TV-Duelle im US-Wahlkampf Ich, Ich, Ich

In den USA gelten die Duelle als Präsidenten-Macher, schon mancher Kandidat ist im Schlagabtausch untergegangen. Manche haben sich blamiert, ohne ein Wort zu sagen. Donald Trump aber macht es nun anders.

Von Nicolas Richter

Am Abend der jüngsten republikanischen TV-Debatte stand Donald Trump vor so vielen Fernsehkameras, dass er sich an die "Oscar-Verleihung" erinnert fühlte. Allerdings stand er dort ziemlich allein: Während seine Rivalen im Wettbewerb um die Nominierung der Republikanischen Partei für das Weiße Haus beim konservativen Nachrichtensender Fox News diskutierten, hielt Trump eine trotzige Konkurrenzveranstaltung ab, bei der er Spenden für Veteranen sammelte und sich gewissermaßen sämtliche Oscars selbst zusprach, unter anderem für den besten Haupt- und Selbstdarsteller, Regisseur und Produzenten. Trump war der alleinige Held seiner Show, keine Rolle behagt ihm so sehr wie diese.

Der eigentlichen TV-Debatte blieb Trump fern, weil er sich angeblich vor fünf Monaten über die Fox-Moderatorin Megyn Kelly geärgert hat, die ihn im August 2015 fragte, warum er Frauen als Schlampen beschimpft. Die wahrscheinlichere Erklärung ist, dass Trump sich schlicht mehr Aufmerksamkeit davon versprach, alleine aufzutreten. Er ist ein Meister darin, die Aufmerksamkeit mit immer neuen Provokationen für sich zu beanspruchen. Während etliche Kandidaten dankbar sind, dass sie auf der großen TV-Bühne stehen dürfen, hat Trump eine neue Variante erfunden: nicht zu erscheinen, obwohl man es könnte.

Debatten im Fernsehen sind noch immer die Höhepunkte amerikanischer Wahlkämpfe, vor dem großen Publikum haben sich die Schicksale etlicher Kandidaten entschieden. Im Vorwahlkampf 2011 stand Rick Perry, der Gouverneur von Texas, plötzlich mit einem völligen Aussetzer auf der Bühne: Er wollte diverse Behörden in Washington abschaffen, konnte sich aber nicht mehr daran erinnern, wie sie hießen. "Ups", sagte er, als habe man ihn beim Stehlen erwischt. Es war das Schlusswort seiner Bewerbung um das höchste Amt. Im Herbst 1988 wurde der demokratische Kandidat Michael Dukakis beim TV-Duell gefragt, ob er die Todesstrafe befürworten würde, sollte jemand seine Frau ermorden. Dukakis wollte prinzipientreu wirken und antwortete so dezidiert mit Nein, dass er kalt und gefühllos wirkte. Wenig später verlor er die Hauptwahl gegen George Bush Senior.

Ronald Reagan versprach, das Alter seines jüngeren Gegners nicht zum Thema zu machen

Manche Kandidaten haben sich blamiert, ohne auch nur ein Wort zu sagen, allein durch Laute und Körpersprache. Als Vize-Präsident Al Gore Ende 2000 im TV-Duell auf George W. Bush traf, seufzte er immer wieder tief gelangweilt, während Bush redete; einmal ging er auf Bush zu, als wollte er ihn körperlich einschüchtern. Bush konterte mit einem kumpelhaften Lächeln. Es blieb kaum in Erinnerung, was an dem Abend gesagt wurde, dafür aber die Bilder: Bush war sympathisch und entspannt, Gore überheblich und etwas sonderbar. Bush gewann die Wahl, allerdings erst nach einem Rechtsstreit um die Auszählung in Florida.

Vor den großen Duellen verhandeln Sender und Kandidatenberater um jedes Detail, Themen, Redezeit, Beleuchtung. Doch am Ende zählt fast nie die Vorbereitung: Es gewinnt, wer sich schlagfertig und spontan aus einer brenzligen Lage befreit. In einer Vorwahl-Debatte im Jahr 2008 fragte man den Demokraten Barack Obama, wie er den Neuanfang verkörpern wolle, wo er doch so viele Berater von Ex-Präsident Bill Clinton beschäftige. Besonders laut lachte da, neben Obama, seine Rivalin Hillary Clinton. "Hillary", sagte Obama zu ihr, "ich freue mich darauf, dass auch du mich bald berätst." (Genau so kam es, als sie nach seinem Wahlsieg Außenministerin wurde.)

Eine der besten Antworten stammt von Präsident Ronald Reagan, den man 1984 beim TV-Duell mit seinem 57-jährigen Herausforderer Walter Mondale fragte, ob er seinen Aufgaben noch gewachsen sei. Zweifellos, antwortete der 73-jährige Reagan: "Ich verspreche, dass ich Alter nicht zum Wahlkampfthema mache. Ich werde nicht für politische Zwecke die Jugend und Unerfahrenheit meines Gegners ausschlachten." Natürlich hieß der Wahlsieger Reagan.