Ukraine zwischen EU und Russland Rivalen um Kiews Gunst

Julia Timoschenko ist nicht nur eine Ikone der orangenen Revolution, sondern auch ein Symbol für die Annäherung der Ukraine an die Europäische Union. Nun macht die EU dem Land ein Angebot, das Kiew eigentlich nicht ablehnen kann. Die russische Regierung tobt, erpresst, droht - und lockt ebenfalls. Moskau könnte der EU eine verheerende Niederlage zufügen.

Ein Kommentar von Cathrin Kahlweit

Zwei Jahre ist es her, dass ein Gericht in Kiew Julia Timoschenko wegen Amtsmissbrauchs ins Gefängnis schickte. Vor dem Urteil hatte die ehemalige Premierministerin eine Zeitlang keine gute Presse gehabt. Ihr Dauermachtkampf mit dem früheren Präsidenten Viktor Juschtschenko hatte das Image als Ikone der orangenen Revolution schwer beschädigt.

Doch nach der Verhaftung folgten: ein politischer Prozess, eine Reihe erkennbar politisch motivierter Anklagen, eine Krankheit. Timoschenko wurde für den Westen damit erneut zu einem Symbol. Die Annäherung der Ukraine an die EU mithilfe eines Assoziierungsabkommens ist heute vor allem mit ihrem Namen verbunden. Denn dieses sperrige Abkommen brauchte einen emotionalen Anker, ein Gesicht.

Nach dem Zerfall der Sowjetunion behandelte die Europäische Union den riesigen Nachbarn im Osten lange stiefmütterlich. Der Transformationsprozess geriet ihr zu langsam, die Elite war ihr zu russophil und korrupt, die Industrie unrettbar veraltet. Erst der Aufstand der Bevölkerung gegen die Oligarchen und Kleptokraten sowie die gefälschte Wahl 2004 lenkten das Interesse der Welt zurück auf die Ukraine. Dort liebäugelte man mit der Bindung an den Westen, während gleichzeitig die Nähe zu Russland gepflegt wurde.

"Äquidistanz" nannte man das im Kiewer Außenministerium. Die Regierung Janukowitsch suchte bis zuletzt nach einer pragmatischen Antwort für das größte Problem des Landes: Wie lässt sich die nach wie vor enge Verflechtung mit dem russischen Wirtschaftsraum und die Abhängigkeit in Energiefragen zum eigenen Vorteil kombinieren mit einer Öffnung des Marktes für Europa?