Türkei und der Westen Die Nase voll von Europa

Die Türkei will nicht nach Osten oder Westen, sondern nach oben: Hat Ankara deshalb langsam genug von der Nato und der Europäischen Union? Das Land ist zu einer bedeutenden Regionalmacht herangewachsen und hat sich von seinen Verbündeten im Westen bereits entfremdet - für einen EU-Beitritt ist die Türkei vielleicht bald zu stolz.

Von Stefan Kornelius

Niemand kann behaupten, dass die türkische Regierung eine Art Geheimdiplomatie betrieben habe. Nein, die Blaupause für all die Irritationen der letzten Zeit wurde schon früh veröffentlicht. 2001 erschien Stratejik Derinlik, zu Deutsch: Strategische Tiefe. Der Autor: Ahmet Davutoglu, damals Professor für internationale Beziehungen, heute der Außenminister der Türkei.

Seitdem der Professor vor zwei Jahren sein Amt antrat, weiß die Welt, wie es sich zwischen Theorie und Praxis verhält. Die Türkei ist zu einer beeindruckenden Regionalmacht herangereift, für die "strategische Tiefe" reale geografische Bedeutung hat. Von den kaukasischen und zentralasiatischen Republiken über die arabische Halbinsel bis nach Nordafrika und auf den Balkan lassen sich die Spuren ihrer neuen Außenpolitik verfolgen.

Nur eine Adresse fehlt zunehmend, wenn Ankara den Globus dreht: Brüssel. Schon überschlagen sich die Spekulationen über die Motive Ankaras, und westliche Partner der Türkei fragen irritiert: Ist die Türkei dem Westen verlorengegangen? Oder gar: Sind es die Türken selbst, die vom Westen und seinen Institutionen, der Nato und der Europäischen Union, die Nase voll haben?

Das European Council on Foreign Relations, ein unabhängiger außenpolitischer Thinktank, und drei Partnerorganisationen stellten gerade in einer umfangreichen Studie fest: Die Türkei ist jetzt ein Akteur, ein Wirtschaftspol und vielleicht ein aufstrebender regionaler Hegemon. Einen amerikanischen Beobachter zitiert die Studie mit den Worten: "Die Türkei will nicht nach Osten oder Westen, sie will nach oben."

Auf diesem Weg hat die Regierung Erdogan allerdings so viele Irritationen ausgelöst, dass in den Außenministerien der Verbündeten und gerade bei der EU über die richtige Strategie im Umgang mit Ankara nachgedacht wird. Vor allem die türkische Nachbarschaftspolitik der letzten Jahre weckte zum Teil Zweifel an der Verlässlichkeit Ankaras als Partner des Westens.

Davutoglu verkündete eine "Null-Problem-Politik" im Umgang mit den unmittelbaren Nachbarn - vor allem dem Irak, Syrien, dem Libanon und Armenien. Visafreiheit wurde gewährt, eine Art türkische Freihandelszone wuchs. Ankara beerdigte historische Konflikte in atemberaubendem Tempo. Prompt wurde die Regierung von den Ereignissen überrollt: Die Nähe, die Erdogan noch zu Potentaten wie Baschar al-Assad in Syrien oder Muammar al-Gaddafi in Libyen gesucht hatte, erwies sich im arabischen Frühling als verhängnisvoll.