Tunesien Chaotisch demokratisch

Die Tunesier nutzen nur ihre neu gewonnene Freiheit aus.

Von Moritz Baumstieger

Bilder und Slogans gleichen sich: Ähnlich wie zuletzt in Iran gehen in Tunesien Menschen auf die Straße. Ähnlich wie in der Regionalmacht am Persischen Golf liegen im 11-Millionen-Ländchen am Mittelmeer die Ursachen in wirtschaftlicher Frustration: Arbeitslosigkeit und Korruption belasten die Bevölkerung, die Lebensmittelkosten steigen, die Einkommen stagnieren bestenfalls. Weil das strukturschwächere Regionen besonders hart trifft, nahmen die Proteste in beiden Ländern in der Provinz ihren Anfang, bevor sie in die Hauptstädte schwappten.

Die Unterschiede zwischen Tunis und Teheran sind jedoch groß: Zum siebten Jubiläum ihrer Jasmin-Revolution warten die Menschen in Tunesien noch immer darauf, dass ihr Mut zur Demokratie auch mit besseren Lebensumständen belohnt wird. Die Regierung, gegen deren Sparpolitik sich nun der Unmut richtet, muss sich jedoch dem Volk verantworten. Sollten die Proteste anhalten, sind eine Kabinettsumbildung oder Neuwahlen möglich. Im neuen Tunesien ist das fast schon Routine, die aktuelle Regierung ist die neunte, seit Diktator Ben Ali abdankte.

Das klingt chaotisch. Doch durch seine Fähigkeit, sich selbst zu korrigieren, ist Tunesien langfristig wohl stabiler als der veränderungsresistente Iran. Das System der Islamischen Republik ist erstarrt, den Willen des Volkes bildet es 39 Jahre nach der letzten Revolution nur noch in Teilen ab. Das Regime wird dennoch weiterregieren wie bisher. Mit Gewalt, weil es keine Alternative kennt.