Tunnelsysteme der Hamas Krieg aus dem Untergrund

Israelische Soldaten suchen außerhalb des Gazastreifens nach Zugängen zu Tunneln, die Mitglieder der Hamas gegraben haben könnten.

(Foto: REUTERS)

Sie dienen der Versorgung - aber auch als Lagerstätte für Raketen. Der Gazastreifen ist von Tunneln der Hamas durchzogen. Nun hat Israels Premier Netanjahu die Zerstörung der Gänge zum Ziel erklärt. Kritiker fragen: Warum erst jetzt?

Von Peter Münch, Tel Aviv

Die Tarnung war perfekt. Fast perfekt. Gekleidet in israelische Uniformen, drang ein mindestens zehn Mann starker Stoßtrupp der Hamas durch einen geheimen Tunnel nach Israel vor. Nahe des Kibbuz Nir Am kletterten die Kämpfer im Morgengrauen an die Oberfläche, und Israels Späher waren verwirrt.

Erst die Nahaufnahme einer Drohne zeigte, dass diese Männer Kalaschnikows trugen - und die werden nicht benutzt vom israelischen Militär. Doch da war es längst zu spät: Die Eindringlinge nahmen einen Armeejeep unter Feuer, vier Soldaten starben. Als die Kämpfer dann versuchten, sich in den Tunnel zurückzuziehen, wurden sie aus der Luft bombardiert und getötet.

Tunnel ist längst nicht Tunnel

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Ereignet hat sich das zu Wochenbeginn, und es war bereits der vierte derartige Vorfall seit dem Start der Bodenoffensive. Für die israelische Führung sind das weitere Belege dafür, dass die Tunnel eine enorme strategische Gefahr bedeuten. Premierminister Benjamin Netanjahu hat ihre Zerstörung gar zum obersten Kriegsziel erklärt. Wie weit er dabei gehen und was genau er damit erreichen will, bleibt jedoch unklar. Denn unter dem gesamten Gazastreifen ist der sandige Boden von einem weitverzweigten System unterirdischer Gänge und Anlagen durchzogen, von denen aus die Hamas ihren Untergrundkrieg führt. Doch Tunnel ist dabei längst nicht gleich Tunnel.

Grundsätzlich sind drei Arten zu unterscheiden. Am bekanntesten sind die Schmuggeltunnel unterhalb der Grenze zu Ägypten bei Rafah. Seit Beginn der israelischen Blockade 2006 war dies die Lebensader für die 1,8 Millionen Bewohner des Gazastreifens, und es war ein einträgliches Geschäft für die Hamas, die alles kontrollierte und besteuerte. Von Waffen über Benzin und Baustoffe bis zu Lebensmitteln - alles kam durch die Tunnel, bis die neue ägyptische Regierung unter Ex-General Abdel Fattah al-Sisi sich an die Zerstörung machte. Etwa 1400 Tunnel wurden bis heute geflutet oder gesprengt, das Schmuggelgeschäft existiert nicht mehr, und die Not im Gazastreifen ist dadurch noch einmal enorm gewachsen.

Warum erst jetzt?

Die zweite Art der Tunnel ist so etwas wie ein unterirdischer Lebensraum der Hamas-Funktionäre und ihrer bewaffneten Kassam-Brigaden. Hier lagern sie ihre Waffen, hier verstecken sie ihre Raketen, und von hier aus werden diese auch abgefeuert. Viele der Waffendepots und Abschussrampen liegen nach Angaben der israelischen Armee unter dicht besiedelten Wohngebieten, unter Moscheen, Schulen und Krankenhäusern. Überdies soll es in dieser "Stadt unter der Stadt", wie die Menschen in Gaza das nennen, auch reichlich Rückzugsraum für die Hamas-Anführer geben. Gerüchten nach liegt ihre Kommandozentrale in diesem Krieg genau unter dem Schifa-Hospital, dem größten Krankenhaus des Küstenstreifens, in dem derzeit Hunderte Verletzte behandelt werden.

Als größte Gefahr nennt die Regierung in Jerusalem derzeit jedoch die sogenannten Terror-Tunnel, die in monatelanger Arbeit mit bergmännischem Fachwissen unter der Grenze hindurch gegraben wurden, um Ziele in Israel zu attackieren oder möglicherweise auch Geiseln zu nehmen. Die Kosten für jeden dieser Stollen, die bis zu 25 Meter tief im Erdreich verlaufen sollen und teils mehrere Hundert Meter hinter der Grenze nach oben führen, werden auf bis zu eine Million Dollar geschätzt. Dutzende soll es davon geben, Genaueres ist nicht zu erfahren.

Verwunderlich erscheint allerdings, dass diese Gefahr erst jetzt als so immens betrachtet wird, dass die Regierung dafür sogar einen verlustreichen Bodenkrieg zu führen bereit ist. Schließlich müsste die Bedrohung spätestens seit dem Sommer 2006 bekannt gewesen sein, als der israelische Soldat Gilad Schalit durch einen solchen Tunnel in den Gazastreifen verschleppt wurde.

25 Tunnel mit 70 Zugängen entdeckt

In den israelischen Medien schwillt deshalb nun die Diskussion an, warum nicht früher schon etwas gegen diese Tunnel unternommen wurde. Verglichen wird die Gefahr dabei mit der Bedrohung durch Raketen - und gegen die hat sich Israel schließlich in den vergangenen Jahren auch dank enormer Investitionen mit dem Abwehrsystem "Iron Dome" wappnen können. Geologen und sonstige Experten werfen der Regierung nun Untätigkeit vor und präsentieren verschiedene vernachlässigte Lösungsmodelle - von einer Art unterirdischem Zaun über Sensoren bis zu Radarsystemen.

All das jedoch wird erst nach dem Krieg zu klären sein. Als Zwischenstand zur Bodenoffensive meldet die Armee, dass bislang 25 solcher Tunnel mit 70 Zugängen entdeckt wurden. Doch niemand weiß, was noch im Untergrund verborgen ist, und die Eingänge könnten in jedem Haus liegen. Die Frage also ist, wann Israels Militäreinsatz sein Ziel erreicht hat. "Zwei bis drei Tage" brauche man noch, bis ein Großteil der Tunnel zerstört sei, sagte Verteidigungsminister Mosche Jaalon - doch das ist fünf Tage her, und die Kämpfe gehen immer weiter. Die "Terror-Tunnel", so scheint es, sind also womöglich nur eine Chiffre dafür, dass Israel in diesem Krieg die Hamas nicht nur oberflächlich bekämpfen will, sondern gründlich bis hinein in den tiefsten Untergrund. Mit schnellen Erfolgen ist dabei kaum zu rechnen.