Der Kaukasus-Konflikt und eine zerbrochene Regierung beschäftigen derzeit die Ukraine. Im SZ-Interview spricht Außenminister Ohrysko über den Nato-Wunsch seines Landes in Zeiten der Krisen.
Erst hat der Kaukasus-Konflikt Ängste in der Ukraine ausgelöst, nun ist in Kiew auch noch die Regierung zerbrochen, welche die Parteien von Präsident Viktor Juschtschenko und Premierministerin Julia Timoschenko gebildet haben. Die Süddeutsche Zeitung sprach mit Außenminister Wolodymyr Ohrysko, 52.
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Aktivisten einer NATO-freundlichen Partei protestieren mit ukrainischen Flaggen gegen die Ansprüche Russlands auf die zur Ukraine gehörende Halbinsel Krim (© Foto: AFP)
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SZ: Was bedeutet dieser Bruch für die Ukraine angesichts der Georgien-Krise?
Ohrysko: Wichtig ist, dass der Präsident und auch die Regierungschefin die territoriale Integrität Georgiens gefordert haben, so wie die EU. Hier sprechen wir also alle eine gemeinsame Sprache.
SZ: Hat der Georgien-Konflikt die Annäherung der Ukraine an Nato und EU erleichtert oder erschwert?
Ohrysko: Das hängt jetzt stark von Deutschland ab. Nach den Ereignissen im Kaukasus ist auch in Berlin vielen klar geworden, dass die Welt sich verändert hat, dass leider eine rote Linie überschritten wurde. Kein Staat kann seine Sicherheit heute allein sichern. Wir hätten die heutige Situation nicht, wenn Georgien schon am Beitrittsprogramm der Nato teilnähme.
SZ: Russlands Präsident Dmitrij Medwedjew hat kürzlich seine Grundsätze vorgestellt, denen zufolge russische Bürger überall in der Welt verteidigt werden müssen, Russland überdies Interessengebiete beansprucht. Sieht die Ukraine mit ihren vielen russischsprachigen Bürgern darin eine Bedrohung?
Ohrysko: Dass Russland seine Bürger überall, also auch im Ausland, schützen will, stellt ein neues besonderes Problem dar. Normalerweise ruft ein Land seine Bürger aus einer Gefahrenzone in die Heimat zurück. Wenn aber dieses Argument als Vorwand benutzt wird, um gegen andere Länder vorzugehen, so ist dies selbstverständlich nicht akzeptabel.
SZ: Besonders die Halbinsel Krim, auf der die russische Schwarzmeerflotte bis 2017 den Hafen Sewastopol gepachtet hat, gab zuletzt Anlass für Spannungen zwischen Kiew und Moskau. Können Sie bestätigen, dass an Einwohner der Krim in großer Zahl russische Pässe ausgegeben werden?
Ohrysko: In der Tat gibt das russische Generalkonsulat in Simferopol Pässe an dort lebende Bürger aus. Wir haben die russische Seite gebeten, uns über deren Anzahl zu informieren. Wir haben keine Antwort bekommen. Wir werden Maßnahmen ergreifen, dies zu unterbinden. Denn unsere Verfassung verbietet die doppelte Staatsbürgerschaft.
SZ: Der Vorsitzende des Stadtsowjets von Sewastopol erklärte, wenn die Ukraine der Nato beitritt, sei Blutvergießen auf der Krim unvermeidlich.
Ohrysko: Quatsch!
SZ: Wie stehen die Ukrainer zur Nato?
Ohrysko: Nach dem Ausbruch des Georgien-Konflikts ist die Zahl unserer Landsleute, die sich für einen Nato-Beitritt aussprechen, deutlich gewachsen und übersteigt längst die der Gegner.
SZ: Aber auf der Krim gibt es immer wieder Demonstrationen dagegen.
Ohrysko: Die meisten Demonstranten werden aus dem Ausland bezahlt. Sie bekommen am Tag bis zu 30 Dollar.
SZ: Was erwarten Sie von der EU ?
Ohrysko: Bedauerlicherweise handelt die EU nicht sehr zielorientiert. Wir denken, dass man grundsätzlich eine klare Position beziehen sollte: Dies akzeptieren wir, jenes aber nicht. Nur wenn die EU und auch die Nato mit einer Stimme reden, haben sie eine Zukunft. Die Frage ist, ob sie überhaupt eine Zukunft haben können, wenn sie dies nicht tun.
SZ: Was schlägt Kiew denn in Bezug auf Moskau vor?
Ohrysko: Wir müssen die Einhaltung internationaler Regeln fordern, andererseits dürfen wir Russland nicht aus den europäischen Prozessen ausschließen, wir dürfen es nicht isolieren. Im Gegenteil: Wir sollten mit den Russen daran arbeiten, dass die Welt sicherer wird.
SZ: Welche Rolle soll die Ukraine dabei spielen?
Ohrysko: Wir möchten ein Teil der demokratischen Welt sein und den russischen Nachbarn zeigen, dass es auch einen anderen Weg gibt als den der Konfrontation und des Konflikts, nämlich den der Demokratisierung. Für uns ist Russland nach der EU der zweitwichtigste Handelspartner, und wir wollen diese Kontakte nicht verlieren. Doch hat niemand das Recht, die Wahl unseres politischen Weges zu beeinflussen.
SZ: In Russland aber gibt es erhebliche Vorbehalte gegen einen Nato-Beitritt.
Ohrysko: Aus Moskau hören wir immer wieder den Vorwurf, dass in der Ukraine nach einem Nato-Beitritt amerikanische Militärbasen entstünden. Meine Antwort ist einfach: Unsere Verfassung verbietet ausländische Stützpunkte. Es gibt nur eine Ausnahme: die russische Schwarzmeerflotte, dies aber nur bis 2017. Ferner hören wir: Als Nato-Land würde die Ukraine Atomwaffen stationieren. Auch hier muss ich auf die Verfassung verweisen, die dies verbietet.
SZ: In Moskau verhallt dies ungehört.
Ohrysko: Wir verstehen nicht, dass unsere Nachbarn unsere Entwicklung Richtung Demokratie und Wohlstand als antirussisch wahrnehmen. Wir wollen sicher leben, mit einer aufblühenden Wirtschaft, die Wohlstand ermöglicht, in demokratischen Verhältnissen. Was kann daran schlecht sein? Wir schaffen keine zusätzlichen Spannungen, das sind Hirngespinste. Überdies ist die Nato Garant für eine demokratische Entwicklung.
SZ: Und wenn der Weg für die Ukraine vorläufig gesperrt bliebe?
Ohrysko: Wir müssten aufrüsten, um uns besser schützen zu können. Das dafür investierte Geld würde dann für die Zivilgesellschaft fehlen. Es gibt sogar erste Stimmen im Parlament, dass die Ukraine dann wieder eine Atommacht werden müsste. Aber würde dadurch unsere Sicherheit erhöht? Oder die von ganz Europa? Natürlich nicht.
(SZ vom 05.09.2008/aho)
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Die Krim wurde der Ukraine nicht geschenkt, sondern im Zuge eines Gebietstausches angegliedert. Im Gegenzug erhielt Russland die Region Belgorod, vergleichbar nach Fläche und Einwohnerzahl. Von ihrer ethnischen Zusammensetzung ist die Insel nicht unbedingt ein originär russisches Gebiet.
Die Ukraine ist eine eigenständische Kultur. Die Sprache Russisch und Ukrainisch verhalten sich wie Deutsch zu Holländisch. Gemeinsame Wurzeln machen noch keine gemeinsame Kultur. Die Zentralgewalt in Moskau ist aufgrund des Holodomors in schlechter Erinnerung.
Letztlich ist die Ukraine ein souveräner Staat, dem es vollkommen frei steht sich seine Bündnispartner auszusuchen. Ob dies Russland gefällt, tut hier nichts zur Sache.
Ein Beitritt der Ukraine würde diese eindeutig beenden. Siehe Baltikum. Einen Beitritt der Ukraine in die NATO wird nur mit einem korrigierten Territorium möglich sein. Man kann nicht von Mehrheiten sprechen, 1. die illusorisch, wie es die Orangene Revolution war, sind, 2. weil es zwei verschiedene gleichgroße und bevölkerungsmäßig gleichstarke Gebiete in der Ukraine gibt, die diametral unterschiedliche Positionen zu Kulturraum, Kultur insgesamt, Sprache, Politik und Geschichtsauslegung haben. Zudem ist der OSten ökonomisch weiter entwickelt, was in anderen Staaten größtenteils der westliche Teil war. Damit sieht man schon in welche Richtung die historische und politischwirtschaftliche Verflechtung deutet. Entscheidet eine knappe Mehrheit, dann zerbricht die bipolare Ukraine.
Komplizierter wird es, wenn man erkennt, dass die Ukraine ein künstlich erschaffenes Konstrukt der Kommunisten ist. Dann Jahre später die Schenkung der Krim, die damals schon verfasssungsrechtlich zweifelhaft war, aber unter Vorbehalt das Moskau ohnehin die Fäden ziehen wird durchgedrückt wurde. Die Krim ist international militärisch wie wirtschaftlich, für Russland und die Westukraine, aber auch ein revanchistisch denkendes England, ebenso politisch enorm wichtig. Ich denke 2017 wird, solange es die NATO gibt bzw. solange Russland nicht Bestnadteil eines westlichen Bündnisses ist, nicht das letzte Jahr der russischen Schwarzmeerflotte in der Ukraine sein. Natürlich, wenn wir davon ausgehen das die Krim bis 2017 Bestandteil der Ukraine bleibt.
hat sich mit der Info "Die meisten Demonstranten werden aus dem Ausland bezahlt. Sie bekommen am Tag bis zu 30 Dollar." selber disqualifiziert.
Oder hat er die Frage falsch verstanden und dachte, dass er über "orangene Revolution" sprechen muss...
;-)
Zu: "Nach dem Ausbruch des Georgien-Konflikts ist die Zahl unserer Landsleute, die sich für einen Nato-Beitritt aussprechen, deutlich gewachsen und übersteigt längst die der Gegner."
Ich habe aus Interesse die ukrainischen Presse verfolgt - nirgendwo habe ich so eine Umfrage & solche Werte gefunden.
@ Tinus 77
Wenn der -- Kalte Krieg -- vorbei ist, warum denn dann noch Militärbündnisse auf Geheiß der USA ausbauen und erweitern?
-- Russland nicht ausschließen, nicht isolieren --, -- mit den Russen die Welt sicherer machen -- !!
Dann bleibt nur eins, uns gemeinsam von den Amerikanern distanzieren!
Paging