Einigung in Flüchtlingsfrage in Izmir/Smyrna Wo Griechen und Türken zu Erzfeinden wurden

Smyrna geht in Flammen auf. Auch nach dem Unabhängigkeitskrieg bliebt die Stadt ein wichtiges Handeslzentrum für Griechenland. 

(Foto: Getty Images)

Griechenland und die Türkei einigen sich in der Flüchtlingsfrage - ausgerechnet in Izmir, einem zentralen Ort der "Kleinasiatischen Katastrophe".

Von Christiane Schlötzer

Warum haben wir Izmir verbrannt? Fürchteten wir etwa, uns vor den Minoritäten nicht schützen zu können, solange die Konaks, die Hotels und Casinos am Cordon standen?

Mit diesen Worten betrieb Falih Rıfkı, Journalist und Zeitgenosse des türkischen Republikgründers Kemal Atatürk, einst Gewissenserforschung. Im Feuer von Izmir ging 1922 eine ganze Welt unter. Der Großbrand, ausgehend vom zentralen armenischen Quartier, vernichtete die kompletten Wohnviertel der orthodoxen Griechen und der katholischen Levantiner in der einstigen Handelsmetropole am Mittelmeer.

Verschont blieben nur die muslimischen und die jüdischen Bezirke. Erst kurz zuvor hatte Atatürks Armee die griechischen Besatzungstruppen aus Izmir vertrieben. Bis heute sprechen die Griechen von der "Kleinasiatischen Katastrophe", die Türken vom "Befreiungskrieg".

Erstes offizielles Treffen von Premiers seit 1921

Izmir, März 2016: Der türkische Premier Ahmet Davutoğlu begrüßt lächelnd den "verehrten" Alexis, und der griechische Regierungschef Tsipras klopft dem "lieben Freund" Ahmet auf die Schulter. Die türkische Zeitung Milliyet frohlockt über die erste offizielle Begegnung eines griechischen und eines türkischen Ministerpräsidenten in Izmir seit 95 Jahren.

Die letzte fand 1921 statt, da stand Smyrna, wie die Griechen die Stadt bis heute nennen, gerade unter griechischer Besatzung, und der Premier hieß Dimitrios Gounaris. Der war einer der vielen Kurzzeit-Nachfolger von Eleftherios Venizelos, der den Griechen 1919 den Krieg eingebrockt hatte.

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Venizelos war beseelt von der Megali Idea, dem Traum vom Großreich, in dem alle seit der Antike griechisch besiedelten Gebiete vereint sein sollten. Schon 1920 wurde Venizelos in Wahlen abgelöst und zog sich nach Paris zurück, während der erbitterte Krieg weiterging.

Heute ist Izmir eine ägäische Metropole mit vier Millionen Einwohnern, Wolkenkratzern und einem futuristischen Großflughafen. Von verbrannter Erde nichts zu sehen.

Allenfalls an nahen Küstenabschnitten, wo sich Flüchtlinge an Holzfeuern wärmen, bevor ihnen die Schlepper sagen, wo sie in die Boote steigen sollen, auf dem Weg nach Griechenland. Izmir ist das Zentrum dieser Tour-Operatoren, der Schwimmwestenverkäufer und Bootsbeschaffer, der Hauptumschlagplatz der Not und des Nötigsten.

Genau das zu ändern haben sich die beiden Premiers in Izmir vorgenommen. Davutoğlu versprach, die Ägäis fortan zu einem "Meer des Glücks und der Freundschaft" zu machen. Beide unterzeichneten ein Abkommen, das Griechenland das Recht gibt, Flüchtlinge umgehend wieder in die Türkei zurückzuschicken.

Ein kleiner Bevölkerungsaustausch, könnte man sagen, muss man gerade in Izmir doch an den "großen Bevölkerungsaustausch" denken, der als Teil der ganzen Katastrophe einst den Schlussstrich unter 2500 Jahre griechische Besiedlung Kleinasiens setzte. 1923 segneten die westlichen Großmächte, die sich davon Frieden zwischen den Nachbarn versprachen, den Vertrag von Lausanne ab.

Traumatische Erinnerung der Zwangsumsiedlung

Danach mussten 1,3 Millionen Griechen das Gebiet der neuen Türkischen Republik verlassen, im Gegenzug wurden 500 000 Muslime aus Griechenland in die Türkei gebracht. In unzähligen Familien ist die Erinnerung an die Zwangsumsiedlung bis heute tief verankert, und nicht selten wirkt sie noch immer traumatisch.

Vororte von Athen tragen Namen, die an Kleinasien erinnern: Nea Ionia, Nikaia, Nea Smyrni. Fußballklubs haben die alten Namen in ihre Kürzel integriert. Bei PAOK Saloniki steht das K für Konstantinopel, die Stadt, die heute Istanbul heißt.

In der jüngeren Vergangenheit haben sich Griechen und Türken aber auch nicht davon abhalten lassen, die Geschichte endlich Geschichte sein zu lassen. Istanbul ist als Reiseziel bei Hellenen hochbeliebt, wobei sich Nostalgie und Neugier mischen.

Ein seltsames Gefühl der Vertrautheit stellt sich dabei nicht selten ein, wenn griechische Besucher am Bosporus noch vorfinden, was dem Bauboom in Athen längst zum Opfer fiel: den Bakkal, den kleinen Lebensmittelladen an jeder Ecke, die Teestube.

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Für Türken, die bislang nicht stempelfrei in die EU reisen dürfen, gibt es seit einer Weile Tagesvisa zum Besuch der küstennahen Inseln. TV-Serien aus der Türkei sind in Griechenland Quotenrenner. Nationalisten in beiden Ländern ärgert das regelmäßig, sie bemühen immer wieder, mit feuriger Rhetorik die alten Ängste zu beleben - mit unterschiedlichem Erfolg.

Gänzlich gelang es auch Tsipras und Davutoğlu trotz aller mediterranen Entspanntheit nicht, das nach wie vor bestehende Misstrauen vergessen zu lassen. Als Tsipras sich über türkische Luftraumverletzungen beschwerte, entgegnete ihm Davutoğlu, was die Griechen als ihren Luftraum betrachteten, sehe die türkische Militärführung als den eigenen. Eine Antwort wie ein Funkenflug, nachzulesen in der Mittwochausgabe der griechischen Zeitung Kathimerini.

Parlamentarische Kriegsdrohung seit 1995

Über die Dimensionen von Luftraum und Territorialgewässern sind sich Athen und Ankara seit Jahrzehnten gefährlich uneinig. Seit 1995 gilt eine - per Parlamentsbeschluss - abgesegnete Kriegsdrohung (Casus Belli) für den Fall, dass Griechenland seine Hoheitsgewässer von sechs auf zwölf Seemeilen ausdehnt.

Das Recht dazu hat sich Athen mit der Unterzeichnung der UN-Seerechtskonvention 1995 vorbehalten - aber dann lieber nie umgesetzt. Davutoğlu meinte nun, wenn Griechenland diesen Anspruch zurücknehme, könne man auch auf den alten Casus verzichten. Das klang dann noch nicht so recht nach inniger Freundschaft.

Falih Rıfkı, der das stolze Izmir einst brennen sah, notierte: "Ich blickte auf eine beispiellose Tragödie, die mein Herz erzittern ließ."

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