Ukraine vor der Fußball-EM Hoffnungen, begraben in einem Meer aus Lügen

Die EM sollte der Ukraine die Chance geben, sich vor allem politisch weiterzuentwickeln. Doch der Sport ist schnell zur Kulisse geworden, vor der sich die Probleme des Landes abspielen. Die Boykott-Aufrufe westlicher Politiker haben die Situation zusätzlich verschärft.

Ein Gastbeitrag des ukrainischen Autors Serhij Zhadan

Serhij Zhadan, geboren 1974, lebt in Charkow und gehört zu den wichtigsten ukrainischen Autoren der Gegenwart. Zuletzt veröffentlichte er "Hymne der demokratischen Jugend" und brachte das Buch "Totalniy Futbol: Eine polnisch-ukrainische Fußballreise" heraus. Übersetzung von Tim Neshitov.

Als die Ukraine den EM-Zuschlag bekam, sahen das hierzulande viele als eine "Chance, besser werden". Es wurde gar ein gleichnamiger Werbeslogan in die Welt gesetzt. Damals, im Jahr 2007, hatte die ukrainische Gesellschaft noch die Illusion nicht ganz verloren, sich schnell und schmerzfrei in Europa zurechtzufinden und auf diese Art alle politischen und historischen Missverständnisse zu überwinden. Bald wurde jedoch klar, dass die EM nicht nur eine hypothetische Chance bietet, besser zu werden, sondern auch die Möglichkeit, schlechter zu werden.

Jedenfalls ließen die Probleme nicht lange auf sich warten. Seit fünf Jahren wird darüber debattiert, die ukrainischen Spiele notfalls nach Deutschland oder Polen zu verlegen. Seit fünf Jahren wird der hohe Preis beklagt, den das Land für dieses Fußballfest zu zahlen habe. Seit fünf Jahren unternehmen die Machthaber (die ehemaligen wie die jetzigen) den plumpen Versuch, sich dank der EM zu profilieren. Bezeichnend ist, wie die ukrainischen Präsidenten bei der Eröffnung von Stadien ausgebuht werden. Juschtschenko wurde von Fans in Donezk und Charkow ausgepfiffen. Janukowitsch wurde in Kiew ausgebuht und blieb danach der Eröffnungsfeier in Lemberg fern.

Potemkin'sche Dörfer

Seit fünf Jahren wird die Vorbereitung auf die EM von Skandalen begleitet, der krasseste war wohl die Abholzung eines Teils des Gorki-Parks in Charkow. Die dortige Stadtverwaltung erklärte, man müsse, um die EM-Spiele zu veranstalten, unbedingt eine neue Straße durch das Erholungsgebiet verlegen. Der Widerstand von Umweltaktivisten dauerte Monate und endete mit dem kompletten Sieg der Stadtverwaltung über die Vernunft.

Man kann auch den Kampf gegen die Straßentiere erwähnen, die vor der EM massenhaft eingefangen werden, oder den Kampf gegen die Studenten, die aus ihren Wohnheimen hinausgedrängt werden, um Wohnfläche für Fußballfans zu schaffen. Deutsche Journalisten haben mir erzählt, sie hätten für die EM Zimmer in einem Hotel in Charkow gebucht (300 Euro pro Nacht) und wollten während ihres Aufenthalts in der Stadt Ende April nachschauen, wo sie während der Meisterschaft untergebracht sein würden. Es stellte sich heraus, dass das Hotel noch nicht fertig gebaut war.

Das eigentliche Problem besteht aber nicht in den Hotels oder den Studentenwohnheimen, sondern darin, dass die ukrainischen Politiker absolut handlungsunfähig sind. Je energischer die Regierung ihre Erfolge bei der Vorbereitung auf das Turnier meldete und von immer neuen fertigen Objekten berichtete, desto lauter wurden die EM-Skeptiker mit ihrer Frage: Inwiefern ist ein derart kostspieliges Unterfangen in einem Land mit so vielen sozialen und wirtschaftlichen Problemen überhaupt gerechtfertigt? Mittlerweile gibt es sehr viele EM-Skeptiker.

Oberflächlich betrachtet ist alles gut

Wer sich für Fußball nicht interessiert, hat Schwierigkeiten zu verstehen, wieso nicht Krankenhäuser oder Kindergärten statt Fünf-Sterne-Hotels gebaut werden. Übrigens können das auch nicht alle Fußballfans nachvollziehen. Gleichzeitig bezweifelt hier niemand, dass die Politiker, ob vor Ort oder in der Hauptstadt, auch in einer solchen Situation es schaffen werden, sich am Fußballfest zu bereichern. Es bleibt die Hoffnung, dass die Chance, besser zu werden, sich für die Ukrainer nicht in die Sicherheit verwandelt, ärmer zu werden.

Schwer zu sagen, wie dieses EM-Epos endet. Oberflächlich betrachtet ist alles gut: Die Städte sind sauber, Hotelzimmer werden reserviert (und sei es in Hotels, die es noch nicht gibt), Tickets für die Spiele sind verkauft, die Stadien fertig, alles irgendwie in Ordnung. Allerdings scheint diese für ausländische Touristen vorbereitete "Fassaden-Ukraine" ein Kartenhaus zu sein, ein schnell zusammengebasteltes Potemkin'sches Dorf. Zum Beispiel Charkow: Die meisten Renovierungen haben im Stadtzentrum stattgefunden, dort also, wo das Auftauchen westlicher Touristen am wahrscheinlichsten ist. Nach demselben Prinzip wurden auch die Straßen repariert.

Macht als Sakrileg

Dürftig renovierte Hausfassaden und abgeholzte Bäume auf dem Weg zum Flughafen - vielleicht gefällt ein solches Charkow irgend jemandem. Vielleicht werden sich sogar Charkower finden, die eine derartige "Sorge der Stadtverwaltung um das Wohl der Bürger" zu schätzen wissen. Denn die ukrainische Gesellschaft neigt immer noch dazu, die Macht zu sakralisieren, sie als eine Art Gabe zu sehen, die auf ihre Politiker vom Himmel herniederkommt, und nicht als etwas, was im Zuge von Wahlen an Politiker delegiert wird. Die Ukrainer sind es nicht gewohnt, Vertreter der Macht als Manager zu betrachten, die sie selbst angeheuert haben. Deswegen weckt in ihnen jede Demonstration von Tätigkeit tiefen Respekt, nach dem Motto: Andere hätten vielleicht einfach alles geklaut, aber diese hier teilen etwas mit uns.

Bürger, die weiterhin an das heilende Wesen der EM glauben, sehen die Sache so: Für uns sind neue Stadien gebaut worden, neue Hotels und Flughäfen, wir werden prächtig unterhalten werden, Tausende reiche Europäer werden zu uns kommen. Die Variante, dass jemandem die zu Hotels umgebauten Studentenwohnheime, die überhöhten Preise für Taxis und Restaurants oder der ukrainische Service insgesamt nicht gefallen könnten, wird dabei nicht erwähnt. Desto mehr wird diese Variante von EM-Gegnern erwähnt, die ihrerseits dem anderen Extrem anheimfallen und in der Europameisterschaft ausschließlich ein Familiengeschäft des Präsidenten sehen. Die EM-Gegner wären gerne bereit, auf die Spiele auf ukrainischem Boden zu verzichten.