die Augen zum Himmel, während die Einheimischen ungerührt weitergehen. Nach Wochen in der Kampfzone im Osten der Ukraine können sie das Überlebensprogramm nicht einfach abschalten, auch wenn sie hier in Sicherheit sind, in der russischen Gebietshauptstadt 60 Kilometer entfernt von der ukrainischen Grenze.

Vor zehn Tagen ist Juri hierhergekommen, als während der Waffenruhe die Übergänge offen und die Fluchtwege einigermaßen sicher waren. Ein drahtiger Mann um die 40 mit Pockennarben im Gesicht. Seinen Nachnamen will er nicht nennen; er will nicht, dass bekannt wird, dass sein Haus in Lugansk jetzt leer steht. Seine Frau und die sechs Kinder sind schon seit einem Monat hier. Zusammen bewohnen sie ein Zimmer im Wohnheim des pädagogischen Instituts, in dem die Stadt kurzfristig 150 Menschen untergebracht hat, die vor den Kämpfen geflohen sind - die meisten von ihnen Frauen und Kinder.

Der vierjährige Sascha spielt mit einem Paar Schlittschuhen im Sand. Nicht alles, was hilfsbereite Bürger spenden, ist zweckmäßig. Aber immerhin bekommen die Flüchtlinge drei Mahlzeiten am Tag und einen Platz zum Schlafen. "Wenigstens wird nicht geschossen", sagt Lena, Saschas Mutter und Juris Frau.

Sie ist wütend auf den Präsidenten Petro Poroschenko, weil sie kein Kindergeld mehr bekommen hat und Juri keinen Lohn. Unter dem früheren Präsidenten Viktor Juschtschenko seien wenigstens die Löhne gezahlt worden, sagt sie, "unter Janukowitsch gingen die Preise in die Höhe, und jetzt bekommen wir nicht einmal mehr unser Geld". Aber darauf, wer schuld ist am Krieg, will sie sich nicht festlegen: "Wer da warum gegen wen kämpft? Ich verstehe überhaupt nichts mehr."

Russland unterschlägt, dass auch in Friedenszeiten 1,5 Millionen Ukrainer in Russland arbeiten

Das Gebiet Rostow ist für die meisten Menschen, die aus der Ukraine nach Russland kommen, das erste Ziel. 13 000 suchten hier nach Angaben der Vereinten Nationen in den vergangenen Wochen Schutz. Dazu kommen noch einmal 6500 in der im Norden gelegenen Region Brjansk. Insgesamt sind der Rechnung des Flüchtlingshilfswerks UNHCR zufolge seit Beginn der kriegerischen Auseinandersetzungen in der Ostukraine 114 000 Menschen nach Russland geflohen.

Die russischen Angaben sind viel höher. 1,8 Millionen ukrainische Staatsbürger hielten sich gegenwärtig auf dem Gebiet der Russischen Föderation auf, meldete die Migrationsbehörde Anfang der Woche alarmierend und unterschlug dabei, dass auch in Friedenszeiten ständig etwa anderthalb Millionen Ukrainer in Russland arbeiten. Der Gouverneur von Rostow, Wassili Golubew, warnte, es drohe eine "humanitäre Katastrophe" und verhängte im ganzen Gebiet den Notstand.

Vor einer Woche hatte der russische Außenminister Sergej Lawrow beklagt, das Flüchtlingsproblem werde im Westen nicht ernst genommen. Das aber ist auch ein Ergebnis der politischen Instrumentalisierung der Flüchtlinge. Schon Ende Februar hatte das russische Fernsehen von Flüchtlingsströmen an der ukrainisch-russischen Grenze berichtet.