Von Hans-Jürgen Jakobs und Claudia Tieschky

Das Polit-Duell zwischen Schröder und Merkel als absurdes Staatsfernsehen: Eine 90-minütige Redeschlacht mit den versammelten Moderatoren von ARD, ZDF, RTL und Sat1.

Am Mittwoch, 15 Uhr, war es wieder soweit. Die Emissäre der vier wichtigsten deutschen Fernsehsender trafen sich im Berliner Hotel Westin Grand mit den Unterhändlern der derzeit zwei wichtigsten Politiker: Duellfragen!

Merkel, dpa

Will Schröder keine zweite Chance geben: Angela Merkel (© Foto: dpa)

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Endgültig entschieden werden sollte, wann und wie lange und in welcher Form sich Bundeskanzler Gerhard Schröder und Kanzlerkandidatin Angela Merkel vor den TV-Kameras streiten. Die Stimmung war aufgeheizt.

Merkels Mannschaft will nur einen Termin, der ungleich fernsehgewandtere Schröder plädierte für zwei Veranstaltungen. Selbst in der Union sorgte die Frage, ob die Chefin nicht kneift, für Zündstoff. CSU-Parlamentarier Josef Göppel zum Beispiel riet ihr zu zwei Duellen: "Sie braucht sich mit ihren Argumenten nicht zu verstecken."

Doch an diesem regentrüben Mittwoch in der Hauptstadt zeichnete sich früh ab, dass es zu einem Unikat kommt, zu einer 90-minütigen Redeschlacht mit den versammelten Moderatoren von ARD, ZDF, RTL und Sat1.

Als Termin wird der 4. September, 20.30 Uhr, gehandelt. Die zwei Duellanten könnten sich dann zu Unterthemen abwechselnd von Interviewer-Grüppchen - privaten und öffentlich-rechtlichen - befragen lassen.

45 Minuten für das eine Rundfunksystem, 45 Minuten für das andere? Das ist, als ob in der Allianz Arena der FC Bayern München die erste und 1860 München die zweite Halbzeit kämpft.

Penible Planung

Wahrscheinlicher schienen da abwechselnde Fragen. Fest steht: Die Balance der TV-Journalisten erfordert diesmal eine ähnlich penible Planung wie die Redezeit-Verteilung der Polit-Akteure.

So droht am ersten Septembersonntag ein großes absurdes Theater - und eine Art gleichgeschaltetes Staatsfernsehen. Kein Spielfilm auf RTL, keine Pilcher-Romantik im ZDF, kein Tatort im Ersten, keine Show auf Sat1 - dafür staatstragend das televisionäre Deutschland-Duell: Jetzt red' I, und zwar zeitig vor der Wahl am 18. September. CDU-Frontfrau Merkel hatte auf einem möglichst frühen Termin bestanden. Hallo Deutschland!

Keine zweite Chance für Schröder

Mit ihrer Sprecherin Eva Christiansen und dem Helfer Willi Hausmann hatte sie beredet, wie die TV-Vorteile Schröders zu konterkarieren wären. Warum sollte sie wohl dem Kanzler auf einem Feld, das für ihn günstig ist, eine zweite Chance geben, fragte Merkel vor Vertrauten.

Außerdem baut sie offensichtlich auf den Erwartungseffekt: Da alle Welt davon ausgeht, dass Merkel im Fernsehstudio eher Probleme hat, wirkt ein stotter- und schlotterfreier Auftritt schon als relativ großer Erfolg.

Im Jahr 2002 erreichte Herausforderer Edmund Stoiber (CSU) deshalb im ersten Duell weit bessere Werte als im zweiten. Zudem könnte Merkel bei einem Einzeltermin den unverbrauchten Frauenfaktor nutzen, etwa nach Art der amerikanischen Demokratin Geraldine Ferraro.

Geschlechterkampf

Sie schmetterte 1984 in einem TV-Duell die Belehrungen ihres Gegenspielers George Bush mit den Worten ab: "Don't patronize me!" - da wurde der Wahlkampf zum Geschlechterkampf.

Als Ersatz für das zweite TV-Duell haben sich Gerhard Schröder und sein Regierungssprecher Bela Anda eine schöne Ersatzkonstruktion einfallen lassen: Der Kanzler tourt durch die Dritten Programme der ARD und versucht so zu wiederholen, was ihm am Sonntag im Ersten bei Sabine Christiansen gelang: die Übernahme eines Formats.

Am nächsten Dienstag redet er im Bayerischen Fernsehen mit dem CSU-erprobten Sigmund Gottlieb, und im MDR wartet der ebenfalls gut konservative Chefredakteur Wolfgang Kenntemich.

Erwogen wird auch eine gemeinsam von WDR und NDR ausgestrahlte TV-Befragung. Schröder jedenfalls gab in den vergangenen Tagen den selbstsicheren Kombattanten, der den Redekampf sucht - schon fast egal, mit wem.

Bayerns Ministerpräsident Edmund Stoiber reagierte einigermaßen fuchsig auf Schröders Schmankerl, statt eines zweiten Fernseh-Duells mit Merkel könne es ja eine Begegnung mit dem vormaligen Kandidaten geben. Das sei "doch Unsinn", so Stoiber, der Kanzler solle "mit den Mätzchen aufhören".

So trafen sich also die Lager am Mittwoch voller Misstrauen vor der nächsten Volte der anderen Seite. Warum denn die Öffentlich-Rechtlichen - vertreten durch die Chefredakteure Hartmann von der Tann (ARD) und Nikolaus Brender (ZDF) - nicht stärker auf zwei Terminen bestanden hätten, fragten Schröders Leute.

Bei Sat1 wiederum war zu spüren, dass man angesichts der zu erwartenden Staats-Quote am liebsten verzichten möchte - andererseits will man keinesfalls dem routinierten RTL-Moderator Peter Kloeppel allein das Feld überlassen.

Unvergessen, dass RTL schon 2002 wesentlich mehr Quote mit dem Duell machte - und dass die ARD im zweiten Aufeinandertreffen noch viel mehr Zuspruch hatte.

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(SZ vom 4.8.2005)